Noch zwei Wochen bis zum CDU-Parteitag, auf dem über Angela Merkels Nachfolge entschieden werden soll. Die Christdemokraten müssen sich personell erneuern. Ob sie es auch politisch können, diese Frage wird in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Bemerkenswert ist, dass die CDU ausgerechnet jetzt das Thema Homo-Ehe wieder anspricht, die ja seit mehr als einem Jahr in Deutschland gesetzlich möglich ist. Die CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek erklärte in einer Fernsehtalkshow, dass die Einführung der Ehe für alle nicht ausreichend debattiert worden sei. Sie will Homo-Ehe und das Adoptionsrecht noch einmal überprüfen.

Auch Annegret Kramp-Karrenbauer, die gerne CDU-Parteivorsitzende werden will, hält an ihren Ansichten zur Gleichstellung homosexueller Partnerschaft fest, wegen denen sie vor drei Jahren heftig kritisiert wurde. Zur Erinnerung, damals sagte sie: "Wenn wir diese Definition öffnen in eine auf Dauer angelegte Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen, sind andere Forderungen nicht auszuschließen: etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen." Für sie ist die Ehe an die biologische Fortpflanzung gebunden. Das bedeutet: Wenn dieses Kriterium entfällt, kann ja jede jeden heiraten und so viele Menschen, wie er oder sie möchte. Dass das auch heute noch ihre Position sei, bekräftigte sie vor wenigen Tagen bei Maybrit Illner. Jetzt, da mit der Merkel-Nachfolge auch das sozialpolitische Vermächtnis der CDU auf dem Spiel steht, bekommt Kramp-Karrenbauers Aussage von damals noch mehr Gewicht.

Denn übersetzt heißt das: Sie setzt Homosexualität mit Vielehe und Inzest gleich, also mit Beziehungsformen, die als Gefahr für die Gemeinschaft insgesamt angesehen werden. Von denen gesagt wird, dass sie die Stabilität und Gesundheit des sozialen Lebens gefährden. Und die in Deutschland gesetzlich verboten sind. Homosexualität hingegen ist nach jahrzehntelangen Kämpfen als gültige Form des sozialen Lebens akzeptiert. Lesben und Schwule dürfen heiraten und Kinder adoptieren. Das gleichgeschlechtliche Paar wird als eine Variation des Zusammenlebens und nicht länger als Bedrohung von Ehe und Familie wahrgenommen.

Erst das Verbot regelt die soziale Welt

Die CDU-Politikerinnen Karliczek und Kramp-Karrenbauer stellen diese Errungenschaft explizit infrage. Lesben und Schwule, zurück in die Schmuddelecke! Ausgehend von einem liberalen Politikverständnis ist das zu verurteilen. Wenn man die Gesellschaft als offenes, dehnbares Gewebe versteht, sind alternative Lebensstile problemlos zu integrieren. Auch eine lesbische Beziehung ist eine Partnerschaft, in der zwei Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, und auch schwule Väter bringen ihre Kinder morgens in die Kita.

Nun muss man sich fragen, ob diese Äußerungen nur letzte Phantomschmerzen einer alten Wunde sind, die einige Konservative 2017 erlitten haben, als die Ehe für alle rechtskräftig wurde. Oder ob sie möglicherweise einen neuen Ton setzen. Kramp-Karrenbauers Ansichten sind zumindest durch einige Autoritäten aus der Geistesgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts abgesichert. Die paranoide Logik heteronormativer Stabilität stützt sich auf eine lange Tradition.

Bei den großen Zivilisationstheoretikern der Moderne, Sigmund Freud und Claude Lévi-Strauss, haben das Inzesttabu und das Tabu der Homosexualität tatsächlich einen vergleichbaren Stellenwert, wie Kramp-Karrenbauer ihn behauptet. Diesen Kulturtheorien zufolge ergibt sich die Stabilität sozialer Gefüge stets unter dem Vorzeichen einer Drohung: Erst über ein Verbot der Sexualität innerhalb der Familie oder zwischen Partnern des gleichen Geschlechts wird die soziale Welt geregelt und ihr Fortbestehen garantiert. Ohne diese Drohung würde eine Gesellschaft, so sahen es diese Herren damals, im Chaos versinken.