Wenn er Oberklasse oder Oberschicht höre, dann denke er an Menschen, die Geld oder eine Firma geerbt haben und damit das Leben genießen. Das sei ihm nicht widerfahren, sagte Friedrich Merz der Bild am Sonntag. Was die Mittelschicht ausmache, habe er von seinen Eltern mitbekommen: "Fleiß, Disziplin, Anstand, Respekt und das Wissen, dass man der Gesellschaft etwas zurückgibt, wenn man es sich leisten kann."

Im selben Interview sagte Merz, als Anwalt und Aufsichtsrat habe er zuletzt etwa eine Million brutto verdient. Sozialstatistisch gesehen gehört der Kandidat für den CDU-Vorsitz mit diesem Einkommen allerdings nicht zur Mittelschicht, auch nicht zur "oberen Mittelschicht", wie er sich selbst einschätzte. Merz' Einkommen ist das eines "relativ Reichen". Zu seinem Vermögen sagte er, es liege "jedenfalls nicht unter" einer Million Euro. Wenn der Aufsichtsratschef Deutschland des weltgrößten Vermögensverwalters seinen eigenen Wohlstand in den vergangenen Jahren geschickt verwaltet hat, dürfte er zu dem sprichwörtlichen einen Prozent der reichsten Deutschen gehören. 

Merz hat es geschafft, dass nicht einmal drei Wochen nach seiner Rückkehr mindestens so viel über sein Geld und seine Privatflugzeuge gesprochen wird wie über sein Versprechen, die CDU wieder auf 40 Prozent zu führen. Bei jemandem, der ein gutes Jahrzehnt für Firmen wie BlackRock Deutschland oder die Privatbank HSBC gearbeitet hat, war das wohl kaum zu vermeiden. Es wäre sehr engstirnig, wenn man Merz alleine wegen seines persönlichen Wohlstands die politische Glaubwürdigkeit absprechen wollte. Wie er sich nun aber zum Zusammenhang zwischen Geld, Sekundärtugenden und sozialem Status äußert, zeigt doch, dass er geistig stärker in den Neunzigerjahren hängen geblieben ist, als es sein Werben für eine jüngere, grünere und urbane CDU suggerieren soll. 

Die alte meritokratische Erzählung

Fleiß, Disziplin, Anstand und Respekt sollen Mittelschichtler ausmachen. Klassenzugehörigkeit ist für Merz keine Frage des Einkommens, sondern eine der Einstellung. Dahinter steckt die alte meritokratische Erzählung, wonach derjenige, der sich anstrengt, auch sozial belohnt wird. So erklärt Merz auch seinen eigenen Werdegang, wenn er sagt, er und seine Frau hätten im Studium "jede Mark umdrehen" müssen. Der Aufstieg folgte prompt: Merz wurde CDU-Fraktionsvorsitzender, dann mehrfacher Aufsichtsrat. Versicherungskonzerne, Banken, Bundesligavereine und Hygienepapierhersteller: Alle wollten sich nach Merz' Ausstieg aus der Politik von ihm beraten lassen. 

Doch für viele andere ging und geht das Muster "Ich streng mich an, dann werde ich belohnt" eben nicht auf. Und das hat auch mit den neoliberalen Reformen zu tun, die Merz um das Jahr 2000 als einer der Lautesten vertrat. Seitdem genügt es erst recht nicht mehr, einfach hart gegenüber sich selbst und respektvoll gegenüber den anderen zu sein, um der mittleren, der guten Gesellschaft anzugehören.

Geld und kulturelle Teilhabe

Mit den Hartz-Reformen wurde zum Beispiel festgelegt, dass man sein Privatvermögen in erheblichem Umfang zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts heranziehen muss, bevor man Anspruch auf Sozialhilfe überhaupt geltend machen darf – natürlich nur unter der Maßgabe, dass das Sozialamt Fleiß und Bewerbungsdisziplin des Empfängers oder der Empfängerin regelmäßig prüft. Deutschland gehört zu den Industrieländern, in denen der Gini-Koeffizient, der die Diskrepanz zwischen hohen und niedrigen Einkommen misst, in den Jahren seit 2010 am schnellsten gestiegen ist.

Soziale Klasse bestimmt sich nicht allein durch Geld, insofern hat Merz ja einen Punkt. Sie bestimmt sich auch durch kulturelle Teilhabe. Doch auch unter diesem Gesichtspunkt liegt er mit seiner Bemerkung daneben. Zu einem Mitglied der Mittelklasse wird man nicht durch Fleiß und Anstand, sondern durch den richtigen Habitus, durch kritisches Wissen, durch Reisen, durch die amerikanischen Fernsehserien, die gerade alle schauen. Mittelklasse ist, wer sich erstens etwas leisten kann und zweitens weiß, was man sich gerade leisten sollte.

Die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft", in der sich unter einem guten Leben alle das vorstellen, was ARD und ZDF im Vorabendprogramm zeigen, gibt es nicht mehr. Kulturell ist sie von der Globalisierung erledigt worden. Ökonomisch wurde sie von einer Politik zerquetscht, die Friedrich Merz immer favorisiert hat.