Eine Klasse voller Melancholiker – Seite 1

Ohne eine Debatte über seine Beraterkarriere würde sein Comeback nicht ablaufen. Das muss Friedrich Merz gewusst haben, als er sich nach 15 Jahren produktiver Abwesenheit zurück ins Zentrum der deutschen Politik beförderte. Auch die Metadebatte nach den eingeübten Mustern der Deutschlandkritik war vorhersehbar.

Wäre dieses Land reif für einen reichen Kanzler, für jemanden aus der finanziellen Oberschicht? Natürlich nicht, schreibt Dirk Schümer in der Welt, von Erhardt und Schmidt bis Kohl und Merkel seien doch alle Regierungschefs nur sparsame Akademiker und ehrgeizige Parteisoldaten gewesen. Etwas anderes hätte diese klassen- und glanzlose, in jeder Hinsicht mittelmäßigen Republik auch nicht verdient. Ist den Deutschen nicht sowieso alles, was mit Geld zu tun hat, suspekt? Ja, genau, schreibt Philipp Krohn in der FAZ, bei der Auswahl ihres Spitzenpersonals trauten sie nämlich "Frühstücksdirektoren in Stadtwerken, Sparkassen oder Umweltverbänden" mehr zu als Leuten, die den echten, den Finanzkapitalismus schon mal selbst praktiziert haben.

In solchen Klischees eines Landes ohne Klasse und Sinn fürs Finanzielle wiederholen sich, nebenbei gesagt, ein paar Ressentiments gegenüber der DDR. Aber bleiben wir bei der BRD von heute. Wie zurzeit über den Geltungsbereich der Mittelschicht gestritten wird, ist interessant. Hier die naive Vorstellung des Euromillionärs Friedrich Merz, qua Ethos und Mentalität doch noch zur gesellschaftlichen Mitte gehören zu können. Und dort die Verve, mit der viele Kommentatoren den zu Geld gekommenen Anwalt aus Arnsberg gegen den angeblich so typisch deutschen Sozialneid verteidigen.

Die deutsche Mittelklassenfixierung

Die These ist bekannt: Die meisten Deutschen hätten eine Mittelklassenfixierung, seien im Grunde wie Merz ohne Geld (weswegen sie es ihm neideten), wollten Mittelklasse sein, Mittelklasse fahren, sich mit Mittelklassemenschen umgeben und von solchen regiert werden. Was nicht nach Maß und Mitte aussieht, bringt den Deutschen angeblich in Verlegenheit. Passend dazu zeigen soziologische Experimente, dass Reiche sich gern ärmer und Arme gern reicher schätzen. Das ist allerdings nicht nur in Deutschland so, sondern in allen Ländern der OECD.

Problematisch an der aktuellen Debatte ist, dass die Beschreibung Deutschlands als Mittelschichtsparadies nicht mehr der Realität entspricht. Weder Merz' Vorstellung, Schichtzugehörigkeit leite sich von Respekt, Fleiß und Dankbarkeit her, passt noch in unserer Zeit, noch die These, die meisten Deutschen sehnten sich nach Durchschnitt und Konformität. Sollte es eine Bundesrepublik, in der Gleiche nur unter Gleichen glücklich sind und bleiben dürfen, je gegeben haben: Seit mindestens 30 Jahren ist sie dabei, sich aufzulösen.

Die Gründe dafür sind ökonomischer und kultureller Art. Beide Ebenen, das Zählbare und das Erzählbare, greifen ineinander, wenn Menschen sich zueinander ins Verhältnis setzen. Wird für diese (Selbst-)Einordnung der Begriff der sozialen Klasse verwendet, dann klingt das gleich ein bisschen nach Marx und Engels, weswegen Soziologen seit den Fünfzigern immer wieder behauptet haben, man sollte den Klassenbegriff durch den vermeintlich neutraleren der sozialen Schicht ersetzen.

Habe und Habitus

Der einflussreichste unter ihnen dürfte Helmut Schelsky gewesen sein. Schelsky prophezeite schon 1953, die BRD werde sich zur "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" entwickeln: Die Oberschicht sei durch Nationalsozialismus und Krieg verschwunden, die proletarische werde durch "Wohlstand für alle" zur Mitte integriert. Volkspartei, VW-Käfer und der Teutonengrill in Rimini waren Chiffren dieser statusgedämpften Welt, in der Extravaganzen vielleicht im Fernsehen, aber nicht in der eigenen Familie oder Nachbarschaft vorkommen sollten.

Was Schelskys Theorie übersieht, ist das menschliche Bedürfnis nach Distinktion. Gerade wenn Lebensverhältnisse sich angleichen, Hierarchien durchlässig und Arbeitersöhne zu Konkurrenten von Anwaltstöchtern werden, verfeinert sich der Sinn für die sozialen Unterschiede. Klassenverhältnisse spiegeln sich nicht nur im Kontostand, sondern auch in der Art, wie jemand sich ausdrückt und kleidet, wie selbstsicher er durch die Tür kommt und von seinem Leben erzählt, ob er mit den richtigen Leuten auf Klassenfahrt oder Segelfreizeit gewesen ist. Einen unmittelbaren Geldwert haben solche Dinge nicht. Sie formen aber, in den Begriffen Pierre Bourdieus, einen Habitus; sie bilden kulturelles, symbolisches und soziales Kapital.

Merz stieg oben ein und dann noch höher

Friedrich Merz' Aufsichtsratspositionen sind ein perfektes Beispiel dafür, wie diese habituellen Kapitalsorten mit der finanziellen korrelieren; je weiter man nach oben steigt, desto stärker. Mehr als 20 Unternehmen haben Merz in ihren Verwaltungs- und Aufsichtsrat oder in andere Gremien berufen, darunter Produzenten von Schienenfahrzeugen, von Wohnanlagen und Toilettenpapier. Vermutlich taten sie das nicht, weil der Sauerländer in ihren jeweiligen Geschäftsfeldern über technisches Wissen verfügt. Sein Ruf, seine Routine und seine Beziehungen bilden einen immateriellen Schatz, von dem diese Firmen gegen einige Zehntausend Euro Jahreshonorar gern profitieren wollten.

Merz liegt also richtig: Geld allein macht seinen sozialen Status nicht aus. Er liegt aber auch falsch, denn die Sekundärtugenden, die er sich selbst und der Mittelschicht zugute hält, machen aus ihm auch keinen Mittelschichtler. Geld ist die Grundvoraussetzung, Habitus das Plus. Soziologisch gesehen ist Merz ein Klassenwechsler, jemand, der sich, finanziell zumindest, von einer Schicht in die nächsthöhere gearbeitet hat. Nicht vom Arbeiterkind zum Rechtsanwalt, sondern vom Sprössling einer Juristenfamilie zum Manager, der Tagessätze von 5.000 Euro abrechnen kann. 

Diesen Aufstieg, der ja schon ziemlich weit oben begann, kann man sicherlich nicht mit den vielen Geschichten über soziale Migration gleichsetzen, die seit einigen Jahren ein ganzes literarisches Genre ausmachen. Die Wortführer dieser Gattung heißen Didier Eribon, Édouard Louis und Annie Ernaux und kommen aus Frankreich. Dass das Nachbarland mit seiner alten Aristokratie, seinen segregierten Banlieues und Eliteschulen eine Klassengesellschaft geblieben sei, leuchtet vielen Deutschen ein. Dabei übersehen sie gern, dass auch deutsche Erzählungen und Romane von Daniel Schreiber, Jan Böttcher oder Daniela Dröscher vom Milieu- oder Klassenwechsel und seinen sozialen Kosten handeln.

Eribon in Arnsberg

In den vielen aktuellen Büchern, die von der Rückkehr in die deutsche Provinz erzählen, gibt es fast immer eine Wahlberlinerin, die ihre soziale Herkunft abgestreift hat, ohne in der mittleren oder höheren, jedenfalls urbaneren Gesellschaft, in die sie gezogen ist, richtig anzukommen. Zu unsicher ist ihr Habitus, zu unklar ihr Verhältnis zu denen, die sie hinter sich ließ. (Wohl auch deshalb hat Berlin bis heute kein normiertes mittleres Bürgertum hervorgebracht; es ist weiterhin die Stadt, in der kleine Soziotope misstrauisch nebeneinander leben.) Der von dem Journalisten Christian Baron initiierte Hashtag #unten folgt einer ähnlichen Dramaturgie. Die meisten Menschen, die dort von Armutserfahrung und sozialer Diskriminierung berichteten, haben es heute wenigstens ökonomisch besser.

Merz würde vermutlich nie so über sich denken, aber sein Glaube, er könne trotz seines Vermögens noch Mittelschicht sein, verrät auch eine gewisse Klassenmelancholie. Für seine zu groß geschnittenen Jacketts würde er von geborenen Aristokraten oder gelernten Dandys belächelt. Um dieser Art der Oberschicht anzugehören, fehlen ihm Verschwendungssinn und Stilbewusstsein. Doch auch sein soziales Downgrading funktioniert nicht mehr. Wenn Härte gegen einen selbst und Respekt gegenüber anderen genügten, um zur gesellschaftlichen Mitte zu gehören, dann müsste diese Regel ja für alle gelten. Das erkläre man einmal den bis zu 15 Millionen Armutsgefährdeten in Deutschland. Viele von ihnen verwenden ihre Disziplin darauf, als working poor im Geschäft oder als ALG-II-Empfänger und -Empfängerinnen auf der Bezugsliste der Sozialämter zu bleiben.

Aus sozioökonomischer Sicht war die Mittelstandsgesellschaft mit dem Beginn der Agenda-Reformen 2003 am Ende. Rot-Grün reduzierte die soziale Statussicherung und knüpfte die Grundsicherung an Bedingungen: Nach einem Jahr Arbeitssuche konnte man nun die Erfahrung machen, dass sich schon einige Tausend Euro Geldvermögen negativ auf den Sozialhilfesatz auswirken. Man fiel schneller aus der Mittelschicht heraus und kam schwieriger wieder in sie hinein. Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und der World Inequality Report 2018 belegen, dass die Einkommensunterschiede in Deutschland seit 1990 gewachsen, die Ober- und Unterschicht größer, die Mittelschicht kleiner geworden ist. Ungerechter sei Deutschland trotzdem nicht, hält der ifo-Präsident Clemens Fuest dagegen: Divergierende Bruttolöhne würden durch den Sozialstaat kompensiert.

Doch, die Mittelschicht ist verunsichert

Oft wird behauptet, die Agenda-Reformen spielten für die Selbstwahrnehmung der gesellschaftlichen Mitte keine große Rolle mehr, seit über die stark gesunkene Arbeitslosigkeit fast gar nichts mehr, über fehlende Fachkräfte und offene Lehrstellen dafür umso mehr berichtet wird. Auf ein ziemlich großes Mittelklassenmilieu – auf die regulär in der Industrie beschäftigten Facharbeiterinnen und Facharbeiter – dürfte das nicht zutreffen. In seinem gerade erschienenen Buch Die Politische Ökonomie des Populismus zeigt der Politikwissenschaftler Philip Manow eindrücklich, dass die Erfahrung vergangener Arbeitslosigkeit sowie die bloße Möglichkeit, den sozialen Status zu verlieren, das Wahlverhalten dieses Milieus erheblich beeinflusst. 

Wenn man die Bundestagswahl 2017 getrennt nach Ost- und Westdeutschland betrachtet, erzielte die AfD jeweils dort ihre besten Ergebnisse, wo die mittelständische Industrie am stärksten und die Arbeitslosigkeit am geringsten ist: In Bayern und Baden-Württemberg im Westen, in Thüringen und Sachsen im Osten. In Wahlkreisen mit hoher Arbeitslosigkeit blieb der AfD-Anteil deutlich geringer. Mit ihrer Wahl für die AfD, folgert Manow, hätten überwiegend "Arbeitsmarkt-Insider" gegen die Flüchtlingspolitik von 2015 protestiert. 

Für die Annahme, der Erfolg der deutschen Rechtspopulisten begründe sich vor allem in kulturellen Faktoren – in einem Gefühl der Überfremdung durch Zuwanderung oder Globalisierung im Allgemeinen –, findet Manow keine aussagekräftigen Belege. Stimmte sie, dann hätte die AfD unter den "Arbeitsmarkt-Outsidern", den prekär oder gar nicht Beschäftigten, ähnlich gut abschneiden müssen wie unter denen, die einen solchen Statusverlust nur befürchten. Die Angst vor kultureller Entfremdung dürfte demnach weniger wichtig als die Verstörung darüber gewesen sein, dass Hunderttausenden anerkannten Flüchtlingen oder Asylbewerbern eine Grundsicherung zusteht, in die man selbst, unabhängig von Ausbildungsstand und Beitragszahlungen, schnell zurückfallen kann. Auch hier zeigt sich, dass die gesellschaftliche Mitte kein Ort ist, in dem man sich besonders wohlfühlt: Die Angst, nach unten abzusinken, mag irrational sein. Real ist sie trotzdem.

Das Zentrum des Unglücks

Wer nicht fürchtet, nach unten aus der Mitte herauszufallen, der wünscht sich, oben aus ihr herauszustechen: Das zeigt der Blick auf ein anderes Mittelschichtsmilieu, das der urbanen, weit gereisten, interkulturell sozialisierten Akademiker. Der Soziologe Andreas Reckwitz hält es für so bedeutsam, dass er in ihm eine "neue Mittelschicht" gekommen sieht, die sich von den in Flächendeutschland beheimateten Facharbeiterinnen und Ingenieuren habituell und kulturell im Stil einer Klasse distanziert. Nichts wäre diesen städtischen Akademikern peinlicher, als so zu sein wie alle anderen auch.

Durch die Möglichkeiten der sozialen Medien hat diese neue Mittelklasse ihren Hang zur Selbstbeobachtung und Selbstverortung, der schon in den Romanen von Gustave Flaubert oder Theodor Fontane einige Kleinbürgerneurosen erklärte, weiter intensiviert. Das alte Bodenständler-Ethos der BRD ist diesen Menschen ziemlich fremd, sie können sich, wenn sie unter 30 oder eingewandert sind, vielleicht nicht einmal mehr daran erinnern. Eine soziale Ähnlichkeit mit den Werktätigen der südlichen Industriegebiete wird ihnen (siehe Provinzroman) problematisch vorkommen. Man ist entweder nicht Mitte genug oder man ist es zu sehr, glücklich ist im Zentrum der Gesellschaft offenbar niemand.