Der Fall Claas Relotius erschüttert die deutschen Medien ebenso wie deren Leserinnen und Leser. Hier legt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen dar, welche Lehren und Konsequenzen aus dem Betrug des Journalisten zu ziehen sind. Relotius hat zwischen 2010 und 2012 auch für ZEIT ONLINE und ZEIT WISSEN einige Beiträge verfasst. Wir überprüfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt. In unserem Glashaus-Blog sammeln wir die Ergebnisse.

Eine kleine, etwas schmutzige Geschichte zum Einstieg, zur Abwechslung mal nicht von Claas Relotius. Sie ist schon lange her und handelt von einer Lokalredakteurin, die nie auf großer Bühne für ihre Reportagen gefeiert wurde. Diese Geschichte beginnt im Jahr 2010. Damals turnt Karl Rabeder, ein angeblicher Millionär, durch die Medien. Er hat eine Riesenvilla in Tirol. Und die will er gern, wie es heißt, für einen guten Zweck verlosen, weil er erkannt hat, dass Geld nur müde macht und nicht wirklich glücklich. Und weil er den Armen helfen will, um fortan in einer kleinen Berghütte fast ohne Besitz zu leben. So weit das Klischee, das den irgendwie erleuchtet wirkenden Rabeder über Nacht in einen Medienstar verwandelt. Mit einem Mal gibt es einen Riesenrummel um seine Verlosung.

Über ihn schreibt auch jene Redakteurin einer Lokalzeitung. Und ein Jahr später will sie noch einmal schauen, was aus der Saulus-Paulus-Story geworden ist. Dabei fällt ihr, wie sie später einräumen muss, auf, dass der Mann offensichtlich lügt. Er wohnt gar nicht in der Hütte, zu der sie gemeinsam gefahren sind, denn vor dieser Hütte stehen verschiedene Schuhe in ganz unterschiedlicher Größe und die Tür ist verschlossen und er kann sie nicht öffnen. Auf einmal kommt ein Bauer und scheucht Karl Rabeder ziemlich unwirsch von der Terrasse. Kurzum: Die Idylle ist nur die Kulisse in einer ziemlich schlecht gemachten Inszenierung. Aber die Redakteurin erzählt, obwohl sie bemerkt, dass alles nicht stimmt, die ausgeleierte Story vom Glück des Besitzlosen einfach noch einmal und belässt es bei ein paar diffusen Andeutungen zu den Ungereimtheiten der ganzen Geschichte. Warum nur? Die Antwort: Das alles ist einfach ein herrlicher Plot. Simpel, überschaubar, den Erwartungen entsprechend. Nur die Wirklichkeit, die leider nicht so richtig mit dem Klischee kooperiert, ist in Wahrheit ein bisschen anstrengender und komplizierter, wie später andere Medien berichten, die dem Mann engagiert hinterherrecherchieren

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Kürzlich erschien sein Buch "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung" im Hanser Verlag. © Peter-Andreas Hassiepen

Was sich hier zeigt, nennt man die narrative Verzerrung, den Story Bias. Man hat die Geschichte im Kopf, man weiß, welchen Sound Leser oder Kolleginnen gerne hören wollen. Und man liefert, was funktioniert. Genauso hat es vermutlich auch Claas Relotius gemacht, nur dass sich bei ihm die Verzerrung zur narrativen Verführung steigerte, auf die zahlreiche Medien hereinfielen. Sein Schreiben war von größerer stilistischer Raffinesse, einer guten Portion krimineller Energie und der Bereitschaft zur offensiven Lüge geprägt. Wie jeder erfolgreiche Hochstapler hat er entlang von Plausibilitäten fingiert, archetypische Muster und gängige Erwartungen bedient, das Bekannte so variiert, dass es als bekanntes Unbekanntes erschien – und bei all dem die Faszinationsbereitschaft des Publikums nach Kräften missbraucht.

Der Fake-News-Vorwurf ist wertlos geworden

Heute, wenige Tage nach der schonungslosen Offenlegung von Versäumnissen und Verfehlungen des Spiegels und im Angesicht der kursierenden Lügenpresseattacken und Fake-News-Vorwürfe, muss man fragen: Was ist eigentlich der Skandal? Ist der Fall, wie es in Blogs und Videos heißt, tatsächlich nur die Spitze des Eisbergs, Symptom einer verwahrlosten Branche? Trifft die Affäre den gesamten Journalismus, wie zu lesen ist? Und wird das betroffene Magazin, wie ein delirierender Bild-Kolumnist ohne Anzeichen von Ironie schrieb, damit zum "Lügen-Spiegel"? Schon diese Fragen zeigen, wie sehr in den letzten Jahren etwas ins Rutschen geraten und wie fragil die Deutungsmacht des etablierten Journalismus geworden ist.

Aber was zeigt der Fall wirklich? Zum einen wird in den aufschäumenden Attacken deutlich, dass der Fake-News- und Desinformationsvorwurf analytisch weitgehend wertlos geworden ist. Er dient zur blitzschnellen Artikulation von Misstrauen und Verdacht. Zum anderen offenbart sich am konkreten Beispiel die Korrumpierbarkeit des Star- und Edelfederjournalismus durch den sympathischen oder charismatischen Betrüger, der die narrative Verführung bis zur Perfektion beherrscht.

Drei Zutaten braucht ein solcher Betrug: Erstens benötigt der Betrüger unbedingte Autorität, die dann dazu führt, dass man nicht übertrieben oder im Extremfall auch gar nicht mehr nachfragt. Zweitens muss er eine eigene Erzählung konstruieren, die es ihm erlaubt, die Frage nach seinen Quellen auf scheinbar plausible Weise zu blockieren. Unabdingbar ist die Behauptung einer zweiten Welt, zu der – außer ihm – niemand wirklich Zugang besitzt. Manchmal hilft hier die Wahl des Genres. Bei Tom Kummer war es das Promi-Interview und die Suggestion exklusiver Kontakte, bei Relotius war es die Reportage in weit entfernten Krisen- und Kriegsgebieten. Drittens müssen Betrüger dieses Typs (ganz gleich, ob es um Journalisten, Wissenschaftler oder Künstler geht) mit den Erwartungen der Kollegen und des Publikums so spielen, dass sie einerseits überraschen und faszinieren, andererseits jedoch bestätigen, was man ohnehin zu wissen glaubt. Claas Relotius hat genau das getan. Er hat seine Autorität missbraucht, Belege gefälscht, Begegnungen erfunden, Klischees in konkrete Dramen übersetzt und Authentizität durch die vermeintliche Präzision und eine Fülle von Einzelheiten simuliert.

Die Ethik des nicht-fiktionalen Erzählens

Reicht es also, wie es in diesen Tagen und Stunden in den betroffenen Redaktionen geschieht, den Betrüger zu entlarven? Ist damit schon alles gesagt und erledigt? Gewiss nicht. Nötig ist eine Selbstaufklärung der Branche und des Publikums über die oft halb bewusste Macht der narrativen Verführung. Ein Tom Kummer oder Claas Relotius sind – so gesehen – armselige Sonderlinge, Lügner und Betrüger, die es immer geben wird. Aber die narrative Verführung kennt jeder, der schreibt.

Mal ganz konkret: Hätte ich beispielsweise hinzufügen sollen, dass die Stimme der Lokalredakteurin zitterte, als ich sie – vor Jahren schon – auf ihren Artikel über Karl Rabeder ansprach? Hat sie überhaupt gezittert, als wir telefonierten? Ich glaube nicht. Aber es würde doch so schön passen und mich selbst ein wenig mächtiger erscheinen lassen. Und vielleicht perlte tatsächlich kalter Schweiß auf ihrer Stirn. Und überhaupt: Gibt es nicht eine höhere Wahrheit erzählter Wirklichkeit, die sich durch die Wahl der Details und die möglichst geschmeidig komponierte Dramaturgie bekräftigen lässt?

Die über die aktuelle Betrugsaffäre eines Claas Relotius hinausweisende Frage lautet: Wie steht es um die Ethik des nicht-fiktionalen Erzählens in einer Zeit, in der sich Menschen, die man fröhlich in Symptomträger der eigenen Fantasie verwandelt, vielleicht morgen schon per Mail oder in eigenen Blogbeiträgen zu Wort melden? Braucht es nicht längst eine neue Sachlichkeit, eine Rückkehr zur strengeren Form oder doch eine absolut offen deklarierte Subjektivität, die die konkrete Schilderung als rein persönliche Wahrnehmung ausweist? Eines ist klar: Die Grenzen zwischen der unvermeidlichen Auswahl und Gestaltung des Recherchematerials und der bewussten oder halb bewussten Inszenierung müssen heute deutlicher gezogen werden. Denn das postmoderne Spiel mit der Wirklichkeit ist nicht mehr schick, sondern gefährlich, weil es das ohnehin kursierende Medienmisstrauen verstärkt.

Aber noch etwas ließe sich aus der aktuellen Betrugsaffäre lernen. Sie ist überhaupt ins Rollen gekommen, weil der Spiegel-Reporter Juan Moreno etwas betrieben hat, was es in diesem Land viel zu selten gibt: investigativen Medienjournalismus. Er hat einfach recherchiert, ob stimmt, was sein Kollege so geschrieben hat, hartnäckig und unerschrocken. Wer heute über Medien schreibt (und das gilt unbedingt auch für den Autor dieser Zeilen), der wählt in der Regel den Kommentar, den Essay oder das Interview. Das heißt: Der Medienjournalismus in diesem Land leidet an einem Kommentarexzess und einem von Promi- und Personality-News vernebelten Blick. Viel zu oft regiert das große Meinen. Und was sagt das Netz? Und wem sollte man heute wieder gratulieren?

Wenn der aktuelle Betrugsfall, so schmerzhaft und absolut außergewöhnlich er ist, die Geburtsstunde des investigativen Medienjournalismus in diesem Land sein könnte, dann wäre das alles nicht nutzlos, sondern Anlass und Auftakt einer Selbstaufklärung, von der alle profitieren könnten – das medienmächtig gewordene Publikum genauso wie der von Vertrauenskrisen gebeutelte Journalismus. Transparenz, so hat der Netzphilosoph David Weinberger einmal gesagt, ist die neue Objektivität. Er hat recht. Und Transparenz ist in diesen Zeiten ohnehin alternativlos.

Hinweis: Das Zitat, Transparenz sei die neue Objektivität, stammt von David Weinberger. Wir hatten es Jay Rosen zugeschrieben und den Fehler korrigiert.