In der Folge des sogenannten Datenklaus hat Robert Habeck beschlossen, sich von Twitter und Facebook zurückzuziehen, was seither erwartbar aufgekratzt diskutiert wird. Einerseits liegt es daran, dass ein Video öffentlich wurde, in dem Habeck Irritierendes über Thüringen sagt. Andererseits entstand ein Großteil der Aufregung um die Frage, ob ein potenzieller Kanzlerkandidat wie Habeck es sich überhaupt leisten könne, die zwei wohl wichtigsten Social-Media-Kanäle künftig links liegen zu lassen.

Habeck erweise, so stand es zum Beispiel auch auf ZEIT ONLINE, der "demokratischen Kultur" damit keinen Dienst. Das ist ein sehr zeitgenössischer, allerdings auch ein kurioser Vorwurf. Man kann ihn nur ernsthaft erheben, wenn man Twitter und Facebook für systemrelevante, geradezu staatstragende Einrichtungen hält, die den Fortbestand der Demokratie und ihrer Kultur sichern. Daran jedoch kann man gegenwärtig auch starke Zweifel haben – ungeachtet der Tatsache, dass es dort ja hin und wieder ganz lustig zugeht. Dass Habeck mit seinem Rückzug einer demokratischen Kultur schade, klingt ebenfalls fürchterlich staatstragend, ist aber ein ahistorisches Argument. Soweit man weiß, lebten wir schon in einer Demokratie, als an Twitter nicht zu denken war. Als sich noch kein Kult der Unmittelbarkeit und der Berührbarkeit herausgebildet hatte, in dem das Dasein ständig zum Dabeisein gesteigert werden muss. Als man es noch nicht für Bürgernähe hielt, wenn alle Welt weiß, was Andrea Nahles zum Frühstück isst (Folgen Sie ihr auch auf Instagram!).

Diese Vorstellung hat die Praxis der sozialen Medien ebenso befördert wie den Fetisch der Dauerkommunikation, unter dessen Regime das Reden selbst oft als wichtiger erachtet wird als das, was eigentlich geredet wird, und noch der letzte Senf, den ein Politiker auf Twitter zum vergoldeten Steak eines Fußballers abgibt, für "Authentizität" gehalten wird. Die aktuelle Debatte sagt möglicherweise weniger über Habeck als über eine (Medien-)Öffentlichkeit, die nicht mehr anders kann, als jede soziale und politische Praxis durch das Prisma des Internets anzuschauen. Und die sich eine politische, möglicherweise sogar inhaltliche Wertschöpfung, die außerhalb von Likes, Retweets und Replies liegt, offenbar nicht mehr vorstellen kann.         

Vielleicht muss man aber auch daran erinnern, dass Demokratie zunächst eine Herrschaftsform meint und nicht das Sichherumtreiben auf einer privatwirtschaftlichen Internetplattform, zu dem sich glücklicherweise kein Politiker verpflichten muss – sogar dann nicht, wenn es möglicherweise zu seinem Schaden ist, sollte er auf der Trennung zwischen Amts- und Privatperson bestehen, die soziale Medien automatisch einebnen. Wie hoch der Schaden für Habeck tatsächlich ist, werden wir sehen.

Dass er für diese emotionale, privat-persönliche Kommunikation anfällig sei, wie er gesteht, und er seine Entscheidung auch aus Selbstschutz gefällt habe, muss man zunächst einmal respektieren. Mit "Angst vor dem Neuen", wie die Süddeutsche Zeitung nun etwas altbacken schreibt, hat es wohl wenig zu tun. Dieser Vorwurf führt direkt in die Debatten, die vor etwa einem Jahrzehnt sogenannte Netzintellektuelle anzettelten, die jedem pauschale Gestrigkeit nachsagten, der nicht vorbehaltlos in die digitale Zukunft hineinjubeln wollte. Damals mag Social Media ja "das Neue" gewesen sein, Flugtaxis wären heute jedenfalls neuer (Viele Grüße, CSU). Inzwischen können soziale Medien selbst auf eine Geschichte zurückblicken, aus der jeder seine Schlüsse ziehen kann. Sie ist voller Brüche und negativer Erfahrungswerte, verworfener Annahmen, haltlos twitternder US-Präsidenten und anderen retardierenden, besorgniserregenden Elementen, zu denen auch der aktuelle Datendiebstahl gehört.

Vielleicht war dieser nur der letzte Baustein, der zu Habecks Entschluss geführt hat. Und der Reflex, als der sein Verhalten nun bezeichnet wird, war möglicherweise das Ergebnis einer längeren Reflexion. Die übrigens darf sogar abseits der Öffentlichkeit stattfinden.