Ausnahmsweise war es nicht das regenbogenfarben schillernde Berlin, das mit dem Daueraufreger Gender in die Schlagzeilen geriet, sondern das sonst immer langweilig-monochrom wirkende Hannover. "Stadt Hannover schafft Geschlechter ab" war noch eine der gemäßigteren Meldungen. Der Bayernkurier sah die Stadt "Im vollen Galopp auf den Gender-Abgrund" zureiten, und die Bild verkündete, dass "Gender-Gaga jetzt neue Amtssprache in Hannover" sei.

Auf den ersten Blick war der Auslöser dieser Aufregung enttäuschend unspektakulär: Der Oberbürgermeister und sein Referat für Frauen und Gleichstellung haben einen Leitfaden für, wie sie es nennen, "geschlechtsumfassendes" Formulieren vorgelegt. Auf gerade einmal fünf Seiten werden Empfehlungen ausgesprochen, wie sie sich in Dutzenden von Leitfäden von Stadt- und Kommunalverwaltungen, Behörden, Universitäten, gemeinnützigen Organisationen und anderen Institutionen finden.

Interessant ist an den Empfehlungen selbst höchstens, dass traditionelle Formen der geschlechtergerechten Sprache – also männlich-weibliche Doppelformeln wie "Wählerinnen und Wähler" und Sparschreibungen wie "Wähler/-innen" – dabei außen vor bleiben. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf geschlechtsneutralen Formulierungen, die das Geschlecht der bezeichneten Personen nicht näher bestimmen: substantivierte Partizipien ("Wählende", auch in zusammengesetzten Wörtern wie "Wählendenverzeichnis"), adjektivische Partizipien mit geschlechtsneutralen Personenbezeichnungen ("die antragsstellende Person" statt "der Antragsteller"), verbale Paraphrasen ("wer die Bauleitung hat, soll …" statt "der Bauleiter soll …") oder die direkte Ansprache der Lesenden ("Ihr Name", statt "Name des Antragsstellers").

Interessanter, als es zunächst den Anschein hat

Das ist ein moderner Ansatz der sprachlichen Gleichstellung, aber revolutionär ist er nicht. Er findet sich in vielen aktuellen Leitfäden und hat bereits Einzug in Bundesgesetze wie die 2015 überarbeitete Straßenverkehrsordnung gefunden.

Ist die Aufregung um den Hannoveraner Leitfaden also völlig unbegründet? Ist das alles nur gendering as usual, über das sich höchstens noch das konservative Feuilleton ereifert? Nicht ganz. Wie die Stadt Hannover selbst ist auch der Leitfaden deutlich interessanter, als es zunächst den Anschein hat. Und zwar aus mehreren Gründen.

Zunächst, weil es der erste Leitfaden ist, der sich in seiner Begründung auf das im Dezember 2018 geänderte Personenstandsgesetz beruft. Das räumt intersexuellen Erwachsenen und den Eltern intersexueller Kinder die Möglichkeit ein, als Geschlechtseintrag "divers" zu wählen, statt den Eintrag, wie seit 2003 möglich, offen zu lassen. Diese gesetzliche Anerkennung eines dritten Geschlechts muss nun in der Sprache der öffentlichen Verwaltung einen Niederschlag finden.

Die hätte zwar die Möglichkeit, stur auf dem sogenannten generischen Maskulinum zu beharren und zu behaupten, dass damit nicht nur weibliche, sondern auch "diverse" Menschen mitgemeint seien. Schließlich hat der Bundesgerichtshof im Mai 2018 festgestellt, dass "die Verwendung generisch maskuliner Personenbezeichnungen keine Benachteiligung im Sinne von § 3 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes" sei.

Allerdings würden die Verwaltungen sich damit hinter den Status quo zurückfallen lassen. Denn nach jahrzehntelangem Druck der Frauenbewegung ist es ja inzwischen üblich, Frauen ausdrücklich mit anzusprechen, statt sie nur mitzumeinen. Wenn man es aber zwei von drei Geschlechtern zugesteht, sich in der Verwaltungssprache wiederzufinden, kann man es dem dritten kaum verweigern.

Verpflichtet auf eine ganz bestimmte Weise

Die Stadt Hannover hat also versucht, ein Problem zu lösen, das in den nächsten Jahren auf alle staatlichen Stellen zukommt. Tatsächlich geht sie noch einen Schritt weiter und will auch Menschen ansprechen, "die sich nicht als Frau oder Mann selbst beschreiben". Damit sind neben (manchen) Intersex-Menschen auch nicht-binäre trans Personen gemeint, deren Geschlecht auf einer Selbstdefinition beruht und die bislang keinen besonderen rechtlichen Status haben.

Es ist weiterhin interessant, dass der Leitfaden nicht als unverbindliche Empfehlung an die Bediensteten der Stadt Hannover verschickt wurde. Stattdessen wurde er, wie mir die Pressestelle des Oberbürgermeisters bestätigte, durch ein Personalrundschreiben bekannt gegeben, das "über eine Selbstverpflichtung hinaus(gehe)". Er dürfte damit den Status einer Dienstanweisung haben, sodass Bedienstete mit Sanktionen rechnen müssten, wenn sie den Empfehlungen nicht folgen.

Das ist zwiespältig zu beurteilen. Einerseits handeln Bedienstete in der öffentlichen Verwaltung in Vertretung ebendieser, und wenn eine Dienststelle entscheidet – sei es aus rechtlichen Zwängen oder aus freien Stücken –, sprachlich kein Geschlecht zu bevorzugen, dann müssen die Bediensteten diese Entscheidung umsetzen. Andererseits werden die Bediensteten der Stadt Hannover aber nicht nur dazu verpflichtet, geschlechtsneutral zu formulieren – sie werden dazu verpflichtet, es auf eine ganz bestimmte Weise zu tun.

Die Stadt Hannover belässt es nämlich nicht bei den oben aufgezählten Ratschlägen, die einen breiten Gestaltungsspielraum gewähren. Ganz am Schluss des Leitfadens heißt es: "Wenn eine geschlechtsumfassende Formulierung nicht möglich ist, ist der Gender Star (z. B. "Wähler*innen") zu verwenden", da dieser "als sprachliches Darstellungsmittel aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten" diene.

Und darüber kann man sich auch dann streiten, wenn man der sprachlichen Gleichstellung der Geschlechter positiv gegenübersteht. Denn damit werden alle anderen Formen geschlechtergerechter Sprache ausgeschlossen.

Feministinnen stößt man vor den Kopf

Dass Hannover sich ausgerechnet für diese Variante entschieden hat, liegt laut der Pressestelle des Oberbürgermeisters daran, dass diese Form die bekannteste sei; sie werde in der Verwaltung schon vereinzelt genutzt, und die "LSBTIQ-Community" erkenne sie ebenfalls an.

Die Bekanntheit des Gendersternchens kann man schlecht bestreiten. Sein Aufstieg begann 2015, als die Grünen beschlossen, Anträge auf Parteitagen in Zukunft nur noch zu behandeln, wenn sie mit Gendersternchen formuliert sind. Bald darauf begannen verschiedene Behörden, das Sternchen zu verwenden, und 2017 bat die Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung den Rat für deutsche Rechtschreibung, eine Aufnahme in die Amtliche Rechtschreibung zu prüfen.

Ob das Gendersternchen in der LSBTIQ-Community anerkannt ist, lässt sich allerdings schwerer beantworten. Abgelehnt wird es dort sicher nicht, aber es konkurriert mit dem als "Gendergap" bezeichneten Unterstrich ("Wähler_innen"). Anders als das Gendersternchen, dessen Ursprung etwas undurchsichtig ist, hat diese Gendergap eine begründete und dokumentierte Geschichte – sie geht auf den 2003 erschienenen Aufsatz Performing the Gap – Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung des Philosophen Steffen Kitty Herrmann zurück und wird dort als Markierung eines Platzes beschrieben, "den unsere Sprache nicht zulässt, (...) den es in unserer Geschlechterordnung nicht geben darf", ein Platz für alle, "die sich nicht unter die beiden Pole hegemonialer Geschlechtlichkeit subsumieren lassen wollen und können".

Die Probleme beginnen woanders

Das Gendersternchen ist so explizit nie diskutiert worden. Seine Befürworter sehen es wohl als bedeutungsgleich zum Gendergap an – die intendierte Bedeutung beider Formen ist es, grob gesagt, eine Position zwischen dem semantisch männlichen Wortstamm und der semantisch weiblichen Nachsilbe zu schaffen, in der sich andere Geschlechter wiederfinden können. Auch die Stadt Hannover bestätigt auf Nachfrage, man habe sich mit dem Genderstern "inhaltlich" nicht vom Gendergap abgrenzen wollen.

Sehr wohl aber wolle man sich damit vom bis dahin verwendeten Binnen-I ("WählerInnen") abgrenzen, da es den Dualismus Mann–Frau nicht überwinde. Damit schließt sich der Leitfaden nicht nur in der Wahl des Ausdrucksmittels, sondern auch in der damit verbundenen Begründung explizit der queeren Subkultur an.

Und da beginnen die Probleme. Denn diese Subkultur hat eine bestimmte Perspektive auf Geschlecht – unter anderem, dass es eine fast grenzenlose Vielfalt an Geschlechtern gibt und dass für die Zugehörigkeit einer Person zu einem oder mehrerer dieser Geschlechter nur die Selbstdefinition dieser Person entscheidend ist. Das ist fraglos eine interessante Perspektive, die das Potenzial hat, herkömmliche Strukturen geschlechtlicher Diskriminierung aufzubrechen und die ganz offensichtlich die Lebensrealität der Mitglieder dieser Subkultur widerspiegelt. Aber diese Perspektive dürfte kaum ausreichend selbstverständlich sein, um die Bediensteten der Stadt Hannover per Dienstanweisung darauf zu verpflichten.

Widerstand ist darum nicht nur von jenen zu erwarten, denen schon die Gleichstellung von Frauen etwas suspekt ist und die von der Vorstellung völlig überfordert sind, es könne jenseits von Mann und Frau noch etwas geben. Auch Feministinnen, die jahrzehntelang für eine stärkere sprachliche Sichtbarkeit von Frauen in Form des Binnen-I gekämpft haben, stößt man hier vor den Kopf.

Empirische Forschung gibt es nicht

Die Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch, die in den Achtzigerjahren die Diskussion um sprachliche Gerechtigkeit in Deutschland überhaupt erst angestoßen hat und auf deren Arbeiten viele der heute noch verwendeten sprachlichen Mittel dafür zurückgehen, hält Gendersternchen (und Gendergap) für verfehlt, da sie – ebenso wie der klassische Schrägstrich – die Präsenz der Frauen auf die feminine Nachsilbe beschränkten: "Dem Normalgeschlecht gebührt der Wortstamm, dem abweichenden Geschlecht die abgeleitete Form", schreibt sie. Und: "Je weiter dabei das äußere Kennzeichen des Abgeleitetseins, die feminine Endung, vom Wortstamm entfernt wird durch Zwischenschaltung weiterer, wenn auch gut gemeinter, Elemente – umso mehr wird der Status der weiblichen Zweitrangigkeit betont."

Nun hat die Interpretation kreativer Orthografie immer etwas Subjektives, und wer mit seiner Interpretation des Binnen-I, der Gendergap oder des Gendersternchens recht hat, ist eine müßige Frage. Die Bedeutung sprachlicher Zeichen – auch orthografischer – entsteht nicht per Dekret, sondern sie kristallisiert sich im allgemeinen Sprachgebrauch. In der Sprachgemeinschaft insgesamt dürfte aber keine der genannten Schreibweisen ausreichend etabliert sein, um eine bestimmte Interpretation vorauszusetzen. Empirische Forschung zu dieser Frage gibt es nicht.

Aber wenn wir das Problem geschlechtergerechter Sprache orthografisch lösen wollen, sind Puschs Argumente ebenso bedenkenswert wie die derjenigen, die das Sternchen bevorzugen. Ob sich eine der Schreibweisen durchsetzt, und mit welcher Bedeutung, bliebe besser der Sprachgemeinschaft insgesamt überlassen. Es ist ja nicht gesagt, dass die beste Form schon gefunden ist. Luise Pusch hat zum Beispiel vorgeschlagen, Gendergap und Binnen-I zu kombinieren, indem anstelle des I ein Ausrufezeichen geschrieben wird – bei den "Wähler!nnen" stünde der Strich des Ausrufezeichens für das große I und der Punkt für die Gap. Dass alle nicht-männlichen Geschlechter damit quasi lautstark mitten im Wort stehen, hat auf jeden Fall einen gewissen Charme, der dem Lückenfüller * eindeutig fehlt.

Wer so etwas, wie die Stadt Hannover, per Dienstanweisung regeln will, unterschätzt aber nicht nur die ideologische und die kreativitätsfeindliche Dimension seiner Entscheidung, sondern auch die soziolinguistische Komplexität.

Das Gendersternchen verliert seine Bedeutung

Anders als bei den eingangs diskutierten geschlechtsneutralen Formulierungen handelt es sich bei den orthografischen Konventionen nämlich um das, was in der Sprachwissenschaft als "soziolinguistischer Marker" bezeichnet wird – sprachliche Merkmale, die von der Sprachgemeinschaft mit bestimmten sozialen Gruppen assoziiert werden. Ein solcher Marker ist etwa das Personalpronomen "icke", das mit einer bestimmten Region – Berlin und Teile von Brandenburg – verbunden wird. Binnen-I, Gendersternchen usw. werden dagegen mit bestimmten "Communities of Practice" in Verbindung gebracht: Gruppen von Menschen mit ähnlichen Zielen und Wertvorstellungen, wie eben die queere Community, die Frauenbewegung und andere.

Indem man die Bediensteten der Stadt Hannover zum Gendersternchen verpflichtet, zwingt man sie kurzfristig in eine Community of Practice, zu der sie eigentlich nicht gehören. Mittelfristig löst man damit dann die Verbindung des Markers zu dieser Gemeinschaft auf: Solange ich das Gendersternchen freiwillig – vielleicht sogar gegen gewisse Widerstände – verwende, kommuniziere ich damit auch, dass ich mich zu einer Gruppe von Menschen mit bestimmten Vorstellungen über Geschlecht rechne. Je mehr Menschen eine bestimmte Form verwenden, weil sie dazu gezwungen sind, desto schlechter lassen sich solche Rückschlüsse ziehen. Das Gendersternchen verliert so nicht nur seine Bedeutung im engeren Sinne, sondern auch seine Fähigkeit, die Weltsicht derjenigen zu vermitteln, die es verwenden.

Das Gendersternchen war, als eine Art "Gendergap Light", von Anfang an etwas sinnentleerter als das Binnen-I oder eben die Gendergap, aber durch seine flächendeckende Verwendung in der öffentlichen Verwaltung wird dem noch Vorschub geleistet. Langfristig wird es nicht mehr mit einem tatsächlich empfundenen Willen zur Geschlechterinklusivität verbunden sein, sondern eben mit dessen behördlicher Simulation. 

Im besten Fall der gemeinsame Nenner

Erste Anzeichen dafür lassen sich schon im Leitfaden der Stadt Hannover finden. Obwohl die Stadt sich bei der Begründung des Gendersternchens explizit auf die LSBTIQ-Community beruft, schließt sie sich nur sehr oberflächlich deren Vorstellungen von Geschlecht an. Im Leitfaden findet sich nämlich folgender Satz: "Sollte gezielt nur ein Geschlecht angesprochen werden (z. B. bei einem Geburtsvorbereitungskurs), wird nur die jeweilige Form verwendet."

Doch natürlich können auch Menschen Kinder bekommen, die sich im Sinne der LSBTIQ-Community als nicht-binär oder als trans Mann identifizieren – eine geschlechtsneutrale sprachliche Darstellung von Gebärenden ist dieser Subkultur deshalb seit Langem ein wichtiges Anliegen. Auch das ist nicht unkontrovers – manche Feministinnen, wie etwa Antje Schrupp, weisen darauf hin, dass die Möglichkeit von Schwangerschaft und Gebären gesellschaftlich sehr stark mit Frauen assoziiert sei und viele Aspekte der Diskriminierung von Frauen sich aus genau dieser Verbindung ergeben würden. Eine geschlechtsneutrale Darstellung von Schwangerschaft und Geburt macht es schwer, über diese Tatsache zu reden.

Es ist alles nicht so einfach mit dem Geschlecht und der geschlechtsneutralen Sprache. Nicht ohne Grund gibt es in den Subkulturen und intellektuellen Strömungen, die sich gedanklich und in ihrem Alltag mit Geschlecht und Gender befassen, seit Jahrzehnten differenzierte, intensive, manchmal heftige Diskussionen. Die Öffentlichkeit bekommt davon nicht viel mit, sondern sieht im besten Fall den gemeinsamen Nenner all dieser Diskussionen – die Überwindung der Vorstellung, Männer seien der sprachliche Normalfall und alle anderen mögen bitte selbst herausfinden, wann sie mitgemeint sind und wann nicht.

Wenn Kommunen und andere Institutionen verbindliche Sprachregelungen treffen – und das wird in Zukunft häufiger der Fall sein –, geben sie damit bestimmten Positionen innerhalb dieser Diskussionen einen offiziellen Status. Sie greifen damit in einen komplexen Erkenntnisprozess ein, häufig, ohne diesen überhaupt wahrgenommen zu haben oder im Detail damit vertraut zu sein.

Damit tun sie sich selbst, denjenigen, die sie damit ansprechen wollen, und der Gesellschaft insgesamt keinen Gefallen.