Sexuelle Belästigung beginnt für viele Frauen am Arbeitsplatz. Es sind vermeintlich kleine Gesten, die selten strafrechtlich verfolgt werden können, die den Alltag der Frauen aber unerträglich machen. Wie kann man sich dagegen wehren? Der Fall Hohenschönhausen ist beispielhaft dafür, wie Betroffene auf sexistische Strukturen aufmerksam machen können.

Am 11. Juni 2018 schicken sechs Frauen einen gemeinsamen Brief an die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters, den Berliner Kultursenator Klaus Lederer und die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. In dem Brief berichten sie von sexueller Belästigung, strukturellem Sexismus und übergriffigen Verhaltensmustern durch Vorgesetzte in der Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zwischen 2011 und 2018. Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen den Vizedirektor der Gedenkstätte, Helmuth Frauendorfer. Frauendorfer war bereits 2016 verwarnt worden, als Mitarbeiterinnen sich zum ersten Mal beschwerten. 

Am 24. September 2018 wird Frauendorfer durch den Direktor der Gedenkstätte, Hubertus Knabe, beurlaubt. Einen Tag später findet eine außerplanmäßige Sitzung des Stiftungsrates statt, einberufen von Senator und Stiftungsratvorsitzendem Klaus Lederer. In der Folge wird auch Hubertus Knabe freigestellt. Die Begründung: Er habe diese Übergriffe jahrelang geduldet, ohne Konsequenzen zu ziehen. Ein Kulturwandel in der Gedenkstätte sei mit ihm an der Spitze nicht mehr möglich. Knabe erhebt Einspruch gegen die Freistellung. Das Berliner Landgericht gibt seiner Klage am 23. November statt. Drei Tage später beruft der Stiftungsrat der Gedenkstätte Knabe jedoch mit sofortiger Wirkung als Vorstand und Direktor ab. Am 14. Dezember einigen sich Knabe und der Stiftungsrat auf einen Vergleich.

Anina F. ist eine der sechs Unterzeichnerinnen des vertraulichen Briefes, der später in der "Berliner Zeitung" veröffentlicht wurde. Ihren vollen Namen möchte sie nicht preisgeben. Erstmals erklärt sie hier, wie die Gruppe vorgegangen ist, um die Missstände an der Gedenkstätte Hohenschönhausen offenzulegen. ZEIT ONLINE hatte außerdem Einsicht in diverse Unterlagen, die die Vorgänge belegen.

ZEIT ONLINE: Frau F., war es das Ziel Ihres Briefes vom 8. Juni 2018, dass sowohl der Vizedirektor als auch der Direktor die Gedenkstätte verlassen müssen?

Anina F.: Nein. Das Ziel unserer Gruppe war nicht: Frauendorfer und Knabe sollen entlassen werden. Auch wenn das im Nachhinein unausweichlich war, weil die Hierarchien an der Gedenkstätte natürlich an beide Persönlichkeiten geknüpft sind. Wir wollten vor allem über die von uns jahrelang erfahrenen und beobachteten Muster, Übergriffe und Belästigungen informieren und das an die Personen weitergeben, die die übergeordnete Verantwortung für die Gedenkstätte tragen, damit sich die Situation für zukünftige Mitarbeiterinnen ändert und sie nicht die gleichen Erfahrungen machen müssen wie wir.

ZEIT ONLINE: Sie waren 2017 selbst an der Gedenkstätte tätig. Welche negativen Erfahrungen haben Sie gemacht?

Anina F.: Ich habe schon am Anfang meines Volontariats gemerkt, dass die Machtstrukturen in Hohenschönhausen unerträglich sind. Knabe hatte sich einen Machtapparat aufgebaut, der Angst verbreitete. Es herrschte unter ihm eine Kultur des Kleinhaltens. Jeder Text, jeder Brief, so meine Erfahrung als Volontärin, musste über seinen Schreibtisch gehen. Das ist eine Methode, um Menschen einzuschüchtern.

ZEIT ONLINE: Ging es nicht vor allem um Sexismusvorwürfe?

Anina F.: Das sexistische und übergriffige Verhalten meines Vorgesetzten kam dazu. Damit meine ich vor allem unangebrachte Komplimente, anzügliche Blicke oder sehr nahes Herantreten an meinen Körper. Ich fühlte mich in der Gedenkstätte nicht als Person wahrgenommen, die inhaltlich kompetent ist und einen Studienabschluss hat, sondern als das hübsche Gesicht der Gedenkstätte betrachtet.

ZEIT ONLINE: Wann beschlossen Sie, etwas dagegen zu unternehmen?

Anina F.: Im Herbst, also vor etwa einem Jahr, habe ich mir Rat bei einer ehemaligen Dozentin gesucht, die sich in der Gedenkstättenlandschaft auskennt. Als ich ihr von den Zuständen erzählte, war sie nicht überrascht. Es gab bereits seit Längerem Gerüchte über sexistische Strukturen in Hohenschönhausen. Die Dozentin kannte auch andere Frauen, denen es ähnlich ergangen war wie mir, und hat mir die Kontakte vermittelt. Mit diesen Frauen habe ich mich anschließend sehr viel ausgetauscht und im Dezember auch mit der Frauenbeauftragten der Senatsverwaltung für Kultur in Europa gesprochen. Die Frauenbeauftragte hat mich darin bestärkt, meiner Wahrnehmung zu vertrauen und mich der Situation zu entziehen. Sie hat anschließend mit der Senatsverwaltung gesprochen und mir mitgeteilt, dass ich aus der Gedenkstätte abgezogen werden kann. Nicht nur wegen des sexistischen Klimas, sondern auch, weil die Art meines Arbeitsverhältnisses unter der Leitung von Helmuth Frauendorfer so nicht erlaubt war: Nachdem es bereits 2016 mehrere Vorwürfe gegen ihn gab, verabredete der damalige Kultursenator Tim Renner mit Hubertus Knabe, dass Frauendorfer keine Volontärinnen mehr unterstehen dürfen, die vom Senat finanziert werden. Diese Verabredung wurde durch meine Arbeit in seinem Bereich gebrochen. Aufgrund eines Personalwechsels wurde ich von Frauendorfer übernommen und unterlag seiner Leitung. Knabe wusste davon. Im Januar dieses Jahres habe ich mich dann krankgemeldet, während sich der Senat um meinen Wechsel gekümmert hat. Ich konnte einfach nicht mehr in die Gedenkstätte gehen. Ab Februar habe ich eine neue Stelle zugewiesen bekommen.

ZEIT ONLINE: Wie und wann haben Sie sich mit den anderen Unterzeichnerinnen des Briefes zusammengeschlossen? 

Anina F.: Als meine Dozentin mich an andere Betroffene vermittelt hatte, haben wir weitere Frauen angesprochen, die vertrauenswürdig erschienen und von denen wir wussten, dass sie in Hohenschönhausen gearbeitet hatten oder noch arbeiten. So haben wir Frauen gefunden, die von 2011 bis heute in der Gedenkstätte waren. Im März haben wir uns alle zum ersten Mal getroffen. Wir haben mit Erschrecken festgestellt, dass tatsächlich alle Ähnliches erlebt hatten: persönliche SMS zu später Stunde, nächtliche Arbeitsaufträge, unsachliches Lob und anzügliche Komplimente, Berührungen wie enge Umarmungen, Einladungen zu Bier oder Wein nach Feierabend, teilweise in die private Wohnung, und aggressive Umgangsformen, wenn man diese Einladungen ablehnte.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, als Gruppe aktiv zu werden?