Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser neuen ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

"Was wollen denn diese Frauen hier in China? Haben sie nicht schon alle möglichen Privilegien?"
"Das sind psychisch labile Männerhasser. Die lassen sich von den verrückten Amerikanerinnen beeinflussen."
"Die wollen nur Aufmerksamkeit."
"Das sind gar keine richtigen Feministinnen, eher Trittbrettfahrerinnen, lächerlich."
"Die US-Regierung hat sie angestiftet, Unruhe in unsere Gesellschaft zu bringen."
"Die chinesische Regierung benutzt sie als Waffe gegen zu fortschrittliche Intellektuelle und NGO-Chefs."
"Sie wollen Ruhm, damit sie auf ihren Social-Media-Accounts Geld mit Werbung verdienen können."

So lauteten einige Online-Kommentare, als #MeToo 2018, einige Monate nach dem Beginn der US-amerikanischen Bewegung, wie ein Sturm durch China fegte. Die Kommentatoren waren vor allem Männer. Tatsächlich geht es der chinesischen #MeToo-Bewegung aber nicht um Sex und Ruhm oder politische Verschwörungen. Eine neue Generation chinesischer Frauen fordert ihre Rechte ein, die in der Verfassung stehen, und will Schluss machen mit einer verbohrten, althergebrachten Frauenfeindlichkeit. Als einzig mögliche landesweite demokratische Bewegung spielt #MeToo im sich vorwärts quälenden Modernisierungsprozess Chinas eine entscheidende Rolle.

Am 1. Januar 2018 erzählte Luo Xixi, eine ehemalige Studentin der Beihang Universität von Peking, auf ihrem Social-Media-Account ihre Geschichte. Sie warf ihrem Professor Chen Xiaowu vor, sie vor 14 Jahren sexuell belästigt zu haben, als er sie abends nach Hause fuhr. Ihr Post wurde an einem einzigen Tag drei Millionen Mal aufgerufen. Andere Frauen, die von Chen belästigt worden seien, traten an die Öffentlichkeit. Zwei Wochen später wurde er gefeuert. Begeistert von Luos Mut und der überraschend positiven Entwicklung erzählen nun mehr und mehr Chinesinnen ganz offen ihre Geschichten.

Immer wieder tauchen in den sozialen Medien Umfragen, Debatten und Artikel zu sexueller Belästigung auf, versorgen die Menschen mit neuem Wissen und schärfen ihr Bewusstsein für die Lage der Frauen. IT-Profis bieten ihre Hilfe an, darunter auch Blockchain-Experten. Ein offener Brief, der einem berühmten Professor aus Peking vorwarf, vor 20 Jahren eine Studentin verführt, vergewaltigt und in den Selbstmord getrieben zu haben, erschien im Ethereum, einer Blockchain-Plattform, nachdem er im Internet von den Behörden gelöscht worden war. Auf einer Blockchain-Seite können von Sexismus Betroffene ihre Geschichten ohne Angst vor Zensur veröffentlichen. Auf dem Höhepunkt der Debatte lasen, kommentierten und teilten innerhalb weniger Tage Hunderte Millionen Menschen die Posts zum Thema.

Endlich hatten die Chinesinnen den Anlass gefunden

Anders als in den USA, wo der #MeToo-Wirbel von Hollywood-Schauspielerinnen ausgelöst worden war, waren die Protagonistinnen in China nicht prominente, hochgebildete, berufstätige Frauen. Sie besaßen nur das Selbstbewusstsein, ihre Geschichten als Erste zu erzählen. Ihre Vorwürfe – sexuelle Belästigung und Nötigung – richteten sich gegen mindestens ein Dutzend angesehene Professoren, bekannte und angesehene Leiter von NGOs, berühmte Medienmacher und liberale Intellektuelle, die man eigentlich aufseiten der Menschenrechtsbewegung vermutet hatte.

Im August erschien ein 95 Seiten langer Bericht, der dem Präsidenten der Buddhistischen Vereinigung Chinas, Shi Xuecheng, vorwarf, seine Schülerinnen zu manipulieren und zu belästigen. Shi war einer der bekanntesten Mönche Chinas und ein einflussreicher Berater der Zentralregierung. Unter allen Männern, die im Rahmen von #MeToo unter Sexismusverdacht gerieten, war seine Machtposition am höchsten. Er wurde seines Postens geräuschlos enthoben.

Das Ausmaß der Bewegung war für alle überraschend, nicht nur für die Männer, die sich vom Zorn so vieler Frauen bedroht fühlten, sondern auch für die abgebrühtesten Frauenrechtlerinnen. Vor #MeToo hatten sie nur noch wenig Hoffnung gehabt. "Wir hatten geglaubt, nichts mehr tun zu können" – mit diesen Worten beschrieb Dong Yige, die sich zehn Jahre lang an einem mühsamen Kampf für mehr Gleichberechtigung beteiligt hatte, zuletzt beim chinesischen Netzwerk gegen häusliche Gewalt, ihre Überraschung in einem offenen Brief.

Das Netzwerk gegen häusliche Gewalt war aufgelöst worden. Vielen Graswurzelorganisationen, die für Frauenrechte stritten, erging es ebenso, und in den vergangenen Jahren waren mehrere Aktivistinnen im Gefängnis gelandet. Damals hatte es keinen großen öffentlichen Aufschrei gegeben. Wie hatte #MeToo nun plötzlich so ein Momentum entwickeln können, wie war die Stimme dieser Bewegung so laut geworden?   

Natürlich ist das chinesische #MeToo von der US-amerikanischen Bewegung inspiriert. Luo Xixi, die erste chinesische Stimme von #MeToo, beschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen, nachdem ihr Ehemann ihr Ende 2017 vom Fall Weinstein in Hollywood erzählt und sie ermutigt hatte. Aber das war nur ein Auslöser. In Wahrheit waren viele Chinesinnen schon lange so weit gewesen und hatten nur auf einen Anlass gewartet, ihre Frustration und ihre Ängste zum Ausdruck zu bringen und Veränderung zu fordern.