Wir saßen in einer dieser selbstgezimmerten Spendenbars, die im Leipziger Osten seit Kurzem aus dem Boden schießen, als meine Freundin Sylvie mir erzählte, dass sie von ihrem Ex-Partner körperlich misshandelt worden war. Er hatte sie beleidigt, beklaut und geschlagen. Erst nach rund einem Jahr hatte sie sich als Opfer geoutet und ihn angezeigt. Sie benutzte an diesem Abend wirklich dieses Wort: outen

Sie wolle sich nicht aufspielen, sagte sie. Er sei eigentlich nicht so, das wisse ich ja, schließlich kannte ich ihn ganz gut. Das stimmte. Ich verstand allerdings nicht, was das zur Sache tat. Natürlich wusste ich, dass häusliche Gewalt in allen Schichten und Milieus vorkommen kann. Bei dem Gedanken allerdings, dass sie in meinem direkten Umfeld stattfand, blieb mir die Gurke meines schlecht gemixten Gin Tonic im Halse stecken.

Was ich nicht verstand, neben allem Mitgefühl für meine Freundin: Wie hatte sie das zulassen können? Ich empfand eine eigenartige Mischung aus Empörung und Enttäuschung darüber, dass sie sich zum Opfer hatte machen lassen. Es war ja nicht so, dass sie von ihm in irgendeiner Weise abhängig gewesen wäre, dass sie ein Opfer hätte sein müssen. Es wäre ihre Pflicht gewesen, dachte ich, diesen Typen sofort rauszuschmeißen, ihn anzuzeigen, Gewalt gegen Frauen keinen Raum zu bieten. Alles andere verriet nicht nur sie selbst, sondern alles, wofür der Feminismus einsteht. Und dass ich ihr genau dies damals auch gesagt habe, bereue ich heute aufs Tiefste. Manche Dinge kann man vielleicht erst verstehen, wenn man sie selbst erlebt hat.

Denn nur ein Jahr später wurde ich selbst zum Opfer: Mein damaliger Partner schloss sich und mich ins Badezimmer seiner Wohnung ein und begann mich zu schlagen. Er schlug auch dann noch weiter, als ich auf dem Boden lag und meine Nase bereits blutete. Meine Lippe platzte auf, schwoll an. Ich hatte ein blaues Auge. Er sagte, ich habe ihn provoziert. Daraufhin entschuldigte ich mich bei ihm. Ich blieb. 

Zwei Wochen später gingen wir gemeinsam auf die Hochzeit meiner Schwester. Ich verdeckte die letzten Rötungen mit Make-up und mithilfe eines Seitenscheitels. Ich erzählte wochenlang niemandem davon. Bis heute nehme ich Medikamente gegen Panikattacken, die nach diesem Vorfall einsetzten.

Ich wollte nie ein Opfer sein, aber offenbar war ich zu einem geworden. Und musste mir jetzt dieselbe Frage stellen, die ich Sylvie gestellt hatte: Warum hatte ich das zugelassen? 

Das Perfide an häuslicher Gewalt ist, dass es nie mit einem Schlag beginnt. Es beginnt mit einer spitzen Bemerkung, mit einer unangebrachten Kritik, dem Vergessen einer Verabredung, mit einer Lüge oder mit Betrug, der Kontrolle des Handys. In allen Fällen beginnt es mit einer Lovestory. Meine Lovestory begann vor zweieinhalb Jahren und bereits acht Monate später waren alle obigen Dinge passiert. Ich wusste nicht, dass man das psychische Gewalt nennt. Genauso wenig, wie ich wusste, dass das immer die Vorstufe von körperlicher Gewalt ist. Es kommt nie aus dem Nichts. 

In Frankreich gilt psychische Gewalt aus genau diesem Grund seit 2010 als Strafdelikt – als Präventivmaßnahme. Insbesondere um die Zahl von Femiziden zu verringern. Auch das alles wusste ich nicht. Ich wusste aber, dass etwas gehörig schief lief in meiner Beziehung und ich immer neue Gründe fand, um das Verhalten meines damaligen Partners zu entschuldigen. Das war nicht besonders schwer, denn ich musste nur so lange nachdenken, bis ich den Fehler bei mir fand. Ich sei zu empfindlich, eine Dramaqueen, die ständig in die Luft gehe. Ich sei zu selbstständig, zu karrierebezogen.

Ich sei in meinem Feminismus zu dogmatisch. Er sei zwar auch Feminist, aber ich würde mich mit meinen extremen Ansichten einfach nur lächerlich machen. Ich würde Männer offenbar hassen. Spätestens da hätten bei mir alle Alarmglocken angehen müssen, allerdings traf die ständige Kritik auf einen guten Nährboden: Ich wollte keine herrische Emanze sein, sondern eine coole Feministin. Kritikfähigkeit zählt in meinem Umfeld zu einer wichtigen Eigenschaft. Ich nahm seine Kritik dankend an. Und landete schleichend in einer Position, in der ich entweder zu stark, weil selbstständig/unabhängig/selbstbestimmt, oder zu schwach, weil ich zu dramatisch/zu nachtragend/zu emotional, war. Damit saß ich in der Falle.