Der Friedensnobelpreis ist in diesem Jahr zwei Personen verliehen worden, die sich durch ihre Arbeit gegen Vergewaltigungen in Kriegen hervorgetan haben: Denis Mukwege und Nadia Murad. Solche Massenvergewaltigungen sind aus etlichen sogenannten schmutzigen Kriegen der jüngeren Zeit bekannt, etwa aus den jugoslawischen Zerfallskriegen 1991–1995, dem Völkermord in Ruanda 1994 oder der Vertreibung der Rohingya aus Myanmar 2017.

Wenn man sich fragt, wie Vergewaltigung zu einer erstrangigen Kriegswaffe werden konnte, liegt es nahe, an archaisches, barbarisches, primitives Verhalten zu denken, das womöglich in weniger "zivilisierten" oder weniger modernen Weltteilen noch leichter durchbricht als bei uns in Europa. Nichts könnte falscher sein. Vergewaltigung als Mittel des Krieges ist keine archaische, sondern eine spezifisch moderne Sache. Ihre systematische Nutzung hängt, wie man soziologisch zeigen kann, mit der Architektur der modernen Gesellschaft zusammen. Menschliches Verhalten ist viel weniger, als man vermuten würde, durch archaisch-urmenschliche Kräfte bestimmt und viel mehr durch gesellschaftliche Strukturen.

Die moderne Gesellschaft ist in verschieden spezialisierte Sphären oder Teilbereiche differenziert, zu denen etwa Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Medien, Bildung, Familie und noch einige mehr gehören. Jeder dieser Bereiche folgt seiner eigenen, für ihn spezifischen Logik: die Politik folgt der Logik von Machtgewinn und Machtverlust, die Wirtschaft folgt der Logik von Profit und Kosten, die Wissenschaft folgt der Logik von Wahrheit und empirischer Bestätigung oder Widerlegung, die Familie folgt der Logik von Liebe und intimem Miteinander. Diese gesellschaftliche Architektur, die Soziologen "funktionale Differenzierung" nennen, hat einen neuen Typus von Kriegen befördert: Kriege, in denen die Logik anderer gesellschaftlicher Teilbereiche herangezogen und instrumentalisiert wird, um einen an sich politischen Konflikt zu gewinnen.

Diese Erfahrung hat man zuerst an den Französischen Revolutionskriegen der 1790er-Jahre und dann an den totalen Kriegen des 20. Jahrhunderts gemacht: Der Krieg wurde nicht nur auf dem Schlachtfeld und von spezialisierten Militärapparaten ausgetragen, sondern auch in den Fabriken (Kriegsproduktion um jeden Preis), in den Medien (Propaganda, Zensur, patriotische Moral), im Recht (Einschränkung von Bürgerrechten) und in der Wissenschaft (forcierte Entwicklung von Kriegstechnologien). Umgekehrt kann man dann versuchen, den Feind an solchen indirekten Stellen zu treffen, etwa indem man nicht nur seine Kasernen, sondern auch seine Produktionsanlagen oder seine Infrastruktur bombardiert, oder indem man durch Gegenpropaganda und psychologische Kriegsführung die Moral der Bevölkerung zu untergraben versucht.

Wenn das aber die Struktur totaler Kriege ist: Was hat das mit Massenvergewaltigungen in heutigen "schmutzigen Kriegen" zu tun? Diese Konflikte sind ganz anders geartet: Sie sind oft eher binnenländische als zwischenstaatliche Kriege, und sie sind oft Kriege niedriger Intensität, also gerade keine totalen Kriege. Trotzdem kann die Logik des Einspannens fremder gesellschaftlicher Logiken für Kriegszwecke auch hier greifen. Die Karriere von systematischer Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung ist ein besonders perfider Fall davon.

Ethnische Kriege gegen ethnische Reproduktion

Frauen werden vergewaltigt, weil man weiß, dass damit der soziale Bereich Familie/Ehe/Reproduktion empfindlich getroffen und geschädigt wird. In vielen der einschlägigen Regionen gibt es kulturelle Konventionen, die vergewaltigte Frauen aus dem Ehe- und Familienleben ausschließen: Soweit sie unverheiratet sind, kommen sie nicht mehr als Heiratspartnerinnen infrage, und soweit sie verheiratet sind, können Männer die "Rücknahme" ihrer Ehefrauen verweigern. Selbst wenn es keine solche Konvention gibt, ist klar, dass durch Vergewaltigungen die Intaktheit von Familien zutiefst gestört oder zerstört wird (und nicht etwa nur: die Intaktheit von Körpern und Seelen).

Da viele dieser Kriege sich um die relative Stärke und den Machtanspruch verschiedener – ethnisch, sprachlich oder religiös definierter – Volksgruppen drehen, ist ein Angriff auf die familiäre Kontinuität und die Störung der Reproduktionslogik einer gegnerischen Gruppe ein Kriegserfolg. Das entspricht exakt der Form der totalen Kriegsführung, der Kriegsführung auf dem Umweg über andere gesellschaftliche Bereiche: Der eigene Kriegserfolg soll gesteigert werden, indem man sich in die Logik anderer Bereiche hineindenkt und diese gezielt in ihrer eigenen Funktionsweise zu treffen versucht.

Insofern geht es bei Massenvergewaltigungen keineswegs nur um das rohe, tierische Vergnügen brutalisierter Kämpfer. Das gibt es natürlich auch, und gab es immer schon: Vergewaltigung einfach als überschießende Triebhandlung einzelner Soldaten oder sonstiger Kämpfer, die nicht ausreichend unter Kontrolle gehalten werden. Aber das erklärt nicht, warum in etlichen jüngeren Kriegen Tausende, Zehntausende, Hunderttausende von Frauen systematisch und mehr oder weniger geplant zum Opfer dieser Form von Angriff gemacht wurden.

Um den Aufstieg von Vergewaltigung zu einer der populärsten Kriegswaffen zu verstehen, muss man deshalb tiefer blicken. Und man muss vom unmittelbaren Geschehen in den Kriegszonen wegblicken und auf die moderne Gesellschaft im Ganzen: Diese schmutzigen Kriege sind kein brutales, barbarisches Geschehen weit weg, mit dem wir nichts zu tun haben. Ihre Mittel folgen Logiken, die aus den modernen gesellschaftlichen Strukturen Europas in andere Weltteile exportiert wurden. Dort entfalten sie jetzt ihre verheerende Wirkung.