Ich hatte mir die Stadt trostloser vorgestellt nach den Wahlen im November. Doch nun sitze ich im Zentrum von São Paulo, dort, wo sich noch vor Wochen die Protestzüge gegen Jair Bolsonaro durch die Straßen wälzten, in einem Kulturzentrum mit unerwartet gut aufgelegtem Publikum. Kinder sämtlicher Hautfarben toben durch Bällebäder, Seniorinnen aalen sich im Bikini auf Sonnendecks, Jugendliche mit Goldzähnen spielen Schach. Ältere Menschen aus der Nachbarschaft hängen in Bibliothek und Kantine ab oder schlendern durch die Ausstellungshallen. Dazwischen freundliches Sicherheitspersonal, das links und rechts grüßt. Fast so, als würde das Leben im Rest des Landes nicht gerade aus den Fugen geraten.

Elisabeth Wellershaus, 1974 geboren, lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin "Comtemporary And". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © ZEIT ONLINE

Der architektonische Traum, den Lina Bo Bardi in den 1970er-Jahren aus dieser Fassfabrik in São Paulos Pompéia-Gemeinde gezaubert hat, scheint wie aus der Zeit gefallen. Das SESC Pompéia steht für die Öffnung nach den Jahren der Militärdiktatur. Es steht für künstlerische Unabhängigkeit und lebendige Nachbarschaft. Für Ausstellungen und Konzerte mit kritischen Tönen, für Sportangebote und Raum für die Community. Doch die angehende Regierung droht bereits, die SESC-Strukturen radikal zu beschneiden – vor allem widerspenstigen Kulturschaffenden die Gelder zu streichen. Knapp zwei Monate nach Bolsonaros Wahlsieg wirkt das SESC Pompéia mit seinem fröhlichen Mittagspausenszenario wie ein letztes Dorf der Unbeugsamen.

Auch die Bauhaus-Ausstellung, wegen der ich hier bin, wirbt mit interkultureller Öffnung. Es geht um den Bezug der europäischen Avantgarde zur indigenen Kunst von anderen Kontinenten. Um Öffnung, Aneignung und Austausch. Im ersten Moment klingt das nach überkonstruiertem Kuratorenkonzept, im zweiten aber wirkt es gespenstisch aktuell. Die deutliche Aufwertung indigener Kunst kann in Zeiten des politisch instrumentalisierten Rassismus wie ein Statement gelesen werden. Und das Schicksal mancher Bauhaus-Künstler scheint der Situation von brasilianischen Kulturschaffenden der Gegenwart auf unheimliche Art zu ähneln. Mit Blick auf Bolsonaros "Säuberungsdrohungen" an politische Gegner und auf seine antikommunistischen Bildungsprogramme wirken europäische wie brasilianische Vergangenheit zumindest ungemütlich nah.

Bei genauem Hinsehen greift die rechtspopulistische Rhetorik seiner Partido Social Liberal (PSL) auch schon hier im SESC. Als ich mit zwei Studenten aus dem Besucherprogramm vor einem Schaukasten mit Bildern von Hannes Meyer stehenbleibe, sind sie auf einmal sehr zurückhaltend. Dass er Architekt und Bauhaus-Direktor war, lassen sie mich wissen, doch die kommunistische Haltung, die ihn den Job gekostet hat, klammern sie aus. Verstohlen sehen die beiden sich um, als ich danach frage. Erst als die Luft rein zu sein scheint, erzählen sie, dass sie das Thema vor Besuchern derzeit lieber nicht ansprächen. Dass Bolsonaro schon im Wahlkampf Stimmung gegen alles gemacht habe, was von links kommt. Dass sie Angst hätten, von Besuchern gefilmt zu werden, wenn sie etwas "Falsches" sagen. Genau wie Lehrer, die durch das Programm "Schule ohne Partei" verunsichert würden, das dazu aufruft, geisteswissenschaftliche Fächer zu "entpolitisieren". Sie erzählen, dass im Vorfeld der Wahl prodemokratische Veranstaltungen an Universitäten verboten wurden. Und davon, was einer von ihnen neulich getan hat, als er drei Jugendliche mit Hakenkreuzfahne im U-Bahnhof sah: nämlich gar nichts. "Als ich es melden wollte, hieß es, ich müsse mich dafür online registrieren", sagt der Student. Die Vorstellung, seine politische Haltung könne in diesen Zeiten im Netz publik werden, hielt ihn davon ab.

Seine Ängste decken sich mit den Reflexen innerhalb der Kunstszene. Im Haus gegenüber des Bauhaus-Projekts hat vor Kurzem eine kritische Ausstellung zur Mediengeschichte Brasiliens eröffnet. In der Mitte des Raumes hängt ein großes Lula-Porträt. "Wir waren uns sicher, dass es innerhalb kürzester Zeit in Fetzen vor uns liegen würde", erzählt die Kuratorin Anna Maria Maia. Das Bild hängt noch. Doch die Angst frisst sich in alle Richtungen. Auf einmal macht die Mitarbeiterin einer deutschen Kulturinstitution sich Gedanken, weil ihr Großvater Sekretär der Kommunistischen Partei war. Ihr Kollege darüber, ob seine bunten Hosen ihn als Schwulen outen könnten. Künstler schalten ihre Handys aus, wenn sie über Politik diskutieren, und Sponsoren ziehen Gelder zurück, wenn sie "traditionelle Werte" verletzt sehen. Währenddessen verbreiten Bolsonaro-Unterstützer in sozialen Medien Verschwörungstheorien über die Gefahren einer internationalen Linken. Sie verfolgen eine strikte Klientelpolitik und erwecken den Anschein, als wollten sie die zaghaften Versuche einer sozialen Umverteilung aus der Zeit der Arbeiterpartei mit allen Mitteln stoppen.

Es wird ungemütlich – für alle

Am nächsten Tag radle ich mit dem Mietfahrrad durch ein hübsches Künstlerviertel zur nächsten Ausstellung. Auch Vila Madalena scheint so ein Refugium zu sein, das erst langsam von der neuen Realität eingeholt wird. Bis vor ein paar Jahren galten die bunten Häuschen im Viertel als Sammelpunkt für Alternative und Kreative. Mittlerweile stehen sie auch für das besser verdienende, vom sozialen Übel städtischer Randbezirke abgeschirmte São Paulo. Zwar gibt es immer öfter Vorfälle, bei denen pöbelnde Bolsonaro-Unterstützer kritische Off-Theater, Galerien oder Schwulenbars unsicher machen. Doch den eigentlichen Feind scheinen Ultrakonservative im Prekariat der Randbezirke auszumachen. In jenem Teil der Bevölkerung, der das städtische Wohlstandszentrum bedrohen könnte.

"Dabei leben wir hier in einer absoluten Blase", sagt ein befreundeter Politikwissenschaftler aus dem Viertel. In seiner Nachbarschaft werden soziale Kürzungen, Einsparungen bei Bildungsprogrammen oder affirmative Aktionen vermutlich überschaubare Auswirkungen haben. Zumindest scheint das Leben zwischen Biosupermärkten und Hipster-Cafés dem in meinem deutschen Umfeld erstaunlich ähnlich zu sein. Einig nicke ich bei Gesprächen über neue Rechte, invasive Beobachtungspraktiken an Schulen – auch bei der AfD im Trend – und Entfremdung zwischen Peripherie und Zentrum, den Künstlern, Kuratoren und LGBT-Aktivisten zu. Ich versuche, zu verstehen, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Umfeld akut bedroht ist. Und frage mich, wie lange mein heimisches wohl verschont bleiben wird.

Im Café des Museo de Arte de São Paulo (MASP) setze ich reflexartig mit denselben Themen an. Doch da sieht Amanda Carneiro mich ungehalten an, murmelt leise was von "Luxusproblemen". Sie stammt aus Capão Redondo, einem für Gewalt und prekäre Lebensbedingungen bekannten Viertel am Stadtrand. Einem der Orte, an dem Bandenkriminalität die Bevölkerung fest im Griff hält, wo Mordraten steigen und Schulabschlüsse sinken, wo vor allem Afrobrasilianer leben und wo Bolsonaro "hart durchgreifen" will.

"Im Moment bin ich die Vorzeigeschwarze hier am MASP", sagt sie. Sie ist die Erste aus ihrer Familie, die es an die Universität geschafft hat, und gehört zu einer Handvoll junger schwarzer Frauen, die Programme an den wichtigsten Museen der Stadt entwickeln. Sie erzählt von rassistischen Hassmails, die das MASP in vergangenen Monaten wegen einer Ausstellung zur afrobrasilianischen Geschichte bekam. Aber auch davon, dass die wirklichen Probleme sich nicht im Museum abspielen. "Kulturschaffende sind im Rahmen der großen Institutionen noch immer gut aufgehoben", sagt sie. "Wir bewegen uns in einer sehr privilegierten Welt." Dann schließt sie die Knöpfe ihres beigefarbenen Kostüms und entschwindet durch gläserne Schiebetüren. In einer Stunde beginnt ihr Workshop mit den Schülern eines Viertels, das dem gleicht, in dem sie aufgewachsen ist. Vielleicht wird sie danach im SESC Pompéia sitzen, Wein trinken, übers Bauhaus oder die bevorstehende Schließung des Kulturministeriums diskutieren. Vielleicht mit ihrer Familie zusammensitzen und über die Probleme in den Favelas sprechen. Egal wo, es wird darum gehen, dass es in nächster Zeit für alle ungemütlich wird.