Vor ein paar Jahren unterhielt ich mich mit der weißen französischen Freundin eines Freunds über Rassismus. Ich erzählte ihr aufrichtig von meinen Erfahrungen. Es lief gut, und sie berichtete von dem Ärger, den sie als jüngste und einzige Frau an ihrem Arbeitsplatz hatte; sie musste oft doppelt so hart arbeiten, um gegenüber ihren Arbeitgebern ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen. Wir verstanden uns und hatten Gemeinsamkeiten. Ich erzählte ihr, dass ich einmal bei einem Job, für den ich mich vorgestellt hatte, übergangen wurde und über gemeinsame Freunde herausfand, dass ihn eine weiße Frau meines Alters mit nahezu identischer Berufserfahrung bekommen hatte. Damals hatte ich den strukturellen Rassismus wie einen Schlag ins Gesicht gespürt. Es war etwas, das man in Statistiken über schwarze Arbeitslosigkeit liest, jedoch nie von den betroffenen Personen erfährt.

Darauf sagte sie: "Du weißt nicht, ob es Rassismus war. Woher willst du wissen, dass es nicht an etwas anderem gelegen hat?" Sie erzählte mir von ihrem Zorn und ihrer Angst, als ihr von einem Algerier Rassismus vorgeworfen wurde. Sie sagte, wie wütend es sie mache, dass Weiße mit dem Vorwurf des Rassismus zum Verstummen gebracht werden können. Vielleicht hätte der Mann in Betracht ziehen sollen, dass die Leute ihn nicht mochten, weil er sich schlecht benahm. Sie sagte, dass sie Angst gehabt hätte, weil er ein Mann war, und befürchtet habe, er könne aggressiv werden. 

Ich war naiv. Wir hatten uns verstanden, ich vertraute auf ihre Menschlichkeit und dachte, dass sie die strukturellen Bedingungen akzeptieren würde, die so eine Situation möglich machten. Deswegen versuchte ich, sie zu ermutigen, sich das Misstrauen und den Zorn einer Person vorzustellen, die ihr ganzes Leben lang mit Rassismus konfrontiert war. Ich glaubte, ich könnte sie dazu bringen, von sich selbst abzusehen und den größeren Kontext infrage zu stellen, doch dann klang jeder Satz, den sie sagte, wie alle Rechtfertigungen des Weißseins, die ich zuvor gehört hatte. Es ist, als ob sie alle dasselbe auswendig lernen. 

Dann bedachte ich die sozialen Implikationen des logischen Ausgangs unseres Gesprächs, wenn sich alle einig wären, dass ich Unrecht hatte, denn auf diese Weise hält sich der weiße Status quo aufrecht. Hätte ich mit ihr gestritten, dann hätte ich riskiert, in dieser Wohngemeinschaft nicht mehr willkommen zu sein, weil ich "eine Atmosphäre geschaffen" hätte. Ich würde als "umgekehrte Rassistin" betrachtet werden, als zornige, unvernünftige Unruhestifterin, womöglich sogar als Sympathisantin von Gewalt. Diese Art von sozialer Ausgrenzung schien es nicht wert. Also sagte ich nichts.

Es jagt dir Angst ein, bis du verstummst

White privilege manifestiert sich in allen und niemandem. Jeder ist Komplize, aber keiner will die Verantwortung übernehmen. Es infrage zu stellen kann reale soziale Folgen haben. Weil es eine vielköpfige Hydra ist, muss man vorsichtig sein, welchen Weißen man vertraut, wenn es zu einer Diskussion über Hautfarbe und Rassismus kommt. Man kann Gespräche über Rassismus nicht in der Annahme aufnehmen, dass die anderen Teilnehmer auf demselben Stand sind wie man selbst. Spricht man das Thema Rassismus an, ist es, als würde man einen Schalter umlegen. Es spielt keine Rolle, ob der Gesprächspartner eine Person ist, die man gerade kennengelernt hat, oder jemand, mit dem man sich immer sicher und vertraut gefühlt hat. Man weiß nie, wann sich ein Gespräch über Rassismus und Hautfarbe in eine Diskussion verwandelt, bei der man um die eigene körperliche Unversehrtheit und soziale Position fürchten muss.

White privilege ist eine manipulative, luftundurchlässige Decke der Macht, die wie Schnee alles bedeckt, was wir kennen. Es ist brutal und erdrückend und nötigt dazu, aus Angst, geliebte Menschen, den Job oder die Wohnung zu verlieren, nichts zu sagen. Es jagt dir Angst ein, bis du verstummst: Das Privileg, offen über deine Gefühle zu sprechen, geht immer mit einer ausführlichen Einschätzung der Folgen vorab einher. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mir so fest wie möglich auf die Zunge zu beißen.

Und white privilege infrage zu stellen, kann natürlich Folgen für deine Lebensqualität haben. Du kannst einen Job nicht bekommen, weil du online offen und ehrlich über deine Erfahrungen und Vorstellung von Rassismus gesprochen hast. Als ich mich vor ein paar Jahren für einen Verwaltungsjob vorstellte, konfrontierte mich ein potenzieller Kollege mit etwas, das ich über Hautfarbe getweetet hatte. Es war eine so untergeordnete Position, dass ich mit einer derartigen Einmischung nicht gerechnet hatte. White privilege ist so abwegig, so luftraubend clever, weil es die Firmen besitzt, die dich einstellen, die Industrien besitzt, zu denen du gern Zugang hättest, und wenn du Geld zum Leben brauchst, bist du gezwungen, seine Bedürfnisse zu befriedigen (nach dem Vorfall habe ich meinen Twitter-Account gesperrt und mich bei allen Jobs auf Smalltalk beschränkt). Es lullt dich ein, bis du in Gegenwart von Weißen unvorsichtig wirst, und du glaubst, dass sie dich ernst nehmen, aber gleichzeitig überrascht es dich nicht, wenn in einem Gespräch dein Anderssein betont wird. White privilege ist die perverse Situation, dass du dich mit offen rassistischen, rechten Extremisten wohler fühlst, weil du dann wenigstens weißt, woran du bist; die Grenzen sind klar.

Heimtücke ist viel schwieriger. Du lernst, mit ihr zu rechnen, aber du lernst nie, dich damit abzufinden. Du lernst, vorsichtig zu streiten, weil dich die Leute sonst für grundlos zornig halten. Für eine Unruhestifterin, die ernst zu nehmen sich nicht lohnt, eine zornige schwarze Frau, besessen vom Thema Hautfarbe. 

Dieser Artikel basiert auf Auszügen der deutschen Erstauflage des Buches "Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche" von Reni Eddo-Lodge. Es erscheint am 31. Januar 2019 im Tropen Verlag.