Auch die Fa'afafine auf Samoa gelten als Vertreter eines Geschlechts abseits von männlich und weiblich. Meist handelt es sich bei ihnen um Menschen mit männlichen Geschlechtsmerkmalen, die zum Beispiel aufgrund von Frauenmangel in der Familie gemäß weiblichen Geschlechterrollen erzogen werden, als Frauen leben und auch so behandelt werden. Die bekanntesten Vertreter eines dritten Geschlechts sind vermutlich die Kathoey aus Thailand und Laos. Im Westen kennt man sie vor allem als "Ladyboys", die sich mit männlichen Geschlechtsmerkmalen ausgestattet gewisse weibliche Geschlechterklischees aneignen und häufig als schwule Prostituierte arbeiten. Bis in die Siebzigerjahre umfasste der Begriff Kathoey allerdings generell Menschen, die von einer weiblichen und männlichen Norm abwichen: Intersexuelle, Impotente, Homosexuelle, Transsexuelle. In Europa können die albanischen Burrnesha als Vertreter eines dritten Geschlechts gezählt werden: Die "Eingeschworenen Jungfrauen" verpflichten sich schon als junge Mädchen zu lebenslanger Enthaltsamkeit, treten als Männer auf und werden auch so wahrgenommen.

Auch bei den Berdachen der amerikanischen Ureinwohner handelt es sich um biologische Männer, die als Frauen leben. In einigen Stämmen gab es neben dem dritten auch noch ein viertes, fünftes und sechstes Geschlecht. Der Name Berdach (Arabisch für "Lustsklave") ist keine Eigenbezeichnung, sondern stammt von spanischen und französischen Kolonisatoren und zeigt, wie wenig das christliche Europa mit solchen Konzepten anfangen konnte. Den Europäern galten die Berdach entweder als "Sodomisten" oder Prostituierte. Der als diskriminierend empfundene Begriff wurde in den Neunzigerjahren durch "Two Spirit People" ersetzt. Vertreter dieses dritten Geschlechts gab es da allerdings keine mehr. Die Ureinwohner hatten längst das binäre Geschlechtersystem der Europäer übernommen. Sogar im deutschen Raum ist die Vorstellung eines Geschlechts jenseits von männlich und weiblich kein Novum. Schon vor rund 200 Jahren regelte der "Zwitterparagraf" im Allgemeinen Preußischen Landrecht die Rechte von Intersexuellen.

Geschlecht ist, was wir daraus machen

Was sagen uns all diese Beispiele? Menschen unterschiedlicher Kulturen und Zeiten haben die Frage nach der Anzahl der Geschlechter unterschiedlich beantwortet. Häufig lautete die Antwort: mehr als zwei. Außerdem fällt auf: Ein einheitliches Verständnis von einem dritten Geschlecht, gar eine gemeinsame biologische Entsprechung, gibt es nicht. Stattdessen zeigen Kathoey, Fa'afafine oder Two Spirit People, dass das kulturelle Konstrukt "Geschlecht" Antworten auf ganz unterschiedliche Fragen geben kann. Mal definiert es einen sozialen Status, ein andermal ist es Ausdruck eines spirituellen Verhältnisses. In einem Fall dient es der Legitimierung von Sexualpraktiken, im anderen kennzeichnet es Enthaltsamkeit. Mal greift es biologische Merkmale auf, ein andermal definiert es die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Subkultur.

Könnte man Ähnliches nicht auch über unsere beiden Geschlechter sagen? Klar, unsere Vorstellung von Geschlecht ist auch gebunden an die Existenz von Hoden, Eierstöcken und unterschiedlichen Chromosomensätzen. Aber unter männlich und weiblich verstehen wir in den seltensten Fällen Chiffren für die Größe unserer Keimzellen, sondern soziale Verhaltensweisen und kulturelle Rollenzuschreibungen: geschlechtliche Merkmalsausprägungen, die nicht Jahrmillionen, sondern im Zweifel nur eine Hashtag-Debatte brauchen, um sich zu verändern.

Damit ist der Begriff "Geschlecht" nicht allein. In kaum einer vermeintlich biologischen Kategorie, über die wir uns im Alltag identifizieren, steckt nur Natur. Deutsche? Eine Erfindung des 15. Jahrhunderts. Genetisch sind wir eine Mischung aus russischen Hirten und anatolischen Bauern. Araber? Allenfalls über die Sprache geeint. Sexuelle Identitäten wie hetero und homo? Gab es vor dem 19. Jahrhundert nicht. Rassen? Der letzte Vertreter einer anderen Menschenrasse starb vor rund 30.000 Jahren. Und selbst im Fall des homo neanderthalensis sind sich Wissenschaftler nicht mehr sicher, ob wir ihm wirklich kognitiv überlegen waren. Wenn das "Gaga" in Gender-Gaga bedeutet, dass wir uns "erfundenen" Kategorien zuordnen, für die es keine natürliche Entsprechung gibt, dann sind wir längst alle gaga.

Die Natur hat weder die Dominanz der Hodenträger festgelegt, noch die Welt in LGBTQI eingeteilt. Das waren Menschen. Es sind unsere Versuche, in einer Umgebung zurechtzukommen, die, seit vor rund vier Milliarden Jahren die ersten Cyanobakterien die Welt besiedelten, unfassbar viele Variationen des Lebens hervorgebracht hat. Nur Sortieranleitung, Bewertungsskala und Verbotsliste hat sie nicht mitgeliefert. Die haben wir uns – immer wieder neu – ausgedacht.

Was ist der Unterschied zwischen dem Menschen einerseits und Fröschen, Fruchtfliegen, Delfinen, Affen, Pinguinen, Wildgänsen und Flamingos anderseits? Für Letztere ist gleichgeschlechtlicher Sex ebenso normal wie Variationen ihrer Fortpflanzungsorgane. Lediglich der Mensch, eine Unterart des Trockennasenprimaten, kam auf die Idee, einige Fälle körperlicher Zuneigung als widernatürlich zu sanktionieren und seine Geschlechtsmerkmale zu normieren. Die Natur ist so, wie sie ist: vielfältig und ohne eine einzige Störung. Es ist die Kultur, die kategorisiert, einschränkt und ausschließt. Von diesem Jahr an tut sie das in Deutschland ein bisschen weniger.