Manchmal hat man den Eindruck, identitätspolitische Debatten seien erst mit diesem Internet über uns gekommen. Als wären Menschen erst durch Hashtags wie #MeToo, #MeTwo oder #unten auf die Idee gekommen, dass etwas, das ihnen persönlich widerfahren ist, die Erfahrung einer Gruppe sein könnte, der sie nun angehören, ob sie es wollen oder nicht. Natürlich täuscht dieser Eindruck. Menschen haben sich immer Gruppen zugeordnet. Auch zu Zeiten, als die digitalen Profilierungsplattformen noch nicht existierten, haben Politiker diese Neigung ausgenutzt: indem sie Frauen und Männer, Eingewanderte und Alteingesessene, Industriearbeiter und Investmentbanker je anders ansprachen und gegeneinander ausspielten.

Das Kalkül mit Identitäten ist so alt wie die moderne Politik. Immer war es notwendig, um die großen Ideen einem Realitätscheck zu unterziehen. Die französische Revolution hatte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle ja nicht als konkreten Zustand durchgesetzt, sondern zunächst einmal als abstrakte Idee. Konkretisiert wurde sie dann fast zwei Jahrhunderte lang vornehmlich von weißen Männern für weiße Männer (eine Einseitigkeit, die sich im Ausdruck der Brüderlichkeit schon andeutete). Hätten Frauen, Sklaven und Nichtweiße sich nicht irgendwann als Frauen, als Sklaven und als People of Color zusammengefunden und politisch organisiert, sie hätten ihre Freiheit, das allgemeine Wahlrecht und das Ende ihrer gesetzlichen Diskriminierung wahrscheinlich bis heute nicht errungen.

Ideenpolitik kann sich erst dann verwirklichen, wenn sie sich ins Handgemenge mit einer Identitätspolitik begibt. Erst wenn Menschen mit spezifischen Interessen einem allgemeinen Ideal nachgehen, wird Abstraktes wahr. Das ist die dialektische These, auf der Tristan Garcias Essay Wir aufbaut. Garcia ist ein französischer Autor, der mit Mitte 30 schon so absurd viele Romane und philosophische Bücher veröffentlicht hat, dass ihm die Rezensenten allein aufgrund seiner Produktivität das Label Wunderkind ankleben.

Eine politische Ontologie der Moderne

Nachdem vergangenes Jahr sein eher kleiner Essay Das intensive Leben groß in den Feuilletons besprochen wurde, gilt der 1981 in Toulouse geborene, in Paris lebende und in Lyon unterrichtende Philosoph auch in Deutschland als wichtiger Denker seiner Generation. Das intensive Leben war eine Phänomenologie unserer modernen Existenz: eine Beschreibung, warum in der Liebe, in der Freizeitgestaltung und in der Kunst nur dasjenige am höchsten geschätzt wird, was seine Kategorien auf unrealistische, auch ungesunde Weise überreizt. Wir ist nun das grundsätzlichere, das schwerere Buch. Es ist eine soziale und politische Ontologie. Garcia beschreibt das Wesen der modernen Politik, indem er beschreibt, welche Wesen wir sind, wenn wir politisch sind.

Wer also ein in seinem systematischen Erklärungswillen etwas anstrengendes, dafür aber akribisch recherchiertes und historisch tiefes Buch zu der Frage lesen will, wo "wir" nach 200 Jahren politischer Emanzipation derzeit stehen, welche Kämpfe hinter uns liegen und welche Widersprüche vor uns, der wird bei Garcia fündig. Was man von ihm nicht bekommt, sind einfache Meinungen. Wir ist kein Debattenbuch, das einem erklärt, ob diese oder jene Form der Diskriminierung die schlimmere sei, ob die Zukunft der Linken eher in der gendergerechten Sprache liegen könnte oder doch in der Reformulierung der Klassenfrage. Garcias ist zu sehr Philosoph, um Dilemmata auflösen zu wollen, die falsch gestellt sind.

Im Mittelpunkt von Wir steht die Frage, wer dieses "Wir" eigentlich sein soll. Die nervige Frage der Identität (ersetzbar durch "Heimat", "Leitkultur", "Mehrheitsgesellschaft" oder "Integration") wird von Garcia nicht einfach beantwortet, sondern auf ihre Voraussetzungen geprüft. Alle wesentlichen Protagonisten haben in diesem Buch ihren Auftritt: die Linken, die gemerkt haben, dass sie die Sache mit der Identität nicht länger den Rechten überlassen können; die Rechten, die begriffen haben, dass ihre Begründung der Identität mit Vaterland, Arbeitskraft und Kernfamilie inzwischen nicht mal mehr den Lebensrealitäten der eigenen Wähler entspricht.

Garcia ist ein Progressist und ein Empiriker. Die Bewegung der Moderne liegt für ihn darin, dass sie den scheinbar natürlichen Identitätsmerkmalen den Boden entzieht, dass sie die Kategorien, wie Ulrich Kunzmann treffend übersetzt, "entgründet" (éfonder). Genauer untersucht Garcia die Begriffe der biologischen Spezies, der Rasse, der Klasse, des Genders und des Alters. Er hätte aber auch beliebige andere wie die sexuelle Neigung, die Familienzugehörigkeit, den psychologischer Charakter hinzunehmen können. Menschen nutzen diese Begriffe, um sich voneinander abzugrenzen oder miteinander gemein zu machen. Aber je genauer man hinschaut, desto poröser werden die Grenzen dieser "Wirs".