Es ist nicht leicht, jemandem, der noch nie ein Metalkonzert miterlebt hat, den Reiz eines Moshpits begreiflich zu machen: schwitzende Langhaarige mit fragwürdigen Tattoos und ungewaschenen Kutten, die auf Kommando einen Kreis bilden, der rennend, schlagend und pogend zum Auge eines Sturms wird. Der Circle Pit als menschlicher Malstrom, in dem schon mal ein Nasen- oder Schienbein zu Bruch geht. Die Wall of Death, bei der Metaller auf Kommando aufeinander losstürmen wie bei einer Schlachtenformation oder einem symbolischen Amoklauf.

Es ist unmöglich, die bizarre Freude über Hämatome und aufgeplatzte Lippen in Worte zu fassen, die man nach einem Metalkonzert wie Tapferkeitsmedaillen mit sich herumträgt. Oder wie es sich anfühlt, wenn der eigene Körper mit anderen Körpern kollidiert, als wäre er eine Billardkugel. Womöglich übersieht man leicht die Schönheit tätowierter, schwitzender Körper in Muskelshirts, die zu kreischenden, dröhnenden Gitarrensounds zu Berserkern werden.

Marlen Hobrack studiert im Masterstudiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © Marcus Engler

Im Moshpit, der aus der Ferne wie ein gesetzloser Ort der Gewalt anmuten mag, herrschen klare Regeln: Niemand ist unnötigerweise aggressiv. Wenn jemand zu Boden geht, wird ihm aufgeholfen. Das Schwitzen, Stoßen, Rempeln, der Druck der nachrückenden Menge ermöglichen eine Körperlichkeit, die man sonst kaum irgendwo erleben kann – außer vielleicht im Kampfsport.

Die Welt des Metal ist durch und durch männlich geprägt. Was nicht heißen soll, dass es keine Frauen in der Metalszene gäbe. Aber anders als im Punk, wo weibliche Aufmüpfigkeit von Anfang an eine wichtige Rolle spielte, wirken die Frauen in all den unterschiedlichen Erscheinungsformen der Metalszene, von Death, Black, Groove und Thrash Metal, eher zurückhaltend. Buchstäblich wie eine Randerscheinung.

Auf Metalkonzerten habe ich immer das Gefühl, der Versammlung einer Bruderschaft beizuwohnen. Etwa wenn ich beobachte, wie mein Mann und seine engsten Freunde freudestrahlend, ekstatisch und wie auf ein unsichtbares Kommando in den Moshpit stürmen. Oder wie sie Erinnerungen an gemeinsam durchlebte Festivals unter ziemlich unwürdigen sanitären Bedingungen, bei Unwetter oder 40 Grad im Schatten teilen. Sie wirken dann auf mich wie alte Männer, die über Kriegserfahrungen sprechen.

Als Mädchen trug ich am liebsten Jungenkleidung, wollte nur das tun, was mein Vater oder mein Bruder taten. Vielleicht übt die Metalbruderschaft auch deswegen einen ungeheuren Reiz auf mich aus. Mädchencliquen fand ich gruselig, und die Vorstellung, gemeinsam über Jungs zu quatschen, erschien mir geradezu absurd. Ich wollte nicht über Jungen reden, ich wollte einer von ihnen sein.

Nun bewohne ich nach wie vor denselben Geschlechtskörper wie damals, aber meine Einstellung zum Frausein hat sich gründlich gewandelt. Vielleicht liegt es auch an der Metalszene? In gewisser Weise trainierte sie mir etwas von der Härte und Zähigkeit an, die man überall dort benötigt, wo man als Frau mehrheitlich auf Männer trifft. Zumal ich etwas Wichtiges über Metaller, vielleicht über Männer im Allgemeinen lernte: Hinter der harten Schale verbirgt sich ein ziemlich weicher Kern. In dieser Binsenweisheit aus dem Reich der Poesiealbensprüche steckt eben doch ein Körnchen Wahrheit.

Das Bild von Männlichkeit im Metal ist extrem widersprüchlich: Einerseits tragen die Kerle Kutten, Nieten, Patronengurte und schwere Stiefel. Andererseits sind die langen Haare und Spandexhosen durchaus Zeichen für Androgynität und Gender-Bending.