An manchen Münchner Hauswänden steht in verschnörkelten Lettern "zum Meer", ein Pfeil darunter weist in Richtung Süden. Traum und Wirklichkeit gehen hier Hand in Hand. Auch die vielen Surfer, die zum Wellenreiten an den Eisbach kommen, tauchen tief ein in den magischen Realismus der Metropole. An guten Tagen kann man in München leicht vergessen, dass man auf der falschen Seite der Alpen lebt; nur an grauen Wintertagen zerspringt das Klischee von der nördlichsten Stadt Italiens in der Kälte.

Viel häufiger aber treibt der Föhn, ein warmer Südwind, die Menschen auf die Straße und zaubert eine phänomenale Bergsicht, als stünden die Alpen direkt vor der Tür. Wenn es nicht gerade regnet oder schneit, verbringen die Münchner ihre Freizeit gerne auf Caféterrassen bei Hugo oder Sprizz. Die Sonnenbrillen: glamourös; die Hemdsärmel: lässig hochgekrempelt. Vespas knattern, Ferraris entfesseln ihren Höllensound. Man könnte dieses Freiluftspektakel als den gekonntesten Abklatsch der dolce vita belächeln oder beneiden – ginge Münchens Affinität zu Italien nicht viel tiefer. Sie besteht eben nicht nur aus Draußensitzen, Cappuccino-Schlürfen und Anbandeln, sondern hat wie jede bedeutsame Liebesgeschichte eine profunde geistige ­Dimension, die in den vielen Erzählungen über das italienische München zu oft vom Klischee überlagert wird.

Heute ist ein guter Tag. An diesem lauen Abend auf dem Salvatorplatz wird das Meer gefühlt bis zu den sonnenuntergangsfarbenen Liegestühlen anbranden, die das Literaturhaus für eine Lesung aufgeklappt hat. Genau an diesem Ort ließ Henriette Adelaide von Savoyen, einflussreiche Beraterin ihres Gatten und Kurfürsten Ferdinand Maria von Bayern, 1654 mit dem Singspiel La ninfa ritrosa das erste freistehende Opernhaus Deutschlands eröffnen. Eine Armada italienischer Architekten, Maurer, Musiker, hoch spezialisierter Kunsthandwerker hatte die energische Savoyerin an den Hof gebracht. Nach der Geburt des ersehnten Thronfolgers trieb sie aus Dankbarkeit den Bau der Theatinerkirche voran, ein Abbild von Sant’Andrea della Valle in Rom, und Ferdinand spendierte ihr ein ländliches Lustschloss, später Nymphenburg genannt.

Auf diese Weise nahm Münchens Italophilie, die hier schon immer mehr war als ein Modespleen, ihre schöne Gestalt an. Sie wurzelt in den maniere italienischer Aristokraten, die am bayerischen Hof Karriere machten, darunter die Malaspina und Maffei aus Verona, die Spreti aus Ravenna, die Pocci aus Viterbo. Und sie beruht, noch wichtiger, auf der geografischen Nähe, den vitalen Handelsverbindungen und einer besonderen Mentalitätsverwandtschaft. Dazu zählt die sinnliche Lebenszugewandtheit ebenso wie die bedeutende Rolle, die man der Schönheit zuschreibt. Bis heute gefällt sich die Stadt in einer entspannt-mediterranen Weltläufigkeit. Während sich andere deutsche Metropolen, etwa Frankfurt, nach dem Zweiten Weltkrieg wohlig im American Way of Life einrichteten, adaptierte München schon lange zuvor italienische Lebensart samt Kulinarik.

Bereits ab 1810 versorgte der Turiner Schokolateur Luigi Tambosi in seinem Etablissement am Hofgarten die vornehme Gesellschaft mit limonata und caffè. Im Jahr 1890 begann Münchens Liebesbeziehung mit der italienischen Küche, als in der Schellingstraße die Osteria Bavaria (heute Osteria Italiana) eröffnet wurde, das erste von gegenwärtig rund 600 ristoranti. In dem Schwabinger Lokal verkehrten nicht nur die spitzen Federn des Simplicissimus, sondern auch Adolf Hitler und seine Gefolgschaft.

Man bewundert die Italiener für ihre Pasta, für Sportwagen und Stilsicherheit in allen Lebenslagen. Die Prinzipien der bella figura, dass ein Schuh nicht kapriziös genug sein kann und das Erscheinungsbild niemals vernachlässigt werden darf, hat man an der Isar längst verinnerlicht. An der sprezzatura wird noch gearbeitet: jenes italienische Bemühen, die Kunst des Denkens, Handelns, Seins und Scheinens möglichst unangestrengt aussehen zu lassen.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 149/2018

Die italianità bavarese reflektiert Mode, Design, Literatur, Kunst und Baukultur. Sie liebt die Moderne und beschränkt sich keineswegs auf die historische Architektur, an der München sein Selbstverständnis als grande bellezza gerne festmacht. Schön und gut, dass König Ludwig I. am Königsbau der Residenz die Fassade des Palazzo Pitti zitierte und auch mit der Feldherrnhalle, einer Kopie der Loggia dei Lanzi, das Florenz der Renaissance aufleben ließ. Aber war das Café Espresso, 1957 als Brückenkopf der Eleganz in Sep Rufs Neue Maxburg gesetzt und inzwischen leider verschwunden, nicht die größere Offenbarung? In Glas aufgelöste Wände, das Zickzack weiß lackierter Zierstreben an der Brüstung, mehr Rimini-Moderne als Bauhaus-Vernunft: eine Hommage an die Verspieltheit des südlichen Urlaubslandes, wo die um ihre Jugend gebrachte deutsche Kriegsgeneration die Lebensfreude wiederfand.

München am Mittelmeer, das ist keine Fata Morgana, sondern urbane Realität. Aktuell untersucht ein Forschungsprojekt der Ludwig-Maximilians-Universität den Einfluss der Italiener auf die Metropole und umgekehrt. Sprachbiografien, Bilder und andere Zeugnisse der Migrationserfahrung werden gesammelt, um einen authentischen Einblick in das Leben der italienischen Community zu bieten, die mit 27.000 Menschen nach der türkischen und kroatischen die drittgrößte Zuwanderungsgruppe der Stadt bildet.