Das Jahr geht zu Ende, und wieder einmal fragt man sich, ob nur die anderen verrückt sind oder man selbst. Dabei spielen folgende Dinge, die sich auf den letzten Metern von 2018 ereignet haben, eine entscheidende Rolle:

Ein Freund (klug, dem Selbstverständnis nach modern) sagte einer Freundin, dass sie vielleicht eine Psychotherapie machen müsse, wenn ihr manchmal mehr danach sei zu arbeiten, als ihr Kind zu stillen. Die Frau, auf der Gute-Mutter-Ebene natürlich fantastisch zu kriegen, wiederum erzählte ihrer Therapeutin (zu der sie ohnehin schon ging) davon. Die entgegnete, dass die Empfehlung jenes Freundes insofern keine Überraschung darstelle, als Mütter, die einem Beruf nachgehen, eben besonders hart beweisen müssten, dass sie gute, das heißt richtige Mütter, seien, die ihre Mutterschaft vor allem selbstlos betreiben. 

Natürlich musste man da sofort an die Anne-Will-Sendung denken, in welcher der Journalist Gabor Steingart, der sich mit Sicherheit ebenfalls für klug und modern hält, Annegret Kramp-Karrenbauer fragte, ob sie sich das Kanzlerinnenamt zutraue. Kramp-Karrenbauer erklärte daraufhin, dass sie diesen Marginalisierungs-Talk auswendig kenne. Ihre männlichen Kollegen seien nie gefragt worden, wie sie das mit den Kindern machten. "Als ob man als Frau eine zu bemitleidende Minderheit wäre!" Dem möchte man hinzufügen, dass "Minderheit" natürlich nicht stimmt, bemitleidenswert – im Sinne von: wirklich nicht immer der Hauptgewinn, eine Frau zu sein – aber vielleicht schon. Denn dieselbe Kramp-Karrenbauer erklärte in derselben Sendung, dass sie den Paragrafen 219a eigentlich ganz stabil findet und also dafür sei, dass das irrsinnigerweise sogenannte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche bestehen bleiben müsse, was ja dann von CDU und SPD auch genauso beschlossen wurde.

Nächste Szene: Auf einer der unzähligen Jahresabschlussfeiern saß eine Frau auf einem Sofa neben dem Chef (ebenfalls klug und dem Selbstverständnis nach vermutlich modern) des jahresabschlussfeiernden Unternehmens, wobei der Chef so breitbeinig dasaß, dass die Frau vom Sofa zu fallen drohte. Um dies zu verhindern, stand die Frau schließlich auf. Das Verschwinden der Frau fiel jedoch weder dem Chef noch den übrigen Anwesenden auf. Auf einer wieder anderen Jahresabschlussfeier erzählte eine schwangere Freundin, dass ihr Mann (Feminist) keine Elternzeit nehmen werde, was zwar ein bisschen scheiße sei, aber auf keinen Fall persönlich gemeint war, schließlich verdiene er mehr.

Außerdem verbreitete sich in dieser Woche ein taz-Artikel von Anja Maier über den Frauenanteil im Politikjournalismus. Dieser liege bei etwa 30 Prozent, was dem Anteil der Frauen im Bundestag entspreche. Die Autorin schreibt über ihre männlichen Kollegen: "Es sind nette Kollegen, auf die ich in meinem Job treffe. Sie sind hilfsbereit und lustig und modern. Sie haben Töchter und Mütter und Partnerinnen, denen sie Parität, Gleichheit selbstverständlich zugestehen. (…) Aber viele von ihnen, faktisch die meisten, sind eben auch Chefs. Sie haben damit Einfluss auf Stellenbesetzungen, haben Ressort- und Etathoheit und damit ein gewichtiges Wort mitzureden, wenn es um die Frage 'Frau oder Mann?' geht." Maier versucht dann herauszufinden, wie dieses Ungleichgewicht entsteht, und kommt zu dem Ergebnis, dass es nicht an der Qualifikation liegen könne. Sie verweist auf gängige Stereotypen (können Frauen überhaupt führen, sich durchsetzen?) und die Tatsache, dass Frauen oft irgendwann Kinder bekommen, woraus sich für viele Chefs immer noch die Annahme ableitet, dass Frauen mittelfristig eh keine Zeit mehr für ihren Beruf haben, was ihnen ja auch irgendwie zu raten ist, denn andernfalls wären sie schlechte Mütter.

Niemand sagt: "Von Frauen halte ich nicht so viel"

Vermutlich hat wohl keiner der hier beschriebenen netten, lustigen, modernen Männer aktiv die Absicht, Frauen wegen ihres Geschlechts zu diskriminieren, das heißt, ihnen Nachteile zu verschaffen (dafür bekommt man ja auch auf Twitter inzwischen richtig Ärger), weil sie Frauen sind. Diese Feststellung führt direkt zu dem letzten, für diesen Text relevanten Ereignis dieser Woche: Eine Redakteurin des Magazins Frontal 21 hatte 2016 gegen das ZDF geklagt, weil sie schlechter bezahlt wurde als ihre männlichen Redaktionskollegen. Die Klage wurde in erster Instanz abgewiesen, am vergangenen Dienstag begann das Berufungsverfahren, die Entscheidung des Gerichts wird im Februar bekanntgegeben. Neben komplizierten arbeitsrechtlichen Fragen (hat die Redakteurin die gleiche Arbeit gemacht wie die Männer und welcher Beschäftigungsstatus lag dabei tatsächlich vor?) ging es darum, herauszufinden, ob die Redakteurin aufgrund ihres Geschlechts weniger Geld bekam, also diskriminiert wurde.

Die Anwältin der Redakteurin sprach von einer "Benachteiligungskultur" gegenüber Frauen und trug dafür folgende Indizien vor: Der frühere Redaktionsleiter von Frontal 21 habe auf Weihnachtsfeiern wiederholt erklärt, dass Frauen im politischen Journalismus nichts verloren hätten, außerdem habe er eine Frau in einem Bewerbungsgespräch gefragt, ob sie plane, Kinder zu bekommen und einen Konferenzraum, in dem drei Frauen saßen, mit den Worten "Hier ist ja keiner" verlassen. Ferner seien Frauen in der Redaktion unterrepräsentiert, und dieses Klima habe dann insgesamt dazu geführt, dass Frauen schlechter bezahlt wurden. Die vorsitzende Richterin konzedierte, dass das Verhalten des damaligen Redaktionsleiters "nicht in Ordnung sei", fragte aber auch, ob man aus Sachen, die nicht in Ordnung seien, folgern könne, dass es eine Benachteiligung gebe. Insgesamt spreche nicht viel dafür, so die Richterin weiter, dass es eine Diskriminierung wegen des Geschlechts gegeben habe. Denn: "Da ist die Frage, wie stellt man die fest."

Das fragt man sich tatsächlich, denn um vor dem Gericht eine Diskriminierung problemlos nachzuweisen, hätte der damalige Redaktionsleiter vor Zeugen sagen müssen, dass er der Redakteurin weniger Geld bezahlt hat, weil sie eine Frau ist. Extrem unwahrscheinlich. Zum einen, weil vermutlich selbst jener dinosaurierhafte Redaktionsleiter wusste, dass das keine gute Idee ist (genauso wie Gabor Steingart, der in der Anne-Will-Sendung sofort demonstrierte, dass er einen Mann genauso fragen würde, ob er sich eine Kanzlerschaft zu traue, wie eine Frau). Zum anderen, weil jener Redaktionsleiter (und die hier dargestellten modernen, klugen Männer schon gar nicht) natürlich nicht von sich sagen würde, dass er aktiv Frauen diskriminiere oder anders behandele, weil sie Frauen sind. Nicht zuletzt, weil das mit dem eigenen Selbstbild überhaupt nicht in Übereinstimmung zu bringen ist. Wer sitzt denn an seinem Schreibtisch und sagt sich: Ich bezahle der Kollegin weniger, weil mir nicht gefällt, dass sie eine Frau ist und ich von Frauen nicht viel halte. So denkt niemand, sogar ein Dinosaurier nicht.

Männer haben einfach diese Probleme nicht

Auch der Freund, der zu der Freundin sagte, dass sie vielleicht zur Therapie müsse, wenn sie lieber arbeite als stille, und damit gleich mehrere misogyne Klischees mit einer Klappe schlug (eine Frau muss bei ihren Kindern sein wollen, andernfalls ist sie krank, womit man mit zwei Sätzen bei der Feststellung ist, dass es eigentlich okay ist, wie die Macht zwischen Männern und Frauen verteilt ist) – auch dieser Freund hat sich mit Sicherheit nicht bewusst für eine derart politische Schwachsinnsansage entschieden, sondern sich möglicherweise wirklich Sorgen um den Zustand der Freundin gemacht, nicht wissend, was er damit im Subtext eigentlich sagt. Und dieses Nichtwissen hat entscheidend damit zu tun, dass der Konflikt, in dem sich die Freundin befindet, einfach nicht sein Problem ist. Er wird nicht schwanger, kann nicht stillen und muss sich keine Sorgen darüber machen, wie er Beruf und Familie unter den sogenannten Hut bekommt. Folglich ist er sich auch nicht im Klaren darüber, dass die Selbstverständlichkeiten und Privilegien seines Lebens nicht für alle gelten und zwar ganz einfach: weil er es nicht muss.

Diese Ignoranz ist gemeint, wenn Menschen den, auf deutsche Verhältnisse übertragen, tatsächlich relativ bescheuerten Begriff der "alten weißen Männer" verwenden, womit man sich jetzt kurz aufhalten kann, um darüber zu lachen. Oder man lacht über die gemeinten Männer, die sich keine Vorstellung davon machen, was es bedeutet, jemand anderes zu sein als sie. Dass sie das nicht tun, könnte damit zusammenhängen, dass ihnen nicht klar ist, was es bedeutet, sie zu sein: dem Phänomen nach vielleicht vergleichbar mit Menschen, die ihr Leben lang in einem grün gestrichenen Haus gelebt haben und denen noch nie aufgefallen ist, dass sie in einem grün gestrichenen Haus leben. Folglich würden sie auch niemals von sich behaupten, dass grün – oder übertragen auf diesen Zusammenhang die Kategorie Geschlecht – in ihrem Leben eine besondere Rolle spielt. 

Die gleiche Abwesenheit eines Vorstellungsvermögens beziehungsweise der Erkenntnis, dass da etwas ist, was man sich möglicherweise mal vorstellen müsste – das gleiche Nichtwissen also – , gilt vermutlich auch für den feministischen Familienvater, den breitbeinigen Chef auf dem Sofa und die Abteilungsleiter, die nicht sicher sind, ob es eine gute Idee ist, eine Frau einzustellen. Misogynie und Diskriminierung passiert, gerade jetzt, wo auch Männer Feminismus schick finden und Frauenfeindlichkeit als verpönt gilt, häufig eben nicht bewusst und absichtsvoll. Wobei schon die Vokabeln auf das Problem verweisen: Misogynie bezeichnet eine feindliche Haltung gegenüber Frauen. Natürlich würden die meisten Männer für sich verneinen, dass sie Frauen hassen und denken, sie seien weniger wert. Nein, sie kaufen ihren Töchtern sogar Pullover, auf denen "The Future is Female" steht und sind total für die sogenannte Gleichberechtigung. Okay, es gibt da diese blöde Sache mit der Misogynie, aber das sind die Anderen, das sind irgendwelche abstrakten Vollidioten.

So emotional, diese Frauen

Aus dem eben skizzierten Selbstverständnis folgt jedoch nicht zwingend, dass sich diese Männer nicht diskriminierend verhalten, was, neben potenziell diskriminierendem Verhalten, noch ein Problem mit sich bringt: Denn wie soll man eine Absicht verhandeln oder gar nachweisen, wenn die Gegenseite zwar absichtsvoll handelt, also bestimmten diskriminierenden oder misogynen Mustern folgt, aber sowohl offiziell als auch inoffiziell gar keine Absicht verfolgt, man aber auf exakt diese Absichtserklärung angewiesen ist, um behaupten zu können, man werde nachweislich schlecht behandelt, weil man eine Frau sei. Und weil Diskriminierung und geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten oft aus einem ziemlich subtilen Stoff gemacht sind, steht damit regelmäßig die Richtigkeit der Wahrnehmungen von Frauen zur Disposition, denen man so natürlich ganz leicht sagen kann, dass sie sich das alles nur einbilden und die sich dann fragen, ob nur sie verrückt sind oder alle anderen.

Dieser Mechanismus wiederum bedeutet die Fortschreibung eines misogynen Stereotyps (so emotional und irrational, diese Frauen) und eignet sich außerdem hervorragend dafür, "den Feminismus" lächerlich zu machen und im zweiten Schritt für obsolet zu erklären. Weil: Was habt ihr denn, steht doch im Gesetz, dass Diskriminierung verboten ist und ihr gleichberechtigt seid. Nun sind Breitbeinigkeit und Dinosauriertum aus nachvollziehbaren Gründen nicht justiziabel, Diskriminierung am Arbeitsplatz hingegen schon. Aber wenn es nahezu unmöglich ist, sie nachzuweisen, ist das ja auch ein bisschen egal. Wen sollen Mütter denn dafür anzeigen, wenn sie nach der Elternzeit in der sogenannten Teilzeitfalle stecken und sich immer wieder anhören müssen, dass sie seit der Schwangerschaft underperformen.

Es ist also schwer, die Existenz dieser "Benachteiligungskultur" unstreitig zu machen, weil man dabei immer auf die eigene Wahrnehmung und deren Anerkennung durch diejenigen angewiesen ist, die diese Kultur fortführen, was auch damit zusammenhängt, dass entscheidende Machtpositionen noch immer von Männern besetzt werden. Natürlich, gleich ist 2019, und es wird auch bestimmt ganz toll – aber welchen Grund sollten Männer haben, jene Kultur zu ändern, das heißt, sich etwas Anderes vorzustellen, als sich selbst? Die meisten Menschen an ihrer Stelle würden es genauso machen, ganz einfach, weil es top komfortabel ist. Deswegen werden sich Frauen noch jahrzehntelang fragen müssen, ob sie verrückt sind oder die anderen, um sich schließlich hinzusetzen und Texte wie diesen zu schreiben.