Um die historische Bedeutung der Gelbwesten zu verstehen, sollte man sich denjenigen anschauen, gegen den sie sich richten. Emmanuel Macron ist nicht einfach nur ein nachgereichter Tony Blair oder Gerhard Schröder, der endlich die Reformen durchziehen würde, die nach liberalem Dafürhalten – stellvertretend sagte es gerade wieder die New York Times – die einzige Lösung der französischen Probleme sein sollen. Macron verkörpert auch eine neue Art der politischen Repräsentation. Seine Bewegung En Marche! begann damit, dass 4.000 Menschen voller Start-up-Enthusiasmus um die Häuser zogen, um 100.000 Französinnen und Franzosen nach ihren Sorgen und Wünschen zu befragen. Aus dieser grande marche genannten Befragung, bei der in Wahrheit 25.000 Menschen mitgemacht haben dürften, destillierte der ehemalige Philosophiestudent, Bankier und Wirtschaftsminister sein Wahlprogramm.

Macrons erste Wochen im Amt waren ein großes Zeremoniell. Der Élysée-Palast schien wieder etwas von der Unnahbarkeit und Würde zurückzubekommen, die unter Nicolas Sarkozy und François Hollande bisweilen der Lächerlichkeit gewichen waren. Macron, so schien es, hatte das leidende Repräsentationssystem der Fünften Republik in nur einem Jahr niedergerissen und restauriert. Vor der Wahl zur Nationalversammlung konnte der neue Präsident sich aussuchen, welche gefallenen Sozialisten und Konservative er in seine Wahlliste aufnehmen wollte. La République en Marche wurde zu einer Art Sammlungsbewegung des französischen Establishments. Die Bewegung brachte aber auch Hunderte Menschen in politische Ämter, die in keiner der alten Parteien je mitgemacht hätten.

"Wir machen das ja noch nicht so lange"

Entsprechend unsicher sind diese Neulinge nun, da sie die erste Existenzkrise ihres Projekts moderieren müssen. Macron und seine Berater standen eigentlich für eine Erneuerung der technokratischen Geschmeidigkeit. Nun sieht man LREM-Abgeordnete im französischen Fernsehen, die sich – ähnlich wie hierzulande einst die Protagonisten der Piratenpartei oder der AfD – in ratlosen Sätzen verlaufen, die mit der Ausflucht enden, man mache das alles ja noch nicht so lange.

Der gelbe Aufstand hat bloßgelegt, wie schmal die demografische Basis von Macrons Durchmarsch tatsächlich war. Nur 24 Prozent der Stimmen hatte er im ersten Wahlgang geholt, weniger als seine beiden Amtsvorgänger. Seit September unterbietet er ihre historisch schlechten Zustimmungswerte. Macrons Innenminister Christophe Castaner spricht von Kriegshandlungen gegen die Republik, ließ allein am 1. Dezember 2018 so viele Tränengaspatronen und Hartgummigeschosse verfeuern wie gewöhnlich in einem ganzen Jahr. Trotzdem stimmen weiter drei Viertel der Franzosen den Gelbwesten zu. Nicht die links- und rechtsradikalen casseurs, die seit November Fahrzeuge und urbanes Mobiliar im Wert von Dutzenden Millionen Euro zerstört haben dürften, waren der Social-Media-Aufreger der vergangenen Tage. Sondern Bilder von übermotivierten, überforderten Polizisten, die sich zu unheimlichen Herrschaftsgesten hinreißen ließen.

Von Anfang an rätselten die französischen Medien darüber, wer die Menschen seien, die diesen Aufstand angezettelt haben. Les gilets jaunes, die gelben Westen, das klang zunächst nicht so, als müsse man all das wirklich ernst nehmen. Auf eine Phase der Verächtlichmachung folgte die der Warnung: Die Bewegung könnte eine faschistoide sein oder sich jedenfalls sehr schnell zu einer entwickeln. Berichte von Schwarzen oder Homosexuellen, die von Gelbwesten beschimpft worden seien, machten die Runde.

Die meisten Gelbwesten bezeichnen sich als unpolitisch

Was man sozialwissenschaftlich bisher über die Bewegung sagen kann, haben diese Woche 70 Soziologen für Le Monde zusammengetragen: Die Gelbwesten kommen überwiegend aus der unteren Mittelschicht der kleinen und mittelgroßen Städte, die meisten von ihnen sind einfache Angestellte, Arbeiterinnen, kleinere Unternehmer. Ihr mittleres Einkommen liegt mit 1.700 Euro 30 Prozent unter dem nationalen Median. Viele von ihnen bezeichnen sich als unpolitisch oder als "weder rechts noch links". Von einer Gewerkschaft oder einer existierenden Partei vertreten zu werden, lehnen drei Viertel von ihnen ab. Nach den Maßstäben des 20. Jahrhunderts ist diese Bewegung noch nicht wirklich politisch. Ein konstruiertes Gruppenbewusstsein, das strategische Signale nach innen und außen senden würde, haben die Gelbwesten nicht. Zwei Dinge einen sie: Sie fühlen sich nicht gehört und sie wollen mehr Geld für ein besseres Leben.

Indem sie die etablierten Formen politischer Repräsentation und das alte Rechts-links-Schema ablehnen, sind die gilets das werktätige Spiegelbild von En Marche!, sie sind Macrons logischer historischer Widersacher. Wie an ihm zeigt sich auch an ihnen der Niedergang der hergebrachten Art, sich politisch zu organisieren. Wenn die üblichen Instanzen der politischen Vermittlung wegfallen, dann artikulieren sich die Forderungen an die Welt, die Gesellschaft, den Präsidenten als chaotische Aufzählung. Jeder ist auf seine eigene Weise unglücklich, und in den sozialen Medien kann das auch jeder vor einem Publikum erzählen. En Marche! soll seine Volksbefragung natürlich mit avancierten algorithmischen Methoden ausgewertet haben. Facebook, wo sich die Gelbwesten in lokalen Gruppen organisieren, spült vor allem solche Videoselfies nach oben, die besonders emotional, wütend und teilbar sind.