Als die Ärzte ihre Handschuhe anziehen, mir drei Infusionen in beide Arme gelegt werden und ich den Stahl des Operationstisches unter dem dünnen Laken an meinem Steißbein fühle, laufen mir die Tränen herunter. Sie laufen links und rechts meine Schläfen entlang. Weil ich liege, können sie nicht an meinen Wangen herunterkullern. Ich habe eine Art Duschhaube auf dem Kopf und spüre meine Beine nicht.

"Ist alles okay?", fragt die OP-Pflegerin. Sie sieht mich schluchzen. Und dann sagt sie zu meiner Hebamme, die rechts neben ihr steht: "Wir sollten den psychologischen Bereitschaftsdienst dazuholen."

"Aber nein, stopp", rufe ich von unten den zwei Frauen zu, die über meinen Kopf hinweg über meinen Zustand beraten. "Mir geht es gut. Ich weine, weil ich ein Kind bekomme. Das ist doch normal." Die beiden schauen zu mir herunter und nicken. Sie wollen noch etwas sagen, aber da ist schon keine Zeit mehr.

"Wir haben hier lange Haare", ruft mir der Oberarzt vom anderen Ende des OP-Tisches zu.

Ich schaffe es gerade noch "Ah" zu sagen, höre sie leise wimmern, und dann halte ich sie schon im Arm – meine Tochter. Nass, rosa und schön warm. Sie liegt auf meiner Brust, drei Sekunden alt, aber sie weint, sie ist nicht zufrieden.

"Ich muss sie stillen", rufe ich dem Oberarzt am anderen Ende des Tisches zu. "Nur zu", sagt die Krankenschwester. "Wir sind zwar im OP, aber vielleicht geht's. Oder sie warten noch ein paar Minuten."

Die Hebamme ignoriert den Kommentar und öffnet mein OP-Hemd. In diesem Moment verliebe ich mich spontan in diese entschlossene Frau. Keiner sagt ein Wort. Im Raum ist es ganz leise. Die Ärzte beginnen, meinen Bauch zu verschließen. Ich stille. Der Oberarzt arbeitet konzentriert und sagt nichts. Später bemerkt er verständnisvoll: "Sie sind eine der ersten Frauen, denen im OP-Saal das Stillen gelingt. Chapeau." 

Das war sie also, die Geburt meiner Tochter. So, wie ich sie noch nie erzählt habe. Weil ich sie bisher für nicht erzählenswert gehalten habe. Weder dann, wenn meine Bekannten ihre Geburtsgeschichten wie Heldentaten ausbreiteten und schon gar nicht, wenn meine Kinder fragten.  

Denn Kaiserschnitte sind nicht der Rede wert, keine echten Geburten, schlimmstenfalls verpönt. Hausgeburten dagegen sind – währenddessen und in der Nachzählung – wahre Events, Alleingeburten sogar Phänomene. Aber ein Kaiserschnitt, nein, das ist in den Augen der Allgemeinheit ein Makel, nichts für die schönen Websites zu Mutterschaft, nichts, was einen Sepia-Filter wert wäre, und schon gar nichts fürs Familienalbum.

So ätzte Charlotte Roche unlängst in ihrer Kolumne in der Süddeutschen Zeitung: "Ich habe keine Lust auf Geburtsschmerzen, will aber ein Kind, und lasse es von Ärzten, die viel verdienen wollen im Gegensatz zu einer Hebamme, die fast gar nichts kostet, mit Termin und OP-Besteck rausoperieren."