Wie steht es um das Genre der Reportage nach dem Betrug von Claas Relotius? Vier Autoren haben darüber nachgedacht: die Reporter Wolfgang Bauer und Malte Henk von der ZEIT, die freie Reporterin Alexandra Rojkov und der Autor Konstantin Richter.

Nur wenige Begriffe wurden von Journalisten in den vergangenen Jahren so missbraucht wie dieser: die Reportage. Er ist ein Schlachtruf, ein Verkaufsargument. Er suggeriert dem Leser, "nah dran" zu sein, näher als andere, in der Mitte des Geschehens, ohne sich aber selbst möglichen Gefahren oder Unannehmlichkeiten aussetzen zu müssen. Jeder Bericht im deutschen Fernsehen, der Interviews und (meist) gestellte Szenen zusammenschneidet, ist eine "Reportage". Jeden Text, den Printredaktionen adeln wollen, überschreiben sie aufgeregt mit "eine Reportage". Meist verbirgt sich darin dann wenig mehr, als dass sich "Reporter" in wechselnden oder immer gleichen Cafés oder Restaurants oder Büros mit ihren Gesprächspartnern treffen, für kürzer oder länger, meistens für kürzer, und sie das Erzählte dann rekonstruieren, es atmosphärisch verdichten und "erlebbar" machen. 

Die Reportage gilt unter Journalisten als Königsdisziplin, zu Recht. Weil sie so verdammt selten wirklich gelingt.

Nach dem großen Relotius-Betrug beim Spiegel ist das Genre an sich in die Kritik geraten. In der gegenwärtigen Debatte zeigt sich wieder das gesamte Spannungsfeld, das die Reportage umgibt, seit sie als Gattung Anfang des vergangenen Jahrhunderts erfunden wurde. Vielen Nachrichtenjournalisten war die Reportage schon immer suspekt, weil sie ihnen zu subjektiv schien, zu wenig substanziell. Viele Literaten schauten auf sie herab, weil sie ihnen zu wenig kunstvoll war, sie die Wirklichkeit zu ernst nahm. Doch hat sie sich durchgesetzt, gegen alles Misstrauen, da sie im Prinzip unverzichtbar ist, um unsere komplexe Welt zu verstehen. Sie füllt im Journalismus eine wichtige Lücke. Sie verbindet Fakten mit dem Gefühl, sie sagt nicht nur Mangel, sie sagt auch Leid, sie sagt nicht nur Tod, sie sagt auch Schmerzen. Sie versucht erfahrbar zu machen, was die Fakten nur behaupten.

Manchmal, ganz selten, schafft sie sogar noch mehr. Die allerbesten Texte dieser Gattung lassen uns ein bisschen mehr verstehen, was es heißt, Mensch zu sein. Sie loten das Geheimnis des Lebens aus, in seinen Rissen, seinen Widersprüchen, seiner verstörenden und großartigen Unvollkommenheit. Eben weil sie keine ausgedachte Literatur sind. Eben weil sie nicht erfunden wurden.

Wir sind auf das Inland fixiert

Relotius hat erfunden. Ausgerechnet er. Im Reportageressort des Spiegels, dem prominenten Gesellschaftsressort, war er einer der prominentesten Reporter. Er wurde zum Königsmörder an der Königsdisziplin, liest man nun. Einige fordern das Ende des Genres. Viel ist in den vergangenen Tagen darüber geschrieben worden, wie es zu der Relotius-Katastrophe hatte kommen können. Manche in der Branche sehen die Ursache des Problems im "Schönschreiben", ein Begriff, der in den sozialen Netzwerken seit Kurzem als Schimpfwort kursiert. Was für ein Wahnsinn. Als sollten Journalisten nun ihr Heil im Langweilig-Schreiben suchen. Neid, kollegiale Häme, Unwissenheit, berechtigte Kritik – das alles kommt in dieser über weite Strecken wirren Debatte zusammen.   

Das Problem Relotius ist im Kern nicht das der Reportage, sondern eines der Auslandsberichterstattung und des Faktenchecks. Zwei Schwächen des deutschen Journalismus kommen hier unheilvoll zusammen. Das Factchecking in deutschen Zeitungshäusern ist zumeist äußerst bescheiden. Das Überprüfen von Fakten und Daten erfordert zusätzliches Personal, das hochqualifiziert ist und mehrere Sprachen spricht. Will man systematisch die Qualität heben, muss zusätzlich investiert werden, müssen LeserInnen!!! womöglich bereit sein, für ihre Abos mehr zu bezahlen. Nun aber hat der Spiegel so eine Dokumentationsabteilung, und sie konnte den Betrug trotzdem nicht aufdecken – warum?

Die Auslandsberichterstattung ist die zweite Schwäche im deutschen Journalismusbetrieb. Wir sind sehr auf uns selbst, das Inland fixiert. Merkel, Merz und Seehofer. Nur wenige Häuser leisten sich eine kontinuierliche Berichterstattung im Ausland. Fast alle Investitionen, die von unseren Zeitungshäusern getätigt werden, finden in ihren Zentralen im Inland statt, so gut wie nie im Ausland. Will man einen Betrug, wie ihn Relotius begangen hat, in Zukunft verhindern, sollten Redaktionen ein Netz aus Stringern und lokalen Mitarbeitern unterhalten. Korrespondenten an einigen wenigen Knotenpunkten dieser Welt zu unterhalten, reicht nicht, und auch sie sind nichts ohne gute lokale Mitarbeiter. Das kostet. Das kostet aber auf Pauschalbasis nicht die Welt. Diese Mitarbeiter sind die Experten am Ort, sie sind unsere Lehrer, sie bereiten Recherchen vor, begleiten den Reporter, die Reporterin. Sie sind ihre Partner, aber auch ihr Regulativ.