Jan Böhmermann, der Autor dieses Gastbeitrags, ist Satiriker und Fernsehmoderator. Seine Sendung "Neo Magazin Royale" wird wöchentlich auf ZDFneo ausgestrahlt.

Claas Relotius hat zwischen 2010 und 2012 auch für ZEIT ONLINE und ZEIT WISSEN einige Beiträge verfasst. Wir überprüfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt. In unserem Glashaus-Blog sammeln wir die Ergebnisse.

Manchmal, wenn eine Geschichte ihn ratlos zurücklässt und ihm Häme und Spott allein nicht die gewohnte, erlösende Befriedigung verschaffen, bringt es den Quatscherzähler weiter, wenn er seine unfertigen Gedanken festhält und teilt. Fast wie so ein richtiger, echter Journalist, nur eben unfertig. Jemand wird vielleicht weiterdenken, was der Quatscherzähler selbst nicht weiterzudenken vermag. Und wenn nicht, kann er sich wenigstens mit einigem Abstand seinen aufgeschriebenen Gedanken zuwenden und sie im Nachhinein besonders dumm finden oder besonders schlau. Oder irgendwas dazwischen.

Der Fall des mutmaßlichen Hochstaplers Claas R. (33), der jahrelang als vorgeblicher Journalist tatsächliche Quatschgeschichten an Qualitäts- und Leitmedien wie DER SPIEGEL, WELT, CICERO, ZEIT, taz oder NZZ (gottlob doch nicht: The Guardian) verkauft haben soll, ist so eine Geschichte, die der Beobachter erst einmal sacken lassen muss, bei der das tiefere Nachdenken die ersten Affekte einholt und überspült. Eine Nacht, zwei Nächte grübelnd darüber wach liegen. Oder als Nicht-Journalist: prima schlafen, wie immer.

Nach dem Verglühen der ersten leichthändig rausgeballerten Powertweets über die "Causa Claas" hat den Autor dieses Gastbeitrags seine verschüttete  journalistische Vergangenheit eingeholt, emotional. Vor vierzehn Jahren hatte er sich nach seiner Zeit bei Zeitung und Radio und dem öffentlich-rechtlichen Volontariat freiwillig gegen eine seriöse journalistische Berufslaufbahn entschieden und ist derart tief in die bunte Welt zwischen Fakten und Fiktion, die – im weitesten Sinne – Kunst abgetaucht, dass er inzwischen völlig schamlos über sich selbst in der Dritten Person schreiben kann. Quatscherzähler, also Künstler, im Hauptberuf zu sein, bringt den Luxus mit sich, befreit davon zu sein, irgendetwas von Bedeutung zum Weltgeschehen beitragen zu müssen, aber es versuchen zu können, wenn man Bock drauf hat.

In den zurückliegenden, dunkelsten Tagen des journalistischen und astronomischen Jahres 2018 wäre es für den Künstler also deutlich entspannter, sich um die Weihnachtsbesorgungen zu kümmern und der verbeulten Vierten Gewalt, dem Journalismus, dabei zuzusehen, wie sie mit heiligem Ernst und Demut! Demut! und nochmal Demut! bei den Aufräumarbeiten nach dem Fall Claas R. ins Schwitzen kommt. Wie hat schon der in ernsthaften Quatschfragen überstrapazierte Kurt Tucholsky nie gesagt: "Demut braucht nur der, der den Schlüssel für den Keller verlegt hat, in den er zum Lachen geht."

Der Künstler – in Wahrheit natürlich die Fünfte bis Zehnte Gewalt und dem Journalisten übergeordnet, aber zu bescheiden, das öffentlich zuzugeben – legt darum nicht die Füße hoch, denn er weiß wie das ist, als Journalist – emotional. Er will helfen.

Kunst, schreiben inzwischen ehemalige Kollegen, das wäre doch auch besser das Ding von Claas R. gewesen! Der hätte mal Bücher schreiben sollen, fabelhafte Romane wären das bestimmt geworden! Dann wäre das alles nicht passiert! Nicht wenige mutmaßlich um ihre Journalistenpreise Betrogenen rätseln, ob sie denn nun einen Platz nach oben rücken, wo "der Claas" ja jetzt weg vom Fenster ist. Preise sind doch die Währung der Branche.

Der ohnehin schon unter dem schrecklichen Schicksal, mehr Journalistenpreisverleihungen moderiert als Journalistenpreise verliehen bekommen zu haben, leidende Fernsehjournalist Jörg Thadeusz kann seine tiefe Verbitterung nach dem Riesenskandal um Claas R. noch weniger verbergen als sonst. Am Donnerstag verkündet er zornig und unter Zuhilfenahme von Wörtern wie "Journaille", "Opferhaltung" und "Bembel" "erst dann wieder einen (Journalistenpreis) zu vergeben, wenn Verkehrspiloten auch für jede zehnte geglückte Landung prämiert werden". Gut gebrüllt, Löwe. Und trotzdem den Humor nicht verloren. Claas "Gonzo" R. – der Nestbeschmutzer des Journalismus, der Journalistenpreise, des SPIEGEL! Aber in der Kunst, nun ja, da wäre er wohl gerade richtig aufgehoben, der böse Claas, der uns alle hinters Licht geführt hat mit seinen award winning Smoothies aus Fakten, Fiktion und Gefallsucht und/oder Irrsinn.

In Demut! Demut! Demut! sei vermutet: Dem Journalisten geht es um die möglichst vollständige Erfassung und Beschreibung der Welt. Das findet der Künstler natürlich lächerlich vom Journalisten, denn er hält es für zielführender, seine eigene Welt zu erfassen und zu beschreiben. Nur durch die Einbeziehung von Fiktion und die Bereitschaft zum Unsinn und zur Spielerei kann die Wirklichkeit wahrhaftig erzählt werden. Wer etwas anderes behauptet, sollte sich bitte zweihundert Jahre in die Vergangenheit zurückbeamen. Es ist keine besonders große Erkenntnis, dass nur das Erfassbare und das Unerfassbare zusammengenommen das ganze Bild ergeben.

"Ebony and ivory, go together in perfect harmony," scheppert es wie zufällig an dieser Stelle aus dem batteriebetriebenen Küchenradio des leicht untersetzten Pförtners mit den strahlend weißen Zähnen am Empfang des bunkerartigen SPIEGEL-Palastes an der Enricospitze, während er den SPIEGEL-Hausausweis des Claas R. dem Aktenschredder zur endgültigen Vernichtung übergibt. Das ist leider kein Journalismus, sondern Quatsch. Aber wer will und kann das noch auseinanderhalten?

Dass Quatsch als Mittel zur Erkenntnis prima funktioniert, fand Claas R. schnell heraus. Nur, wie bei jedem schlechten Wissenschaftler, Kriminalbeamten oder eben Journalisten stand bei dem jetzt mutmaßlich Aufgeflogenen ein großer Teil seiner Erkenntnisse schon fest, bevor er sich überhaupt an die Recherche machte. Es ist also nicht die Schuld des Quatsches, sondern desjenigen, der den Quatsch missbräuchlich verwendet und ihn für seine eigenen niederen Zwecke einspannt. Juristen wissen: Das ist strafbarer Quatschmissbrauch! Und strafbarer Quatschmissbrauch ist immer dort besonders leicht, wo Quatsch selten vorkommt, sich keiner mit Quatsch auskennt und man sich darum vor dem Quatsch fürchtet. Wo niemand Quatsch erwartet, wird alles ernst genommen. Die Lenape-Indianer haben sich 1626 ihre Insel Manhattan für eine Handvoll Glasperlen von einem betrügerischen Deutschen in niederländischem Auftrag abquatschen lassen, weil sie sich von den ihnen unbekannten Glitzersteinchen blenden und beeindrucken ließen. Glasperlen waren für die Lenape-Indianer damals so fremdartig und faszinierend, wie es der Quatsch noch heute für renommierte Nachrichtenmagazine ist.

Quatsch ist kein traditionell von seriösen Journalisten im Alltag verwendetes Werkzeug, kein statthaftes Mittel oder überhaupt eine Kategorie, mit der man sich außerhalb der von ernsthaften Journalisten zu vernachlässigenden Berichterstattung über Quatsch (Musik, Film, Kunst etc.) beschäftigen müsste. Die Gefahr: Wer im Quatsch den Ernst nicht sieht, erkennt auch nicht den Quatsch im Ernst. Claas R. machte unverdächtigen Ernst, darum ist er mit seinem verdächtigen Quatsch so lange durchgekommen. Mindestens sieben Jahre lang.

Sagen, was ist. Und nicht: Hoffen, wie es sein könnte.

Die Mittel des Journalismus sind begrenzt, das ganze Handwerk ist übersichtlich zu beschreiben: Sage anhand dessen, was Du sicher weißt, was ist. Alles, was man als Journalist für sein Berufsleben wissen muss, lernt man in den ersten Wochen an der Journalistenschule. Der Rest ist Erfahrung, Mut, Standhaftigkeit und die höchste Kunst, die ersten Lektionen an der Journalistenschule nie zu vergessen und sich nicht an Humorlosigkeit, Eitelkeit, Neid und Missgunst zu verlieren. Journalismus ist niemals langweilig, aber dafür leider wahnsinnig anstrengend, unterliegt strengen Regeln, man gewinnt keine Beliebtheitswettbewerbe und wenn, dann bekommt man seinen Preis bloß widerwillig von einem mies gelaunten Jörg Thadeusz überreicht. Und zum Dank wird man auch noch mies bezahlt. Einige wenige fantasieaffine oder prominente Journalisten dürfen manchmal gefühlige Meinungsstücke, scheppernde Kolumnen oder, besonders unangenehm, herrlich bissige Glossen verfassen, werden dafür aber zu Recht von echten Journalisten und professionellen Quatscherzählern gleichermaßen verachtet.

Echte Journalisten sind seriös und glaubwürdig, weil sie sich ihrem Handwerk verpflichtet sehen – und sonst nichts. Professionelle Quatscherzähler haben gar keine Verpflichtungen, niemandem gegenüber, nicht einmal sich selbst. Sie gelten deshalb zum Glück auch nicht als sonderlich seriös oder besonders glaubwürdig. Künstler sein muss man wollen. Journalist sein muss man können. Beiden jedoch geht es, wenn sie es ernst meinen, um Wahrheit und Wahrhaftigkeit: Sagen, was ist. Und nicht: Hoffen, wie es sein könnte.

"Kurz vor dem Ende seiner Karriere kommen sich Glanz und Elend im Leben des Claas R. einmal ganz nah." Mit der bösartigen Pointe, dass sein ehemaliger Ressortleiter dem 33-jährigen Claas R. mal eben so das Karriereende attestiert, beginnt die glänzend elende Geschichte des zukünftigen Co-Chefredakteurs und Karrierekillers Ullrich Fichtner am 19. Dezember 2018. Dieser erste Satz bildet den Aufschlag für eine der köstlichsten Unappetitlichkeiten des deutschen Qualitätsjournalismus seit dem letzten Tweet des WELT-Chefredakteurs (irgendwas mit Freiheit oder Porsche oder Elfenbeinturm) oder der BILD-Zeitung von gestern ("Terror-Staatsministerin Widmann-Mauz plant Anschlag auf Weihnachten").

Und während in den sich ernst nehmenden deutschen Verlagshäusern und Crossmedia-Redaktionen am vergangenen Mittwoch zehntausend seriösen Social-Media-Volontären bei der Lektüre von Fichtners genrebegründender wutbasierten Vernichtungsreportage mit Gesichtswahrungsauftrag das Blut aus den überhitzten Köpfen sackt, schmunzelt sich der professionelle Quatscherzähler in die geballten Fäuste und liest mit stillem Staunen jeden Artikel, jedes Morningbriefing, jeden Newsletter, jede Stellungnahme und schaut sich jeden entrückt zur Sache Claas R. redenden zukünftigen Co-Chefredakteur bei Youtube an.

Die Wucht der Vernichtungsreportage von Ullrich Fichtner wird über die Überlänge des Textes zur wütenden Unwucht. Man kann nur eines: verurteilen oder verstehen. Fichtner entscheidet sich für verurteilen. Was hätte ein statthafter Journalist getan? Es gibt kein Halten im Wahn der verletzten Egos. Glanz und Elend sind sich auch außerhalb der Fabeln des Claas R. ganz, ganz nah.

Wie Claas R. müssen auch der zukünftige Co-Chefredakteur und viele seiner Kolleginnen und Kollegin gerade erfahren, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite des Geschäfts zu stehen. Journalisten, degradiert zu Berichterstattungsobjekten. Wie unwürdig. Der Beschreibende wird zum Beschriebenen. Ein unangenehmer Seitenwechsel.

Die ungewollte Aufmerksamkeit fühlt sich wohl auch für die Mitschuldigen, die nicht Claas R. heißen, scheiße an. Aber ihr in diesen Tagen empfundener Stress ist nicht umsonst: Das Material, die Geschichten, die Stories, die sie ohne es zu wollen produzieren, sind fantastisch und so lehrreich. Jahrzehntelang gehegte Neurosen brechen krachend auf, farbenfrohe Selbstbilder fallen einfach so von der Wand, und selten war das Publikum derart hautnah und live dabei. Da bewegt sich was. Eine Branche unter Schock! Wegen des schrecklichen Betrugs. Aber vor allem, weil die ganze schreckliche Riesenstory am Abend in den Tagesthemen bloß die letzte Meldung in den Nachrichten mit Susanne Daubner war. Nicht mal mit einem eigenen Filmbeitrag! Ja, ist denen beim NDR die Dimension gar nicht bewusst? Wir hätten damit aufgemacht! Alle sind geschockt, beziehungsweise froh, dass es sie nicht ganz so schlimm getroffen hat. Ratlosigkeit überall! Hoffnungslosigkeit! Sowas endet selten in einer guten Geschichte.

Der professionelle Quatscherzähler hingegen bewegt sich in der Ratlosigkeit wie ein Fisch im Wasser und kennt die Hoffnungslosigkeit wie seine Westentasche. Er ist ja auch emotional bewegt und will schließlich wissen, wie es weiter geht.

Alles muss jetzt raus!

Also dann: Fragen, was ist.

Was ist schief oder gar grundlegend schief gegangen bei Claas R. und Deutschlands vorübergehend reumütigstem Leitmedium? Die hoffnungslose Ratlosigkeit verschwindet nicht einmal nach der Lektüre der ersten Blitzkomplettanalysen des Falles Claas R. durch die aller-allwissendsten medienjournalistischen Instanzen des Landes. Alles ist gesagt, und nichts ist geklärt.

"Seit dem 19. Dezember 2018 ist hier beim SPIEGEL nichts mehr so, wie es einen Tag zuvor noch war," eröffnet ein hörbar zerschossener Redakteur den – der Akustik nach zu urteilen – im verlagseigenen panic room aufgenommenen, ersten SPIEGEL-Podcast nach dem selbstverursachten GAU. Und mit diesem ersten Satz ist, hokuspokus, dann auch schon alles wieder ganz genau wie vor dem 19. Dezember 2018. Uff. Etwas hat die Spur verloren. Das Gefühl fürs Wesentliche. Das Gefühl für das Gefühl:

Wer kümmert sich gerade um den mutmaßlichen 33-jährigen Täter, der sich – ob und in welcher Weise auch immer alleine verschuldet – im Auge des vernichtenden Scheißesturms befindet? Welche Kollegin, welcher Kollege, welcher Freund, Freundin, Mann, Frau stehen jetzt an der Seite des Menschen Claas R.? Ist da jemand? Ja, genau, Mitleid und Sorge. Nicht mit dem mutmaßlichen Täter, sondern mit dem ausgelieferten Berichterstattungsobjekt Claas R.

Der ertappte Journalistendarsteller wird von seinen mutmaßlich mitverantwortlichen Kollegen und Vorgesetzten öffentlich aufgeknüpft und so schonungslos durchgewolft, wie nicht einmal ein prominenter, mächtiger Chefredakteur durchgewolft werden würde, der der Vergewaltigung einer Mitarbeiterin samt anschließender, systematischer Vertuschung der Tat unter aktiver Mithilfe seines Verlages beschuldigt worden wäre. Hypothetischer Fall, na klar.

Machtmissbrauch von oben aufzuklären, ist mühseliger und gefährlicher als Machtmissbrauch von unten aufzuräumen. Eine Lektion, die der frischgebackene SPIEGEL-Starreporter Juan Moreno lernen musste, als er versuchte, Claas R. gegen den Widerstände des "Systems SPIEGEL" (notieren: wäre ein guter SPIEGEL-Titel) mit sauberer und hartnäckiger Recherche zu entlarven. Ein spannender Thriller inklusive nächtlichem Showdown im DriveNow-Auto. Doch so gerne man sich die adrenalinrauschenden SPIEGEL ONLINE-Interviews mit Moreno auch ansieht, für den SPIEGEL gibt es zur Zeit keinen vernünftigen Grund, auch nur zu versuchen, die Geschichte des SPIEGEL-Reporters, der den SPIEGEL-Skandal um den mutmaßlich betrügerischen SPIEGEL-Reporter gegen den Willen des SPIEGEL aufgedeckt hat, zur SPIEGEL-Erfolgsstory zu machen. 

Die Leichtfertigkeit, mit der Menschen, die sich vor wenigen Tagen noch gerne an der Seite des neunzigmaligen Reporterpreisgewinners Claas R. haben fotografieren lassen, jetzt mit Urteilen um sich schmeißen, ist atemberaubend. Auf die sonst übliche Anonymisierung des Namens wird verzichtet. Die Unschuldsvermutung wird aus Praktikabilitätsgründen so lange ausgesetzt, bis das Schwein endlich alles zugibt. Kann man schon machen. Ist hart, aber okay. Alles muss jetzt raus! Kurzer Dienstweg. Dieser Persönlichkeit gewähren wir keinen Schutz, denn hier geht es um mehr. Worum eigentlich? Und was zum Augstein ist ein "zukünftiger Co-Chefredakteur"? Jedenfalls: Bevor das nächste Mal ein "zukünftiger Co-Chefredakteur" so haltlos und unaufgehalten wie der aktuelle Zukünftige durch sämtliche Hierarchie-Ebenen hindurch von oben herab nach unten ballert, sollte man vielleicht über eine grundsätzliche Neujustierung der hausinternen checks and balances nachdenken. Wenn man es ernst meint an der Egidiusspitze. Journalismus: Oder soll man es lassen? – ein Pro und Contra.

Zu Recht wird seit Jahren gefordert, dass Vergehen von Polizeibeamten oder Kirchendienern von unabhängigen Stellen bearbeitet werden sollten und nicht von Polizei und Kirche selbst. Wie ist das eigentlich im Journalismus geregelt? Gar nicht natürlich, weiß der Quatscherzähler und schreibt tausend neue Redakteurslächerlichmachungen und Journalistenwitze in sein streng geheimes Notizbuch.

Zwei Einwohner der amerikanischen Kleinstadt Fergus Falls (Minnesota) haben in einem rührenden Blogeintrag einen SPIEGEL-Artikel von Claas R. über ihr Städtchen auseinandergepflückt. Unaufgeregt zerschlagen sie mit Fakten die vorgeschobene Legende der legendären SPIEGEL-Dokumentation. Bis auf den Namen des Ortes und die Einwohnerzahl stimme nichts in Claas R.s Fantasyreportage. Es bricht einem das Herz. 

Journalist ist deshalb keine geschützte Berufsbezeichnung, damit jeder der Wahrhaftigkeit nähere Leser selber zum besseren Journalisten werden kann. Hashtag Meinungsfreiheit.

Die einen haben es schon immer gewusst: Die Zukunft des Journalismus liege natürlich nicht in immer noch gefälligeren, noch spannenderen Multimediaformen und szenischen Einstiegen, sondern in nichts Langweiligerem als der radikalen Rückbesinnung auf das journalistische Handwerk. Schwarzbrot. Klare Sprache. Sagen, was ist. Die fünf Ws. Die zwei Quellen. Die Themen liegen auf der Straße bzw. im Internet. Gezeichnete Autorenfotos zu Pflugscharen! Berufsehre. Journalistisches Handwerk. 

Die andere Seite blafft zurück: Ja, haben wir 2019, oder ist es noch 1947?

Erleichternd, dass die wütende Leidenschaft mal einen anderen Adressaten hat als immer nur die SPD. Jaja, da muss DER SPIEGEL, da müssen ALLE jetzt durch. Ganz tief durch diesen Schmerz hindurchatmen: auch nicht besser zu sein, als die, die man selber bemitleidet. Das ist alles SPD-Ratlosigkeit und SPD-Wut. Jetzt kommen dieselben Fragen: Wie konnte das passieren? Was ist unser Markenkern? Wie kommen wir da wieder raus? Was will der Wähler, äh, Leser? Wie schlimm ist es wirklich? Ist das noch Redaktionsvollversammlung oder schon Debattencamp?

Eine solide Wand. Eine SPIEGEL-Qualitätswand

Vielleicht ist das ja eine Lachmöwe? Wäre ein geradezu fantastischer Zufall! © Janer Zhang/unsplash.com

Was für ein Desaster! Was für eine Geschichte! Unmöglich, dass DER SPIEGEL sich aus eigener Kraft aus diesem Qualitätsschlamassel herausschreiben kann. Denkt der Nicht-Journalist. DER SPIEGEL wagt es trotzdem – das Selbstbewusstsein des Leitmediums hat bei der Affäre Claas R. glücklicherweise keinen Schaden genommen. Am 21. Dezember 2018, gerade einmal zwei Tage nach dem Tag, an dem nichts mehr war wie zuvor. Zwei Tage, nachdem DER SPIEGEL im heldenhaften Kampf mit sich selbst den schlimmen Betrüger vernichtet und so zum Glück den aufgeräumten und wahrhaftigen Journalismus in letzter Minute aus dem klebrigen Spinnennetz des Storytellings retten konnte, ist er wieder da. In Demut, Klarheit und neuer Sachlichkeit! Und das klingt dann so:

"Ein perfekter Sturm auf dem Meer beginnt meistens, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: Die Wassertemperatur spielt eine Rolle, die Verteilung von Hoch- und Tiefdruckgebieten, der Jetstream in eisigen Höhen. Über Hamburg braust der Wind."

Krachend schlägt der Blitz in den rostigen Mast des Wracks der "Sorrow". Funken sprühen. Der alte Schweizer Tanker liegt nur etwa zweihundert Meter von ihm entfernt, dort hinten im strömenden Regen vor dem Fenster seines, hoch oben im palastartigen SPIEGEL-Bunker an der Erascospitze gelegenen, Einzelbüros. Der namenlose, unbefristet fest angestellte Qualitätsredakteur atmet schwer und legt unbeeindruckt seine Lieblingsschallplatte auf. Wie jeden Mittwoch gegen sieben. Was ist das denn jetzt hier? Hatte er nicht gerade eben noch diesen merkwürdigen, superlangen Gastbeitrag bei ZEIT ONLINE gelesen? Träumt er diesen Quatsch hier gerade oder ist er aus einem Quatschtraum erwacht? Tiefdruckgebiete? Jetstream? Eisige Höhen? Er versucht, sich zu orientieren. Passiert das hier gerade wirklich oder ist das nur ausgedacht? Ach, egal. Er ist ja wieder hier, da wo er hingehört. Also, vermutlich. Draußen, unten, braust der Sturm. Schon seit Mittwoch. Aber das ist draußen, unten. Er ist hier oben! Einen Artikel alle zwei Monate muss er schreiben, das hatte ihm der alte Augstein zugesichert, man kannte sich noch persönlich. Man schätzte sich. Die Nadel knistert auf der zerkratzten Platte.

"There’s no time for us. There’s no place for us."

Freddie Mercurys dem Tod geweihte Leidenschaft erfüllt sein kleines Zimmer, obwohl Brian May singt. Er hatte wieder heimlich geraucht. Schon die Vierzehnte heute. Vierzehn von sechzig. Das geht im Großraumbüro nicht! Sie wollten ihn ins Großraumbüro stecken! Wie bei SPIEGEL ONLINE! Warum nicht gleich ganz zu Bento? Großraumbüro komme gar nicht infrage, hatte er damals gesagt. Geschrien hatte er, dann war sofort Sense! Heutzutage wird weniger geschrien. Wenig bis gar nicht mehr. Nur das Gebäude schreit noch. Nach außen und nach innen. Er gießt einen heißen Tee aus seiner von daheim mitgebrachten, gusseisernen Kanne in eine bürounübliche, zu feine Porzellankaffeetasse. Villeroy und Boch.

"What is this thing that builds our dreams, yet slips away from us?"

Er ist ein Einzelbürotyp. Er macht seine Dinger immer alleine. So hatte das der junge Kollege ja auch gemacht. Schrecklich, dass man den jetzt so fertig macht. Aber so ist das eben. Er hätte besser aufpassen müssen. Der Junge hätte mal "Nein!" sagen müssen. Das war ja seine eigentliche Schuld!

Journalismus ist Kino im Kopf! Storytelling! Wir müssen die Leute begeistern, unsere Leser gewaltsam und gegen ihren Willen an unsere Texte binden, nein besser: fesseln!! Martin Schulz mit der Wurst an der Autobahnraststätte, die Modelleisenbahn von Horst Seehofer, die letzte Überlebende der Weißen Rose. Solche Geschichten kommen einfach gut, das prägt sich ein. Argwöhnisch blickt er zum Computermonitor, der neben seiner elektrischen Schreibmaschine auf dem Tisch steht. Dieser beschissene, abgehobene, überhebliche Gastbeitrag! Vor allem der seltsame letzte Satz! Claas, der konnte mit Sprache. Aber jetzt ist er weg. Und Schuld. Doch der Fisch stinkt vom Kopf her. Wo ist denn hier der Kopf? Ein Informationsschreiben der Mitarbeiter KG liegt zerknittert unter seinem angebissenen Proteinriegel.

"Who wants to live forever? Who wants to live forever?"

Ich bin der Highlander, denkt er und muss selbst ein bisschen lachen. Er hatte nichts falsch gemacht, nach bestem Wissen und Gewissen. Bei den Kollegen ist er sich nicht so sicher, denen traut er alles zu. Der Tee ist viel zu heiß. Mmmh, aber von Bünting. Das Wrack der "Sorrow" im aufgewühlten Hafen. Dieser schrecklich perfekte Sturm. Huch! Eine Möwe steht plötzlich im nasskalten Gegenwind vor der Scheibe und blickt in sein Büro. Wo kommt die denn her? Wie ein ungebetener Zuschauer aus einem anderen Universum. Vielleicht ist das ja eine Lachmöwe, grummelt er sarkastisch, das wäre ja ein geradezu fantastischer Zufall. Eine Lachmöwe im steifen Gegenwind, hoch oben direkt vor seinem Fenster. Der Vogel soll hier nicht so reingucken! Will sich dieses elende Vieh, wie all die anderen Geier, jetzt auch noch über ihn, das Haus, die Kollegen erheben? Oder ist das eine Begegnung auf Augenhöhe? Die Möwe dreht ab. Der Computerbildschirm surrt. Achja, der ZEIT-Gastbeitrag, dieser letzte Satz.

"Who wants to live forever? Who wants to live forever?"

Das waren doch so tolle Stücke vom Claas. "Und wir haben uns noch geduzt," platzt es aus ihm heraus. Er duzt sonst fast niemanden im Haus. Warum auch? Was also soll mir jetzt dieser Gastbeitrag sagen? Verarsche, oder was? Verhöhnung? Nein danke! Nie würde er so tief sinken, den Kakao, durch den man ihn zieht, auch noch zu trinken! Das ist von Kästner. Das weiß er.

Er betrachtete das gerahmte Schwarz-Weiß-Bild an der nikotingelben Bürowand. Eine solide Wand. Eine SPIEGEL-Qualitätswand. Da hängt es: Das Rhinozerus, selber fotografiert 1987 bei einer Recherchereise nach Ruanda. Auf der Flucht vor den Milizen. Damals gab es noch keine Journalistenpreise. Damals war der wichtigste Journalistenpreis, bei der Arbeit mit dem Leben davonzukommen. Rhinozerus – schreibt man das überhaupt so? Frage ich nachher mal in der Dokumentation.

"Foreeeeeever is our today! Who waits forever anyway?"

Adieu, Freddie! Noch einen letzten Schluck Tee.

Dieser arrogante, platte, eitle und vor allem dumme letzte Satz nervt ihn unfassbar. Wie vermessen!

Verärgert stapft er zurück an seinen Schreibtisch, stellt die edle Porzellantasse ab und starrt auf den letzten Satz des dummen Quatschtextes. Völliger Quatsch, alles! Quatsch! Quatsch! Quatsch!

Nur noch zehn Prozent Akku auf seinem iPhone 4S. Bald ist Feierabend für heute. Das Lied ist zuende, die Platte knistert leise, nur übertönt vom unerbittlichen Hämmern des Hamburger Starkregens an seiner Scheibe.

So! Er macht das jetzt! Er seufzt tief, nimmt seine letzten Kräfte zusammen und liest ihn sich drei Mal vor. Laut und langsam liest er ihn sich vor, diesen elenden albernen Schlusssatz:

Wer hoch zu Ross reiten will, kann vom Pferd fallen – besser also, man ist das Pferd; dann wundert sich auch niemand, wenn man mal am helllichten Tag auf die Straße kackt.