Mit jeder Grenze, die man Amazon-Kunden, SUV-Fahrern oder Fast-Food-Junkies jetzt nicht aufzeigt, wird die Zeit bis zur Sintflut kürzer. Erste Forscher datieren den Point of no Return, an dem sich die Erderwärmung selbst befeuert, aufs nächste Jahrzehnt. Heitere Gelassenheit wird uns jetzt nicht mehr helfen. Die Lösung kann nur lauten: Druck von oben. So schwer es mir als linksliberalem Freund der Eigenverantwortung fällt: Dem Totalverlust unseres Wohlstands nach dem Klimakollaps kann nur durch unverzügliche, rechtsverbindliche, fiskalisch flankierte Verbrauchssteuerung davor entgegen gewirkt werden.

"Ökodiktatur!", schallt es dann von rechts. Der größte Widerspruch des Anthropozäns besteht ja ohnehin darin, dass wir linksgrünen Bildungsbürger mit regierungsamtlicher Macht eine Schöpfung bewahren wollen, die konservative Wachstumsfanatiker nicht selten im Namen Gottes vernichten. Mal ganz kurz durchatmen. Was würde die Freiheit der Menschen wohl stärker einschränken: ein Tempolimit auf Autobahnen oder ein Klima, in dem Überleben unmöglich ist. Wäre die individuelle Entscheidung wirklich das Maß aller Dinge, könnten wir auch gleich alle Feuerwaffen freigeben; muss ja jeder selbst wissen, ob er… 

Ähm, nein! Da der Klimawandel im deutschen Sorgenranking nach Migration, Armut, Rente, Kriminalität, Wohnen nicht mal in den Top Ten landet, muss das dringlichste Problem unserer Zeit gerade mit Blick auf die Freiheitsliebenden politisch exekutiv gelöst werden. Andernfalls wird die Ökodiktatur infolge ständiger Naturkatastrophen, Missernten, Völkerwanderungen bedingungslos und total. 

Ein paar Vorschläge im Licht der EU-Entscheidung, ab 2021 Wegwerfplastik zu verbieten: Förderung nachhaltiger Produktion bei steuerlicher Belastung von Flächen-, Ressourcen-, Energieverbrauch, alles gekoppelt an Einkünfte und Vermögen. Ahndung gravierender Umweltverschmutzung als Kapitalverbrechen. Verbot intensiver Landwirtschaft, schwer recyclebarer Verpackungen, von Kohleverstromung, Getränkedosen und (zunächst für Neuwagen) Verbrennungsmotoren. Gleichzeitig massiver Ausbau von Öffentlichem Nahverkehr, Rad- und Mehrwegsystemen, Wind- und Solarstrom. Falls nötig im nationalen Alleingang.

Und da der industrialisierte Mensch das größte Risiko ist, muss leider auch die Subventionierung des Kinderreichtums auf den Prüfstand, von der des Fliegens mit steuerfreiem Kerosin ganz zu schweigen. Zwar zeigen etwa 50 Prozent weniger Plastiktüten in zwei Jahren, dass preisbedingte Freiwilligkeit ab und zu Folgen hat. Weil sich die Zahl der Flüge aber seit 2000 verdoppelt, die der Pakete verfünffacht, die der Handys vervielfacht hat; weil wir einmal jährlich das Handy erneuern, dreimal in den Urlaub fliegen, fünfzigmal Dinge ordern, siebzigmal Essen bestellen und mehrmals täglich Fleisch konsumieren; weil der Benzindurst wieder steigt und auch 198 Kunststoffbeutel pro Kopf das Meer vermüllen, stößt alle persönliche Autonomie der Verbraucher aber mehr denn je an die Grenzen des Wachstums.

Ich erinnere mich noch gut, wie Opel mal mit What A Wonderful World von Louis Armstrong Autos verkaufte. "I see trees of green" und so. Jetzt bewirbt Mercedes seine SUV, für die der ADAC breitere Parklücken fordert, mit "Ausdruck innerer Stärke". Leider begreifen zu wenige, dass die auch im Verzicht besteht – sonst hätte sich Deutschlands Stadtpanzerflotte nicht auf mittlerweile 22 Prozent verzehnfacht. Was dagegen hilft? Die autofreie Stadt, darunter geht's nicht! Ohne politischen Druck fahren wir sonst alle mit Vollgas in die Klimakatastrophe.