"Ich parlar Deutsch!", ruft die kräftige Frau und reicht mir strahlend drei Ožujsko-Becher über den improvisierten Stadiontresen. Wir stehen an einem der wackligen Tische auf dem Parkplatz des HŠK Zrinjski Mostar, hinter uns die grau verputzte Mauer zum Stadion. Darin ein quadratisches Loch, weiß umrandet, aus dem heraus die Tickets verkauft werden.

Anne Hahn, 1966 in Magdeburg geboren, Autorin und Subkulturforscherin, Veröffentlichungen: zusammen mit Frank Willmann: "Stadionpartisanen – Fans und Hooligans in der DDR", Berlin 2007, "Satan, kannst du mir noch mal verzeihen, Otze Ehrlich, Schleimkeim und der ganze Rest", Mainz 2008, "Der weiße Strich", Berlin/Bautzen 2011. Romane: "Gegenüber von China", Mainz 2014, "Dreitagebuch", Mainz 2014, "Das Herz des Aals", Mainz 2017 © privat

Alles ist symbolisch in dieser Stadt, die Ruinen, die flimmernde Hitze, das mächtige Kreuz auf dem kroatischen Hausberg, der orthodoxe Kirchenneubau auf dem anderen, die Minarette mittendrin und irgendwo tief unten der Fluss, der Kroaten und Bosniaken trennt. Wir sind Freunde – ein Mann und zwei Frauen, die sich im September 2018 über Belgrad, Zenica, Sarajevo und Visegrád auf eine fußballaffine Balkanreise begeben haben.

Am besten lässt sich Mostar frühmorgens erkunden, wenn die Stadt den Tieren gehört. Wir steigen hinab von unserer Ferienwohnung an der stark befahrenen Landstraße. Das muslimische Zentrum mit seinen Moscheen und Friedhöfen schlummert noch, eine Katze spaziert auf den glänzenden Steinen der leeren Hauptstraße Braće Fejića, wir queren den Fluss nördlich der Altstadt. Im Westteil herrscht buntes Treiben, Bäckereien und Friseure werden frequentiert, Musik quillt aus den Läden. Der Glockenturm des Franziskanerklosters ragt wie ein Phallus über Einkaufszentren, Hotels und Reisebusse, die sich mit Rollkofferträgern füllen. In südöstlicher Richtung wechselt das Alter der Häuser wieder und der Asphalt zu faustgroßen Pflastersteinen. Hier und da wird ein hölzerner Fensterladen geöffnet, Verkäufer jonglieren Tabletts mit Kaffeegläsern.

Eine Gasse steigt an und plötzlich liegt sie vor uns im Sonnenschein – die Brücke, vor mehr als 400 Jahren errichtet, vor 25 Jahren zerstört und 2004 wiederaufgebaut. Ihre hellen Steine geben Bögen frei und eine fantastische Aussicht ins Neretva-Tal. Drei dickfellige Straßenköter liegen quer über dem Stari Most drapiert und schlafen, unter ihnen schießen blau glitzernde Eisvögel den Fluss entlang. Noch sind keine Touristen unterwegs, um die erste Weltkulturerbestätte Bosnien-Herzegowinas zu bestaunen. Wenig später hat uns die Ostseite wieder und wir beschließen, ins Museum Of War And Genocide Victims zu gehen.

Wir sehen Modelle von Konzentrationslagern, Bilder von Befreiten, Überlebenden. Zerschossene Städte, Kirchen, Moscheen, Schulen. Fotos der von kroatischen Soldaten zerstörten Brücke.

Seitdem ist die Stadt tief gespalten. Hatten zunächst Bosniaken und Kroaten gemeinsam gegen die serbisch-montenegrinischen Belagerer gekämpft, verlief die Frontlinie seit Ende 1992 quer durch Mostar und teilte die Stadt in Ost und West. Bosniaken gegen Kroaten. Nach dem Dayton-Abkommen schwiegen die Waffen, Bilanz des Krieges in Mostar: 2.000 Menschen verloren ihr Leben, 26.000 flüchteten. Infrastruktur, Industrie, historische Gebäude und Wohnhäuser – schwer beschädigt.

Wir schauen uns eine Dokumentation über die Belagerung Sarajevos an; die Kinder, die Alten, der Winter, die Nächte. Kein Wasser, kein Strom. Menschen, die Minuten zuvor getötet wurden. Ein Mann kratzt mit einer Schaufel Blut vom Eis. Daneben ein Schlitten im Schnee, eine hellblaue Pudelmütze. Meine Freundin und ich laufen weinend aus dem Museum.