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An der Eingangstür sehe ich einen Handwerker zwei aus der Wand ragende Kabel abklemmen. Zettelverteilerinnen drängen mir ihre analoge Werbung auf.

Ich wandere hinein in den karamell-orangefarbenen Innenraum der neuen East Side Mall in Berlin und entdecke, Überraschung, es gibt einen Saturn! Nur für die, die nicht mehr wissen, was das ist: Es handelt sich um einen Elektronikmarkt. Das ist ein Geschäft, das Geräte wie Flachbildfernseher oder Waschmaschinen, also all das, was man eigentlich online kauft und liefern lässt, vor Ort ausstellt. Ich betrete die nagelneue und schon veraltet wirkende Verkaufsfläche – möchte heute aber, trotz Eröffnungsangebot, lieber keinen Kühlschrank kaufen.

Ich staune, welche erlesenen und in Berlin sonst nie gesehenen Geschäfte hier heute Filialen eröffnen: Aldi, McPaper, Nordsee, Deichmann und Rewe. Wahnsinn! Eine Bioladenkette ist auch dabei, die Versorgung ist gesichert, keine Mangelwirtschaft mehr im Osten.

Glücksräder stehen vor einigen Geschäften, die Kunden des Glücks stehen Schlange. Das traurigste Glücksrad dreht sich vor dem Mobilfunkladen im Untergeschoss. Das heißt, es dreht sich noch nicht einmal, es ist nur eine Animation auf einem hochkant stehenden Monitor und nicht einmal ganz zu sehen. Zu gewinnen gibt es, die Schlange ist nun zwanzig Meter lang, ermäßigte Vertragsverlängerungen und rote Lutscher.

Ja, der Kapitalismus hat nichts zu verschenken. Neben den apathisch hintereinander Wartenden turnt eine junge Frau in Sportkleidung, sie hampelt, sie tanzt, sie strampelt sich ab und dreht und wirbelt dabei ein Schild herum. Sie wirbt, "macht xuperdrauf" steht auf dem Schild, für das Fitnessstudio im Haus.

"Mall" heißt albern oder verrückt

Es war gar nicht so leicht, in die neue, die 69. Mall von Berlin hineinzufinden. Das auffällig bunte, dunkelrot-orange-grauweiß-gestreifte Gebäude liegt zwar gut sichtbar an der Warschauer Brücke in Friedrichshain-Kreuzberg – nur gibt es von dort selbst noch keinen Zugang. Junge Menschen mit pfeilförmigen Schildern – einer steht schon am Ausgang des S-Bahnhofs Warschauer Straße – tanzen den Weg durch ein M.C.-Escher-haftes Gewirr von Betontreppen unter der Fahrbahn der Warschauer Brücke.

Die Polizei ist um kurz nach zehn auch schon da, mehrere Beamte lehnen am Geländer Warschauer Brücke. So groß, dass sie eingreifen müssen, ist der Andrang am Eröffnungstag noch nicht. Es dauert, bis ich verstehe, dass sie bloß dieses Geländer, an dem sie lehnen, bewachen. Es versperrt noch den Zugang zu einer neuen, breiten Fußgängerbrücke, die direkt in das Einkaufszentrum hineinführen würde. Das Geländer darf, kleine Berliner Bauposse, jedoch nicht freigegeben werden, weil sonst der Bestandsschutz der Warschauer Brücke verloren ginge. Die Investoren haben es einfach versäumt, sich darum zu kümmern.

Nach dem Zeitalter der "Center" (Europa-Center, Gesundbrunnen-Center) und dem der "Arkaden" beziehungsweise "Arcaden" (Schönhauser Allee und Potsdamer Platz) darf eine Mall in Berlin nun einfach "Mall" heißen. So wie die vor wenigen Jahren durch Gerichtsverfahren um vorenthaltene Bauarbeiterlöhne berühmt gewordene Mall of Berlin und nun eben auch die East Side Mall, die sich den anderen Teil ihres Namens von der nahen East Side Gallery geliehen haben wird.

"Mall", erzählt mir ein Freund, soll Plattdeutsch "albern" oder "verrückt" heißen. Nun kann sich jeder seinen Reim auf diesen Namen machen.

"Hier wie üblich die Fressmeile", höre ich einen wohlgenährten Blousonträger sagen.

"Och, noch nich allet fertig", sagt seine Begleitung. Und sie hat recht: Wie fast überall im Haus sind auch hier – heißt das soft opening? – noch Handwerker bei der Arbeit. Bei Zaddy’s (was wird dort wohl gekocht werden?) hängen Drähte aus der Decke, bei Vincent Vegan und Goldene Schnitzel brutzelt es hingegen schon. Es riecht nach Fett – ob die Belüftung ausreichend arbeitet?

Die niedrigen Raumteiler, die den Bereich mit den Tischen in dunkler Holzoptik von dem Anstehbereich trennen, sehen aus, als wären sie aus Sichtbeton – tatsächlich aber besteht ihre Oberfläche aus folienbeschichteten Platten. Und natürlich sind sie hohl. Mir gefällt, dass nun, so wie einst falscher Marmor, heute falscher Sichtbeton gemalt wird.

Ort urbaner Hoffnungslosigkeit

Im Essbereich, der hier Food Court Mahlzeit heißt, gibt es eine Fensterfront, die Tageslicht einlässt, und dahinter eine schmale Terrasse mit Tischen und Stühlen. Von diesem Balkon – ich setze mich, es gibt noch freie Plätze – geht der Blick auf die große Mehrzweckhalle, die erst nach einem Mobilfunkanbieter und nun nach einem Mobilitätsanbieter benannt wurde. Fast alle, die dort ein Konzert oder eine Sportveranstaltung besuchen wollen, alle Eishockey- und Basketballfans, müssen in Zukunft an der Mall vorbei oder können, wie praktisch, durch sie hindurchmarschieren.

Der Blick fällt auch auf die einfallslose, schuhkartonartige Bebauung des erst vor knapp zwei Wochen neu eröffneten Mercedes-Platz. Ich sehe eine Baucontainersiedlung und das Gelände, auf dem die Berliner Stadtreinigung ihre Schneeräumfahrzeuge abgestellt hat, gleich hinter dem grünen Zaun die Galerie der orangefarbenen Schneeschieberschaufeln. Sie dürfen unter freiem Himmel verrosten.

Die Turmspitzen der Oberbaumbrücke ragen ebenfalls ins Bild, die Spree ist nicht zu sehen.

Auf dem Weg hinaus in die frühere innerstädtische Peripherie, ich möchte mir den Mercedes-Platz ansehen, komme ich an drei Jugendlichen vorbei, die mit Besen und Kehrblechen bewaffnet sind. Sie kehren den frisch gepflasterten Vorplatz, sie lachen, einer von ihnen schiebt einen losen Pflasterstein auf seine Kehrschaufel. Neben ihnen fauchen und zischen vier Nebeldüsen und erinnern mit ihrer Dampfmaschinensimulation wahrscheinlich ganz unbeabsichtigt daran, dass sich hier mal ein Industriegebiet und der Ostgüterbahnhof befanden.

"Früher" ist in Berlin vor vier Wochen

Neben der nagelneuen und dezent bunten Fassade der East Side Mall sieht die Mercedes-Benz-Arena nun noch billiger und veralteter aus als am Tag ihrer Eröffnung vor gerade mal zehn Jahren. Der neue Mercedes-Platz ist trotz seiner Wasserspiele mit aus dem Boden spritzenden Fontänen (abgeschaut vom Platz vor dem Bundeshaus in Bern) ein systemgastronomiedekorierter Ort urbaner Hoffnungslosigkeit. Nichts erinnert daran, aber wieso auch, dass hier einst die Lagerhallen standen, in denen sich bis in die frühen Nullerjahre die aufregendsten Clubs der Stadt ausgebreitet hatten, das Ostgut zum Beispiel, ein Stück weiter Richtung Mitte die Maria am Ostbahnhof.

Die Renditebebauung dieses Möchtegern-Markusplatzes, das Wasser der Spree ist nah, sieht aus, als warte sie schon darauf, wieder abgerissen zu werden. Erlöse mich, scheint sie zu flüstern, verschrotte mich einfach, wie ein Auto. Bald.

Seit das Land Berlin dem privaten Entwickler dieses Areal überließ, hat der Quadratmeterpreis sich hier etwa versiebzigfacht.

Auf dem Weg zurück zur Mall komme ich mit einem jüngeren sizilianischen Wachmann ins Gespräch. Er trägt einen neongelben Bauhelm, eine neongelbe Weste und eine Brille mit einem dicken schwarzen Rahmen. Und sieht aus wie ein Schauspieler, der sich als Baustellenwachmann verkleidet hat.

Zehn Stunden stehe er jeden Tag hier, er arbeite für eine Zeitarbeitsfirma, die ihn auch schon in Flüchtlingsheimen und auf Festivals eingesetzt habe. Er mache diesen Job nur wegen der Krankenversicherung, samstags und sonntags verkaufe er geröstete Esskastanien auf dem Boxhagener Platz und dem RAW-Gelände. Und er träume davon, eines Tages "ein Café oder eine Pizzabäckerei" zu eröffnen.

"Früher gab es hier nur Punks", sagt er, "früher war hier alles ganz anders."

Wie lange er in Berlin sei, frage ich ihn. "Seit sieben Jahren", sagt er, und ich bemerke wieder: Jeder, der länger als vier Wochen in dieser Stadt wohnt, kann schon erzählen, wie es früher hier mal war. Davor. Wie wild, wie aufregend, wie improvisiert. Davon lebt die große Berlin-Erzählung.

Mir fällt in diesem Moment natürlich ein, dass ich im Mai 1990 zum ersten Mal am alten S-Bahnhof Warschauer Straße ausgestiegen bin, um mir die damals noch nicht wiederaufgebaute Oberbaumbrücke anzuschauen. Von einer Mall an diesem Ort habe ich damals nicht geträumt. 

So, wie sie nun hier gelandet ist, gefällt mir die gestreifte Schachtel mit ihren abgerundeten Ecken ausnehmend gut. Die Lamellenfassade erinnert an eine Reptilienhaut und gibt dem Baukörper zugleich etwas Luftiges: Dieser Kasten möchte eine Skulptur sein und so aussehen, als sei er aus der Zukunft. Und möchte mit seiner Retrofarbgebung zugleich ein bisschen mehr sein als nur eine Schachtel. Entworfen wurde er vom niederländischen Architekten Ben van Berkel, bekannt für die Erasmusbrücke in Rotterdam und den Bahnhof von Arnheim, ziemlich aufregende Bauten.

Und ich glaube, ich weiß jetzt, woran die große bunte Kiste mich erinnert: Sieht sie nicht aus wie ein gigantischer WLAN-Router? Wie das Ding, aus dem zu Hause das Internet kommt? Das Internet, in dem ich alles einkaufen könnte.

Wozu überhaupt noch Malls? Ich kann doch von zu Hause aus einkaufen, vom Sofa aus oder im Bett liegend. Wieso soll ich überhaupt ein Einkaufszentrum besuchen? In den Zeiten, in denen ich alles von meinem Telefon aus kaufen kann, brauche ich schon einen Grund, eine Mall zu betreten. Meistens mache ich es nur, um mich zu bewegen.

Mall-Jahre sind Hundejahre

Und jetzt alle raus: Feueralarm in der East Side Mall © Jörg Carstensen/dpa

In mir keimt der Verdacht, dass die schöne neue Mall, durch die ich nun wieder wandere, ein Museum sein könnte. Ein nagelneues Museum, das seinen Besuchern bloß zeigen und vorführen soll, wie das Einkaufen früher funktionierte, bevor es Lieferdienste gab, die am selben Tag oder innerhalb einer Stunde liefern können. Die Post ist übrigens heute "wegen technischer Probleme" geschlossen.

Wer soll denn, frage ich mich, in dieser Mall einkaufen, wenn die zum Eröffnungstag angelockten Umlandbewohner nicht mehr kommen? Die Touristen? Kreuzberger, die über die Oberbaumbrücke spazieren? Die inexistenten Anwohner des Mercedes-Platzes? Die Umsteiger, die hier von der U-Bahn in die S-Bahn wechseln und umgekehrt? Die Kunden, die sich früher im heute zu einem Betonskelett zurückgebauten Kaufhof am Ostbahnhof versorgten? Alle, die kein Internet haben?

Wir werden sehen. Mall-Jahre sind Hundejahre. Die nur zwei S-Bahnstationen entfernte Alexa-Mall sieht viel älter aus als die elf Jahre, die seit ihrer Eröffnung vergangen sind. Und vielleicht erleben wir es noch, dass aus den 1998 mit großem Tamtam eröffneten Potsdamer-Platz-Arkaden eine Wärmehalle für neue Wohnungslose wird. 

Der schönste Ort der bisher nur zu neunzig Prozent vermieteten East Side Mall ist das obere Parkdeck: freie Sicht, Luft und Sonne auf dem Dach. Am Eröffnungstag gegen halb zwölf stehen nur wenige Autos dort, die meisten mit Zwei- und Drei-Buchstaben-Kennzeichen. Hier könnte ein Dachgarten sein, ein zweiter Prinzessinnengarten oder ein Klunkerkranich wie auf dem Neuköllner Parkhausdach – stattdessen laufe ich hier über dilettantisch gepinselte Linien, die Parkplatzrechtecke auf den Betonboden malen. Schade. 

Im Untergeschoss kann ich beobachten, wie die Folie von einer Palette fabrikneuer roter Rewe-Einkaufskörbe gezogen wird. Bräuchte ich etwas, ich könnte mit einem jungfräulichen Korb einkaufen gehen. Schutzfolie klebt an einigen Stellen noch über dem Handlauf des Brückengeländers. Und am Vormittag stehen die silbernen Mülleimer noch wie Pinguine in einer Kolonie zusammen im Untergeschoss. Gegen Mittag haben sie sich verteilt. Mir gefallen die schwarzen, wohl mit Sand gefüllten Plastiksäcke mit East-Side-Schriftzug. Sie hindern die vergeblich an ihnen zerrenden Gasluftballons daran, davonzufliegen.

Um kurz nach halb, endlich ist es so voll geworden, wie das Mall-Management sich das wahrscheinlich zur Eröffnung gewünscht hat, ertönt auf einmal Alarm. Alle Besucher und Angestellten sollen das Gebäude verlassen.

"Es könnte ein Feuer ausgebrochen sein", heißt es. Die Läden schließen. "Wo ist der Sammelpunkt?"
"Warum sagen sie nicht durch, was los ist?"
"Jetzt kommt echt die Feuerwehr."
Panik bricht keine aus, während beeindruckend viele Menschen Richtung Ausgang strömen. So viele Personen passen in diese Schachtel?

Niemand weiß nichts Genaues, es folgt keine Durchsage, irgendwie aber ahnen alle schon, dass es sich um einen Fehlalarm handelt.

Ich gehe mit bis zu den Türen, die zur Warschauer Brücke führen, bleibe dann aber, es kümmert niemanden, im Gebäude zurück. Schon immer wollte ich einmal ganz allein in einer Mall sein. Und für drei oder vier Minuten stehe ich dann tatsächlich fast allein mit einer jungen Gutscheinverteilerin und zwei Männern in gelben Warnwesten auf dem Gang und schaue in die Gesichter der aus dem Einkaufsparadies Vertriebenen. Mehrere Hundert, vielleicht sind es sogar Tausend warten sehnsüchtig auf der anderen Seite der Glastürreihe. Und wie die Untoten in George A. Romeros Dawn of the Dead wollen sie wahnsinnig gern zurück an den Ort, der ihnen vielleicht nicht im Leben, jetzt, heute aber schon der wichtigste ist.

Um 12.46 Uhr wird die East Side Mall zum zweiten Mal eröffnet.