Ich war lange der Meinung, dass man gesellschaftlich nicht viel tiefer sinken kann als ein Mädchen. Das Mädchen hat eine schlechte Ausgangsposition: Immerhin wird es mal eine Frau. Einem Mädchen, wie Frauen gerne noch bis in die Vierziger genannt werden, kann man alles sagen. Ein Mädchen ist angreifbar, ihr Körper gehört der ganzen Welt. Überall hängen Plakate, die sie zeigen, diese Mädchen, halb nackt. Die den anderen Mädchen zeigen, wie sie zu sein haben. Hübsch müssen sie vor allem sein. Und nett. Und sich was sagen lassen sollen sie. Gute Mädchen sollen sich sagen lassen, wie sie sich zu kleiden haben, wann sie zu lächeln haben. Und wenn ihnen was passiert in der großen, bösen Welt, darf man ihnen sagen, wie sie sich bitteschön dazu zu verhalten haben, damit wir sie weiterhin mögen können.

Angela Lehner ist Autorin und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebt in Berlin und Wien. Im Frühjahr 2019 erscheint ihr Roman "Vater Unser" bei Hanser Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Anja Kiesow

Seit einiger Zeit drängt sich mir aber der Gedanke auf, dass meine Annahme vom Mädchen als unterste Sprosse der Gesellschaft eine Fehleinschätzung war. Weit darunter, noch viel angreifbarer, wuseln sie nämlich als unbemerkter Bodensatz der Menschheit herum: die Mütter. Die Mutter als Mensch mit eigenen Bedürfnissen war auch mir lange Zeit ein unsichtbares Wesen. Mag es nun daran liegen, dass ich mich selbst langsam ins rational gebärfähige Alter bewege, oder daran, dass es mittlerweile meine Freundinnen sind, die Kinder zur Welt bringen. Jedenfalls nehme ich in letzter Zeit viel aufmerksamer die Hürden wahr, mit denen sich Mütter täglich herumschlagen.

Es beginnt schon mit der Schwangerschaft. Die Frau wird plötzlich zum Wirt für einen neuen Menschen. Gleichzeitig scheinen sich sämtliche gesellschaftliche Tabugrenzen zu verschieben. Man hält es für völlig selbstverständlich, der werdenden Mutter ungefragt den Bauch zu tätscheln und sich freimütig über ihre Ernährungsgewohnheiten zu informieren. Mit der Einnistung des Eis in der Gebärmutter scheint die Frau die Selbstbestimmung gänzlich nach außen abgegeben zu haben. Man nimmt sich heraus, die werdende Mutter auf etwaiges Fehlverhalten hinzuweisen. Sie vielleicht gar zurechtzuweisen, sollte sie sich doch einmal außerhalb der mütterlichen Idealvorstellung bewegen. Eine schwangere Frau zum Beispiel, die zum Geburtstag mit einem halben Glas Sekt anstößt, muss mit herber Kritik von allen Seiten rechnen. 

Offensichtlich kann nun absolut jeder, angefangen bei der Nebensitzerin in der Straßenbahn bis hin zum Kassierer im Lebensmittelladen, am besten beurteilen, was richtig für den Körper der werdenden Mutter ist. In der Endphase der Schwangerschaft wird die Umgebung plötzlich fürsorglich: Kann ich dir was zu trinken bringen? Möchtest du dich hinsetzen? Man sieht: Die Frau kann nicht mehr so, man hilft ihr, man unterstützt sie.

Das bittere Erwachen kommt mit der Geburt. Auch Frauen, die noch nicht aus der Gnade der modernen Hipster-Gesellschaft gefallen sind, weil sie bei vollem Bewusstsein und ohne Schmerzmittel einen Vier-Kilo-Menschen durch ihr Becken gedrückt haben, müssen nun unverzüglich performen: Milch geben, das Kind wickeln, das Kind richtig halten, das Kind richtig anziehen, richtig auf das Kind reagieren, bitte nicht gereizt sein, bitte nicht überlastet sein.

Die Fürsorge der Gemeinschaft hat sich mit der Geburt verschoben. Die Frau hat es zur Welt gebracht, aber jetzt kümmern wir uns um das Kind. Das Kind hat Bedürfnisse, die die Mutter unverzüglich und auf ideale Weise zu erfüllen hat. Und dabei beobachten wir sie genau, denn die gute Mutter hat nicht nur dem Kind, sondern auch der Gesellschaft gegenüber eine Bringschuld. Und langsam kommt die unschöne Erkenntnis auf, dass die Fürsorge des Umfelds in der Schwangerschaft vielleicht gar nicht der Mutter selbst, sondern immer nur dem Kind in ihr gegolten haben könnte.