Pfffffffhhhht!
Tschucke tschucke tschukk,
tschucke tschucke tschukk,
tschukkschukk!!


Grazil wie eine Bauchtänzerin lässt er die Hand um die eigene Achse kreisen. Das Gold des Eherings schimmert in der Abendsonne, blaue Stunde in Berlin, schwer beugt sich der Himmel über die Sozialbauten. Satellitenschüsseln auf den Balkonen, die Offsetdruckerei im Erdgeschoss, jetzt wieder er, die Hand, die eben noch arabesk verspielt den Takt vorgab, rückt die Brille zurecht, der kleine Finger abgespreizt. Berlin, es geht los! Er nimmt Kurs auf die Goldelse, strahlend drückt sich das prächtige Preußenminarett ins Firmament.

Angriffslustig liegt seine obere Zahnreihe auf der Unterlippe, rasch eilt er durch die Hauptstadt. Wir sind erst in Sekunde vier, aber Jens Spahn hat zu Fuß schon mindestens drei Berliner Bezirke durchquert. Man sieht es an der Beleuchtung, wo eben noch Straßenfunzeln aus dem Wedding oder Reinickendorf standen, leuchten nun die doppelkugeligen Gaslaternen aus dem Tiergarten. Das tschucke tschucke, tschukk gibt nicht nur im Video den Takt vor, sondern in der ganzen Megametropole. Die Metropole unterscheidet sich von der Megametropole immer dadurch, dass im Bild ein Baukran auftaucht. Es taucht ein Baukran auf.

"Die CDU ist das Herz unserer Demokratie." Spahn spricht die Worte selbst, die Lippen in Nahaufnahme. Alles klar, jetzt kapiert man es. Offenbar soll man sich den ganzen Jens Spahn im Kopf zusammenbauen. Man kennt das Verfahren aus Gruselfilmen. Der Plot funktioniert trotz Auslassungen. Erst der Sound, dann das Messer und ein entsetzlicher Schrei, nun weiß man Bescheid, man ist Zeuge eines scheußlichen Verbrechens. Der Mensch funktioniert so. Er kann sich die Geschichte mithilfe von Bildausschnitten zusammenreimen. 

Es ist ein barrierefreies Video. Das merkt man daran, dass Jens Spahn manche Worte einblenden lässt.

CDU

HERZ

DEMOKRATIE

Liest sich wie ein Gedicht mit Interpretationsspielraum. Wenn die CDU das Herz der Demokratie ist und man die Demokratie unbedingt erhalten möchte, dann darf der CDU um Gottes willen nichts fehlen. Jetzt ist man doch ein wenig in Sorge: Der CDU geht es doch hoffentlich gut?

Mittlerweile steht Jens Spahn am Mikrofon, ist umringt von Zuhörern. Ein Dutzend Kameras sind auf ihn gerichtet. Er verkündet die Diagnose: "Wir haben zugelassen, dass dieses Herz an Kraft verliert."

Keine Sekunde zweifelt man am Befund. Auch wenn Jens Spahn in diesem Video in der Funktion Jens Spahn auftritt, so weiß man doch, dass er Gesundheitsminister ist. Da ist man naturgemäß an allen Herzen dran. Er wird das kraftlose Herz der CDU doch hoffentlich wiederbeleben können? Er hat jetzt offensichtlich viel zu tun. Die Ereignisse überschlagen sich. Jens Spahn steht im Gang. Jens Spahn schaut aufs Handy. Jens Spahn fährt im Aufzug runter.

Aber doch hoffentlich nicht in den Leichenkeller?! Im Fahrstuhl war nämlich kein Licht.

Draußen schönste Herbstsonne, herrlichste Architektur. Etwas Jahrhundertwende, ein wenig Bauhaus, man spult zurück. Ach so! Vor lauter Panik hat man sich in der Richtung geirrt. Jens Spahn fuhr im Fahrstuhl doch hoch.

Er ist voller Zuversicht und Hoffnung, dass er zusammen mit irgendwem anders wieder stark werden kann. Woher man es weiß? Er sagt es selbst.

ICH BIN SICHER

STARK

Vielleicht hatte er in der Kardiologie der CDU, dem Konrad-Adenauer-Haus, zu tun. Er tritt ins Freie, er ist so schnell, dass man ihm nur noch von hinten folgen kann. Wie ein Seeadler die Flügel aufspannt, breitet er die Arme aus. Er wirkt auf einmal so gelöst. Unweigerlich fallen einem die Männer aus der Jever-Fernsehreklame ein. Die breiteten die Arme auch aus, bevor sie sich zufrieden und mit sich selbst im Reinen rücklings in die Dünen warfen. Solche Männer will man. Männer mit Defibrillator in der Tasche und der dazugehörigen App.

Spahn zeigt, wie er das Herz wiederbelebt. Indem er debattiert. Indem er in einer Aula sitzt und kurz grübelt.

ENTSCHEIDEN

KEINE KOMPROMISSE

Er trifft Alte, Kinder, Familien (FAMILIEN). Vor allem greift er oft zum Handy. Einmal sitzt er dabei sogar im Auto. Allerdings hat Spahn sich nicht angeschnallt. Warum auch? Er wirkt durchtrainiert, so jemand übersteht jeden Aufprall, seine Airbags sind im Bizeps. Er, der normalerweise die Stadt zu Fuß durchpflügt, sitzt also im Auto. Aber nur kurz. Er ist ausgestiegen. Und läuft und läuft. Immer wieder um das Brandenburger Tor herum. Warum denn bloß? Ist wieder abgesperrt wegen Demo? Oder sind die Ortungsdienste auf seinem Smartphone ausgeschaltet? Er greift erneut zum Handy. Er ist unterwegs. Mein Gott, ist der unterwegs.

Er zieht am Hemdkragen. Er zupft an den Manschetten. Er kontrolliert den Abstand zwischen Jacketärmel und Handgelenk. Bei dem vielen Gefummel taucht eine Krawatte auf, die er zusammenfaltet. Jens Spahn, ein Zauberer. Die Krawatte ist wieder weg. Er will einen Neustart (NEUSTART). Ja gut, dann eben Neustart. Aber mal was anderes: Kann der Spahn sich nicht mal kurz setzen? 69 Sekunden lang ist er nun schon am Rennen und Machen. Das geht doch total auf die Pumpe. Man ist ja schon vom Gucken ganz fertig.