Nur noch Verräter oder Helden

Olga Tokarczuk (*1962) ist eine der größten Gegenwartsschriftstellerinnen Polens. Hier schreibt sie, wie rechte Politik und Hassreden in den vergangenen Jahren ihr Land verändert haben.

In Danzig wurden Psychologen gerufen, um der Bevölkerung zu helfen. So tief sitzt der Schock, nachdem Paweł Adamowicz, der Bürgermeister der Stadt, am 13. Januar zur besten Sendezeit getötet wurde, während Millionen am Fernsehbildschirm zusahen. Der 27-jährige Tatverdächtige war erst wenige Monate zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden. Offenbar hatte er jedes Detail des telegenen Angriffs geplant: Nachdem er den Bürgermeister ins Herz gestochen hatte, rief er ins Mikrofon, dass er ihn umgebracht habe, um sich an der Bürgerplattform zu rächen – der sozialliberalen Oppositionspartei, die ihn vermeintlich zu Unrecht ins Gefängnis gesteckt habe.

Am vergangenen Sonntag gingen nun mehrere Zehntausend Menschen in Danzig auf die Straße, um sich von ihrem Bürgermeister zu verabschieden; spontane Versammlungen ereigneten sich in anderen polnischen Städten. Es schien, als wäre ein Großteil des Landes für einen Moment lang vereint gewesen – in Erschütterung und Trauer.

Die polnische Psychologin und Schriftstellerin Olga Tokarczuk wurde 1962 geboren. Sie ist eine der prominentesten literarischen Stimmen ihres Landes. Ihr Roman "Der Gesang der Fledermäuse" wurde im Kinofilm "Pokot" verarbeitet, der 2017 auf der Berlinale lief. Zuletzt erhielt sie, zusammen mit der Übersetzerin Jennifer Croft, 2018 den Man Booker International Prize für ihr Buch "Unrast" (2008). Es erscheint im Februar in neuer Auflage. © Pascal Le Segretain/Getty Images

Um die Geschehnisse in ihrer Gänze verstehen zu können, muss man einige Zusammenhänge kennen. Paweł Adamowicz wurde umgebracht während einer Veranstaltung des Großen Orchesters der Weihnachtshilfe, die seit 27 Jahren gleich nach den Feiertagen stattfindet. Das Orchester, die größte Wohltätigkeitsinitiative des Landes, sammelt Geld für polnische Krankenhäuser. In den Tagen zuvor füllen sich die Straßen mit roten Herzen, welche die Menschen für ihre Spende bekommen, und die Polen werden freundlicher zueinander.

Einige Aktionen haben allerdings auch großen Hass auf sich gezogen. Den Kritikern des Orchesters, meist Rechtsgerichtete, gefällt dessen Stil nicht – leicht anarchisch, offensichtlich links – und sie mögen die Musik nicht, die es spielt, wobei diese Benefizveranstaltungen immer großartige Konzerte sind. Die Kritik ist in den vergangenen Jahren lauter geworden, vor allem nach dem Sieg der nationalkonservativen PiS-Partei in den Parlamentswahlen 2015. Vor Kurzem schrieb ein Journalist, der Orchesterleiter propagiere das Böse; rechte Nachrichtenmedien nannten ihn einen "schleimigen Zwerg" und eine Marionette korrupter Politiker.

Trotz allem ist das Orchester für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ein Symbol für das Polen, das wir seit den Neunzigerjahren in nüchternem, aber hoffnungsfrohem Kapitalismus mühsam aufbauen. Ein Polen, das der Nato beigetreten ist und das dafür gestimmt hat, sich der Europäischen Union anzuschließen. Das Orchester steht für drei Jahrzehnte gesellschaftlichen Wandels und den Fortschritt dieses Landes in Richtung einer besseren, friedlicheren, wohlhabenden, freien Welt. Es wurde auch zu einem Symbol für gegenseitigen Respekt und Großzügigkeit, und wenn es nur an einem Tag im Jahr sein sollte. Es hat den Polen – einem allgemein missmutigen Volk – beigebracht, sich am Lagerfeuer der Gemeinschaft zu wärmen. Ich hätte nichts dagegen, wenn sich das Orchester zur Nation ernennen würde; nur zu gern wäre ich seine Staatsbürgerin.

Paweł Adamowicz, ein moderner Konservativer und ausgezeichneter Lokalpolitiker, stand für all das, wofür PiS nicht steht. Obwohl er ein Traditionalist war, setzte er engstirniger Kirchturmpolitik seine Aufgeschlossenheit und Großherzigkeit entgegen. Er besaß außerdem einen seltenen Mut und soziales Feingefühl. Zum Beispiel unterwanderte er zusammen mit einigen anderen Bürgermeistern die Regierungspolitik: Sie luden Geflüchtete in ihre Städte ein und sagten ihnen Unterstützung, Arbeit und Unterkunft zu. Der Anschlag auf diesen Mann ist auch ein Angriff auf die Vision von einem liberalen progressiven Polen.

Man mag sich fragen, was den Täter getrieben hat. Er wurde von offizieller Seite als geistig verwirrt beschrieben – aber niemand handelt in einem Vakuum. Das staatliche Fernsehen, das eine bedeutende Anzahl von Polen mit Nachrichten versorgt, verleumdet die politische Opposition und alle, die anders denken als die Regierungspartei, in einer aggressiven und diffamierenden Sprache. Der getötete Bürgermeister wurde als Dieb, als Deutscher, als Homophiler und als Mafioso bezeichnet. Darüber hinaus hat die Fernsehpropaganda das Justizsystem in den vergangenen drei Jahren als schädlich für die Bürger abgelehnt; Richter wurden beschuldigt, eine über dem Gesetz stehende Kaste zu bilden; es sei ein vollständiger Personalwechsel nötig. In seiner Gefängniszelle hat der Täter wahrscheinlich genau diese Nachrichten von bösen Jungs und der Notwendigkeit radikaler Lösungen empfangen.

Worte werden wie Waffen verwendet

Die heutige Nachrichtenlandschaft in Polen erscheint wie ein neuartiges Frankenstein-Monster, das im Internet außer Kontrolle geraten ist und sich in Hassreden verwandelt hat, die sich überall verbreiten. Öffnen Sie Ihr Mailfach, und Sie werden es merken: "Du bist ein Stück Scheiße, und Du wirst sterben." "Wir wissen, wo Du wohnst." "Wir werden diesen dummen Kopf abhacken." Das Internet brummt nur so vor Gewalt.

Auf verbale Angriffe reagiert der Körper reflexhaft. Er rollt sich zu einer Kugel zusammen und beginnt zu schwitzen, das Adrenalin pumpt durch seine Adern. Wenn das mit vielen Menschen gleichzeitig geschieht, befinden wir uns in einem geistigen Krieg, in dem statt Kugeln Worte abgefeuert werden. Ich glaube fest daran, dass Worte wie Waffen behandelt werden müssen, jede Beschimpfung und Bedrohung ist Gewalt und Angriff.

Leider wurde in Polen niemand dafür zur Verantwortung gezogen, dass sich Hassreden so stark verbreitet haben. Die Polizei nimmt die Aussagen der Leute entgegen und winkt ab. Dieses stillschweigende Einverständnis hat ohnehin geschwächte Stimmen zermürbt. Hassreden sind in den öffentlichen Diskurs gesickert, und fortwährende Grenzüberschreitungen werden immer deutlicher sichtbar: Gewählte Politiker äußern öffentlich Verschwörungstheorien, Parlamentsmitglieder posten Hetzreden in dem Wissen, dass sich ein Tweet umso weiter verteilt, je brutaler und emotionaler er ist.

Emotionaler Stillstand

Populisten gebrauchen eine aggressive und hasserfüllte Sprache. Sie suchen nach Sündenböcken. In Polen sind diese Sündenböcke die sogenannten verrückten Linken, die Queeren, die Deutschen, die Juden, die vermeintlichen Marionetten der EU, Feministen, Liberale und alle, die Einwanderer unterstützen. Wenn man dem noch das Schweigen und den Zynismus der Kirche hinzufügt; die offensive Propaganda des staatlichen Fernsehens; die polizeiliche Billigung antisemitischer Ausschreitungen; öffentliche Demonstrationen, auf denen die "Feinde der Nation" entmenschlicht werden; die Verunglimpfung der juristischen Autoritäten und die unverzeihliche Umweltzerstörung – dann entsteht ein erstickendes Klima des Hasses, ein höchst emotionaler Stillstand, in dem es nur noch Verräter und Helden gibt.

In einer gesunden, normalen Gesellschaft können Menschen miteinander uneins sein, sogar gegensätzliche Meinungen vertreten, und trotzdem müssen sie einander nicht hassen. Die polnischen Behörden allerdings haben es zu ihrer dringlichsten Aufgabe gemacht, die Polen auseinanderzubringen.

Gewalt liegt in der Luft. Die Gefühle, die durch die sprachliche Eskalation der politischen Debatten freigesetzt wurden, können ganz schnell in Handlungen überspringen. Und dann werden die Aggressionen auf ein bestimmtes Objekt gerichtet. Es braucht nur eine fehlgeleitete Seele. Die überspannte Kette reißt am schwächsten Glied.

Ich sorge mich um unsere unmittelbare Zukunft. Werden wir zurückkehren in die Welt, wie sie vor diesem sinnlosen Tod war? Oder wird das Geschehene uns ausnüchtern?

Aus dem Englischen von Rabea Weihser. Eine englische Fassung ist in der "New York Times" erschienen.