#MeToo hat in China eine uralte Schweigemauer zum Einsturz gebracht. © Artwork Michael Pfister für ZEIT ONLINE, Fotos [M] Hanson Lu/Unsplash, Marco Xu/Unsplash

Das Bloßstellen von Opfern kann in China böse Formen annehmen. Was sexuelle Belästigung ist, wird weder in der Schule noch im Fernsehen oder in anderen Medien vermittelt. Wahrscheinlich behalten viele Frauen ihre Erfahrungen daher für sich; oft wird ihnen nicht einmal klar sein, dass sie sexuell belästigt wurden. Die Wirklichkeit könnte viel ernster sein, als die Zahlen verraten.

Mit Beginn der #MeToo-Bewegung haben viele Frauen zaghaft begonnen, Freundinnen und Kolleginnen von ihren Erfahrungen zu erzählen. Sie waren erschüttert, als sie erfuhren, dass auch fast alle anderen sexuelle Übergriffe erlebt hatten, die sie früher einfach für ihr persönliches Pech gehalten hatten. Auch viele Männer hörten nun zum ersten Mal solche Geschichten von ihren Partnerinnen. "Es würde mich nicht überraschen, wenn mir alle Chinesinnen berichten würden, dass sie schon einmal sexuell belästigt wurden", sagte Jia Jia, ein ehemaliger Redakteur von tencent.com, nach vielen Gesprächen mit Freundinnen und Kolleginnen.

Das Wunder von #MeToo besteht darin, dass die Bewegung ganz überraschend eine uralte Schweigemauer zum Einsturz gebracht hat. Sie hat unter den Frauen Solidarität geschaffen. Die Jahrzehnte nach der Revolution waren grausam und unproduktiv und haben dazu geführt, dass die Bevölkerung sich vom Kommunismus abwandte. Die nach der Revolution geborenen Generationen haben Begriffe wie "Solidarität" vermieden. Aber auch ohne einen gemeinsamen Slogan stellte sich unter den unabhängig denkenden chinesischen Frauen ein Gefühl der Verbundenheit ein. Heute ermutigen sie einander, das Schweigen, die Scham und den Zorn zu überwinden, und haben online einen wertvollen Ort gefunden, an dem Opfer sich sicher genug fühlen, um sich zu öffnen.

Außerdem macht #MeToo Schluss mit dem Mythos, der gesellschaftliche Status der Frau sei "in kaum einem Land der Welt höher als in China". Die Frauen haben die Scheuklappen abgelegt und erkannt, dass sie unterdrückt und betrogen worden sind. Sie nutzen ihre neu entdeckte Solidarität, um eine breitere Debatte anzustoßen, über Geschlechterdiskriminierung in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, in der Vermögensverteilung, vor dem Gesetz, in der Familie.

Warum greift die Regierung nicht durch?

Sie mussten entdecken, dass sich bei diesem Thema keine echte Grenze zwischen Privatleben und Öffentlichkeit ziehen lässt: "Das Patriarchat dominiert alles." Für die Teilnehmerinnen der Bewegung ist #MeToo das Instrument einer neuen Aufklärung.

"Der Feminismus wird China retten." Das sind die Worte von Chang Ping, einem chinesischen Autor und Journalisten, der in Deutschland lebt. Feministische Aktivistinnen sind überzeugt, dass der Kampf gegen das Patriarchat auch ein Kampf gegen das autoritäre System ist, weil die beiden einander überlappen. Wer die Machtverhältnisse unter den Geschlechtern verändert, so sagen sie, wird damit auch das politische System demokratisieren oder zumindest Demokratisierungsprozesse einleiten helfen.

Wenn #MeToo die einzige wirksame Demokratisierungsbewegung in China ist, als Teil einer weltweiten Demokratisierungsbewegung, warum wird sie dann nicht zerschlagen? Schließlich gilt für die Regierung jede Art von Solidarisierung, die nicht von oben initiiert und kontrolliert wird, als Bedrohung, vor allem wenn sie "gemeinsame Sache mit ausländischen Mächten" macht, und #MeToo müsste entsprechend behandelt werden. Aber bisher sucht die chinesische Regierung noch nach einem Weg, mit der heiklen neuen Lage umzugehen.

Denn #MeToo ist ein ungewöhnlicher Fall: Es gibt keine Führungspersönlichkeit, keine klar erkennbaren Initiatorinnen oder Organisatorinnen; das Private und das Politische sind auf komplizierte Weise miteinander verstrickt. Die Regierung kann Frauen nur schwer verbieten, von ihren persönlichen Erfahrungen zu erzählen. Obwohl man weiß, worauf die Bewegung letztlich abzielt, hat man noch keinen Weg gefunden, sie wirksam zurückzudrängen. Außer im Fall des Buddhistenführers Shi Xuecheng: Nach seiner Entfernung von seinem Posten hat die Zensurbehörde alle Berichte und Posts über diesen Skandal löschen lassen. Ein leises, aber gleichzeitig auch klares Signal an die #MeToo-Aktivistinnen: Bis hierher und nicht weiter, wenn es um Angriffe in den höheren Sphären politischer Macht geht!

Aber schon bald könnte die Regierung eine Lösung finden – auf dem Klageweg, angetrieben von der Furcht der Männer. Auch in China hat die Angst bei vielen Männern scharfe Reaktionen hervorgerufen. #MeToo sei im Kern gesetzlos, sagen manche, und vergleichen die Frauen mit dem Pöbel, der zu Zeiten der Kulturevolution wütete. Wenn die Regierung sich auf die Autorität der Justiz stützt, die schmählich gescheitert ist, als es darum ging, sexuelle Belästigung einzudämmen oder zu verhindern, kann sie die #MeToo-Bewegung zumindest zum Zittern bringen.

Optimismus ist unangebracht

Vor diesem Problem stehen zum Beispiel zwei junge Chinesinnen, Xian Zi und Mai Shao. Xian Zi gehört zur #MeToo-Bewegung. Im Juli 2018 schrieb sie auf Weibo, sie sei vier Jahre zuvor von Zhu Jun, einem beliebten Moderator des staatlichen Fernsehens, missbraucht worden. Tags darauf sei sie zur Polizei gegangen, aber man habe sie und ihre Eltern gezwungen, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, die sie zum Schweigen verpflichtet. Viele Jahre hatte Zhu Jun die "positive Energie" verkörpert, die von der Regierung propagiert wird. Die Behörden wollten einen Angriff auf ihn verhindern.

Mai Shao, eine Journalistin und Freundin von Xian Zi, hat sie offen unterstützt. Beide wurden ein paar Monate später vom Bezirksgericht Haidan in Peking vorgeladen. Der Moderator Zhu Jun hat sie wegen Rufschädigung auf einen Schadensersatz von umgerechnet über 80.000 Euro verklagt und verlangt, dass sie sich öffentlich entschuldigen und ihre Posts löschen. Am 25. September 2018 hat Xian Zi ihrerseits Zhu wegen "Einschränkung ihrer Persönlichkeitsrechte" verklagt. Dies ist das erste #MeToo-Gerichtsverfahren in China. Es wird für die ganze Bewegung ein Exempel statuieren. So wie die Dinge stehen, ist Optimismus unangebracht. Aber Xian Zi und Mai Shao haben sich nicht einschüchtern lassen. Sie posten weiter, geben Interviews, beteiligen sich an der Debatte über die Verantwortung, die Feministinnen tragen, und die Bedeutung der Gleichberechtigung.

Wie das Urteil im Fall Zhu Juns auch ausfallen mag, der Konsens innerhalb der chinesischen #MeToo-Bewegung wird sich nicht auslöschen lassen: Frauen müssen gegen die patriarchale Kultur und ihre Machtstrukturen zusammenstehen und einen Wandel durchsetzen. Nur so können sie und ihre Töchter angstfrei leben. Das ist noch nicht allen Chinesinnen bewusst, aber es werden mehr.

Aus dem Englischen von Jakob Klagen