Neulich begegnete mir auf einem Fest eine Frau, die Männer als dicke, weiße Schwänze bezeichnete. Und sich selbst, ja, Frauen im Allgemeinen, als Fotzenschleim. Ich fragte mich: Meint die das etwa ernst? Oder bin ich bei Versteckte Kamera?

Mona Kino, geboren 1966, ist Autorin, zertifizierte Familienberaterin und Empathietrainerin. Im Dezember 2016 erschien ihr zuletzt verfilmtes Drehbuch "Die Habenichtse" nach dem Roman von Katharina Hacker. Derzeit schreibt sie einen Blog über ihre Empathieausbildung und ein Drehbuch über häusliche Gewalt. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Florian Hoffmeister

Ihre Redeweise hat mich irritiert, obwohl sie witzig daherkam und ich die in ihren Aussagen insgesamt spürbare Motivation, für eine bessere Gesellschaft einzutreten, durchaus teile. Für mich gehört bloß nicht dazu, den Spieß als Frau jetzt einfach umzudrehen. Was bringt es, Männer im Allgemeinen und gewissermaßen als Ausgleich dafür, dass sie für uns Frauen jahrhundertelang nur Kirche, Küche, Kinder vorsahen, mit ebensolchen Herabsetzungen entgegenzutreten? Und dann auch noch den üblicherweise Männern zugewiesenen Part zu übernehmen, das Gegenüber auf ihr Genital zu reduzieren – nein, nein, dachte ich, Zahn um Zahn führt nirgendwohin.

Durch meine Arbeit als Empathietrainerin interessiert mich, wie wir Beziehungen im Konflikt verbessern können. Es nützt nichts, Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen. Oder wie Albert Einstein sagt: "Probleme kann man niemals mit der Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind."

Also raus aus der Komfortzone unseres Denkens. Wenn es darum geht, das Wie unseres Miteinanders – Mann und Frau, Frau und Frau, Mann und Mann – zu verändern, müssen wir prüfen, ob jene Denkweisen, die zur Zeit des alten Testaments oder in den Fünfziger-, Sechziger-, Siebzigerjahren in der jeweiligen Gesellschaft folgerichtig waren, auch 2018 noch Bestand haben sollen. Welches Denken bringt uns heute sowohl als Gesellschaft weiter als auch Männer und Frauen einander wieder näher? Momentan, so scheint mir, entfernen wir uns eher voneinander.

Die meisten Menschen halten sich allerdings nicht gern außerhalb der Komfortzone auf. Die zwei Prozent, die das tun, sind meistens die, die wir für ihren Mut bewundern, etwas ganz Neues zu wagen. Außerdem mag man jetzt einwenden, dass viele mit der alten und man könnte sagen: würdelosen Denkweise ja auch weiterkommen – und in hohen Positionen sitzen. Stimmt. Aber wenn wir nicht beginnen, unser Miteinander neu und anders und würdevoller zu denken, werden wir einander mehr Feind als Freund. Auf diesen Abgrund rasen wir zu. Konflikte lassen sich meist lösen, wenn die Beteiligten einander in Würde begegnen.

Wie aber können wir unsere Denkweise so verändern, dass wir eben nicht bekanntes Verhalten gespiegelt fortführen? Dass wir Stereotype nicht auch noch verstärken?

Es ist eigentlich ganz einfach: innehalten, einen Moment lang wahrnehmen, was gerade in uns vorgeht und das mit dem abgleichen, was wir wollen. Das tun wir nur viel zu selten. Zum einen, weil der Mensch gern an Gewohnheiten festhält und das Unbekannte meidet; es muss schon hart auf hart kommen, damit wir uns trauen, etwas Neues zu tun, dessen Konsequenzen wir noch nicht abschätzen können. Zum anderen, weil wir Innehalten mit Aushalten oder mit Starre verwechseln.

Der Gewinn dieses kurzen Moments des Innehaltens ist jedoch immens: Er  ermöglicht die Gelassenheit, auch in herausfordernden Situationen erst einmal mit Interesse auf das Anderssein des Anderen zu reagieren. Offen zu bleiben, statt sich in Polemik zu flüchten. "In Wahrheit", sagte einmal ein kluger Lehrer von mir, "sind es die Ähnlichkeiten, die uns voneinander trennen." Wenn sich Gesprächspartner mit Herabsetzungen und Polemik bekämpfen, haben sie zwar unterschiedliche Meinungen, verhalten sich aber gleich.