Wie steht es um das Genre der Reportage nach dem Betrug von Claas Relotius? Vier Autoren haben darüber nachgedacht: die Reporter Wolfgang Bauer und Malte Henk von der ZEIT, die freie Reporterin Alexandra Rojkov und der Autor Konstantin Richter.

In den späten Neunzigerjahren teilte ich mir in Brüssel ein Büro mit einem Amerikaner namens John Carreyrou. Wir waren beide Reporter für das Wall Street Journal Europe, und er wurde einer meiner besten Freunde. John telefonierte laut und recherchierte viel. Ich schätzte ihn sehr, weil er hartnäckig war. Zugleich fragte ich mich, warum John und die anderen amerikanischen Kollegen so viel Energie auf das Recherchieren verwandten und so wenig auf das Schreiben. Ihr Stil war oft schmucklos. Sie konzentrierten sich auf Zahlen und Fakten, sie beleuchteten jedes Argument von beiden Seiten und manchmal auch von dreien, sodass der Schwung mitunter verloren ging. Jahre später – da war John schon Pulitzerpreisträger und ich hatte gerade meinen ersten Roman geschrieben – rief er mich an, zutiefst verletzt. Jemand hatte ihm hinterbracht, was ich damals über ihn gesagt hatte. Dass er keinen eigenen Sound habe. Und dass man die Texte, die wir für das Wall Street Journal produzierten, stilistisch kaum voneinander unterscheiden könne.

Als ich vom Fall des Spiegel-Reporters Claas Relotius hörte, der so perfekt erzählen wollte, dass er darüber das Recherchieren unterließ, musste ich an John denken. Relotius hatte in seinen großen Geschichten immer Protagonisten, die wirkten wie Romanfiguren, da waren tolle Szenen und ein ganz eigener Ton. Es war kein Zufall, dass die Protagonisten immer Musik hörten, der Sound war wichtiger als die Wahrhaftigkeit. Als ich nun also Relotius las, dachte ich: Woher kommt dieser Wunsch deutscher Journalisten, die perfekte Geschichte zu schreiben? Warum spricht man von Protagonisten und Szenen anstatt von Menschen und Ereignissen? Wann wurde der deutsche Journalismus, der doch früher eher nüchtern war, zum großen Theater?

Ich habe Journalismus an einer amerikanischen Uni studiert. An der Columbia Graduate School of Journalism wurde das Recherchieren als die eigentliche Kunst betrachtet. Das Schreiben dagegen war niederes Handwerk, eine fast industrielle Tätigkeit, die nun einmal mitvermittelt werden musste. Der Basiskurs war berühmt, eine Art Bootcamp, er hieß RW1. (Das R steht für reporting, danach erst kommt das W für writing.) Ich habe Dinge gelernt, die ich heute noch im Kopf habe: "Der Einstiegssatz enthält eine einzige Idee und lässt Subjekt, Verb und Objekt aufeinanderfolgen – er sollte nicht mehr als 35 Worte haben." Und bloß nicht zu viele Adjektive. Eine knappe Personenbeschreibung reicht völlig aus. Jede Aussage muss mit einer Zahl belegt werden. Oder mit einem Zitat. Eine Professorin, die einen Text von mir korrigierte, schrieb an den Rand: "No innuendo please". Sie wollte mir damit sagen, dass ich auf Andeutungen verzichten solle. So klar wie möglich schreiben. Und nichts assoziativ mitschwingen lassen. Journalisten sind keine Literaten.

Nach dem Studium wurde ich Redaktionsassistent der Columbia Journalism Review, später Reporter beim Wall Street Journal, meine damalige Freundin war Factcheckerin beim New Yorker. Das Factchecking Department dort ist noch berühmter als die Dokumentation vom Spiegel. Ich staunte, was meine Freundin alles tun musste. Sie bekam ranghohe Politiker oder Manager ans Telefon, besuchte Orte, die der Reporter beschrieben hatte – und all das bloß, um sicherzustellen, dass akkurat recherchiert worden war. Manchmal beklagte sich meine Freundin über einzelne Reporter, es waren berühmte Leute dabei, doch waren gerade die, denen die Fehler unterliefen, besonders dankbar. Factchecking war eine harte Arbeit, aber auch eine ehrenvolle Aufgabe, die eine gesellschaftliche Relevanz hatte. Es sollte halt alles stimmen. 

James Joyce als Vorbild?

Nach zehn Jahren im Ausland wollte ich zurück nach Deutschland. Dort beauftragte mich ein Magazin, das Porträt eines damals bekannten Managers zu schreiben. Also recherchierte ich so, wie ich es an der Columbia gelernt hatte. Mein Eindruck war, dass der Mann, der sich als erfolgreicher Sanierer ausgab, jedes Unternehmen gerade noch verlassen hatte, bevor sich die Folgen seines zerstörerischen Managements zeigten. Also begann ich, ehemalige Mitarbeiter anzurufen und die Unternehmen aufzusuchen, die er geleitet hatte. Natürlich traf ich ihn auch selbst. Anschließend schrieb ich eine überlange Geschichte, hart recherchiert, reich an Zahlen und Fakten, die aber auf Deutsch – ich sah es selbst so – eher öde und kompliziert daherkam. Der Chefredakteur druckte den Text nicht, er fand ihn schwach und schrieb mir in einer Mail, für eine investigative Recherche eigne sich so ein schillernder Typ nicht, da müsse man viel witziger schreiben, anschaulicher und unterhaltsamer. Er wollte keine Fleißarbeit, so schien es mir, sondern einen Schelmenroman.

Inzwischen habe ich begriffen, dass man in Deutschland anders arbeitet. Ich habe selbst Reportagen geschrieben, gehe zu Preisverleihungen und wundere mich dabei immer, dass die deutschen Reporter den amerikanischen Journalismus so häufig als Vorbild nennen. Die New York Times können sie damit kaum meinen, denn die New York Times ist berühmt für das, was manche deutschen Journalisten abfällig als "Sachkack" bezeichnen. Schon der erste Satz der typischen New-York-Times-Geschichte ist unspektakulär, es geht um Relevanz und Information, nicht darum, den Leser in den Text hineinzuziehen. Oder der New Yorker, der hierzulande ebenfalls oft gelobt wird. Auffällig ist da, wie ausgiebig die Protagonisten zu Wort kommen, oft völlig unkommentiert. Der Reporter lässt den Leuten die Möglichkeit, die eigene Geschichte zu erzählen, und man merkt beim Lesen erst, wie viel man auf diese Weise über Menschen erfährt. In der deutschen Reportage dagegen wird selten ausführlich zitiert, der deutsche Reporter ist kein Stenograf, lieber arbeitet er mit Zitatschnipseln und indirekter Rede. Oder er kriecht in den Kopf seines Protagonisten und schreibt nieder, was da wohl vor sich geht. Stream of Consciousness heißt die Technik, das berühmteste Vorbild ist Ulysses von James Joyce. Ein genialer Autor natürlich, aber kein Journalist.  

Es gibt im amerikanischen Journalismus noch eine andere Gattung als diejenige, die an der altmodischen Columbia School of Journalism gelehrt wurde. Das ist die Gattung des New Journalism. Hunter S. Thompson, Tom Wolfe und Gay Talese waren Autoren, die in den bewegten Sechzigerjahren mit dem Schreiben anfingen. Sie waren Selbstdarsteller, die ihre Subjektivität als poetische Wahrheit feierten. Talese und Wolfe verfassten seitenlange innere Monologe und detailverliebte Rekonstruktionen von Szenen, die sie nicht selbst erlebt hatten. Sie gaben die Träume und intimsten Erinnerungen ihrer Protagonisten wieder. Sie machten aus drei Personen eine einzige, weil sie meinten, dass die Verknappung am Ende ausdrucksstärker sei als die schnöde Wirklichkeit. Es gibt im New Journalism ganz großartige Texte, doch war die Gattung in den USA immer eher Subkultur als Mainstream. In Deutschland ist das anders.