Als sich kurz vor Silvester eine Debatte über Feuerwerk nicht zuletzt am Thema Feinstaub entzündete, meldete sich auf Twitter der Berliner Lokalpolitiker Axel Seltz zu Wort: "Wer als Sozialdemokrat einem Böllerverbot das Wort redet", schrieb der Bezirksverordnete, "darf sich über weiteren Vertrauensverlust bei denen, die man zu vertreten meint, nicht wundern. Das ist eine wohlstandsbürgerlich grüne Debatte. Wer proletarische Kultur verachtet, wird zurückverachtet."

Es lag nicht nur an der spitzen Formulierung, dass Seltz' Einlassung erhitzte Diskussionen provozierte und es sogar in manche Berliner Tageszeitung schaffte. Es lag auch daran, dass sich auf lokalpolitischer Ebene eine Debatte von nationaler, ja, globaler Dimension spiegelte. Eine Debatte, die sowohl innerhalb als auch zwischen den Parteien verläuft und deren zentrale Konfliktlinie stärker an Kontur gewinnt: der Konflikt zwischen Klasse und Klima.

Angesichts des fortschreitenden Klimawandels geht es diskursiv nicht mehr nur darum, ob dieser im Wesentlichen menschengemacht ist, was entgegen allen wissenschaftlichen Fakten beispielsweise von Donald Trump oder Vertretern der AfD bestritten wird, und ob man den weltweiten Temperaturanstieg am besten mit den Mitteln des Staates oder Marktes eindämmen kann. Es geht auch um die Frage, wie (un-)sozial ökologische Politik ist. Oder konkreter gesagt: Ob sich in Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung nicht auch eine elitäre Verachtung für die Lebensrealität von Geringverdienern offenbart, ja, sich hier ein grün lackierter Klassenkampf von oben zeige? 

FDP für Flexitarier

Dieser Vorwurf wird seit Längerem an jenes ökologisch bewusste Manufactum-Milieu gerichtet, das sich nachhaltigen und klimakorrekten Konsum nicht nur buchstäblich leisten könne, sondern diesen auch als Distinktionsmerkmal gegenüber dem Billigfleisch mampfenden Pöbel begreife. Aber die Spannung zwischen Klima und Klasse offenbarte sich jüngst ebenso in den anhaltenden Protesten der Gelbwesten in Frankreich. Diese hatten sich an einer Benzinsteuer entfacht, welche besonders die untere Mittelschicht hart getroffen hätte. In Deutschland zeigt sie sich zudem an der Diskussion über die von der Umwelthilfe eingeklagten Dieselfahrverbote, die vielen von jenen Menschen, die sich eine Wohnung in der Innenstadt schon nicht mehr leisten können, nun noch das notwendige Pendeln erschweren. 

Die Kritik, dass klimabewusste Politik oft auf dem Rücken von Geringverdienern ausgetragen wird und somit grün-bourgeoise Lebensstilvorstellungen zum ökologischen Sachzwang erklärt, wird dabei mitnichten nur von konservativer und radikalliberaler Seite formuliert, wo das öko-urbane Milieu meist als ein Mix aus industriepolitischem Totengräber und paternalistischem Spaßverderber gilt. Er findet sich auch in Teilen von SPD und Linkspartei, in denen die Grünen als eine Art FDP für Flexitarier firmieren.

Zur Klärung dieses Vorwurfs lohnt sich ein Abstecher in die Ideengeschichte. Die heutige Spannung zwischen Ökologie und Ökonomie rührt paradoxerweise daher, dass beide ursprünglich mehr oder weniger dasselbe bedeuteten. Noch der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707–1778) bezeichnete das Gleichgewicht der Natur als "Oeconomia". Der Philosoph, Mediziner und Zoologe Ernst Haeckel (1834–1919), der den modernen Begriff der Ökologie prägte, leitete diesen wiederum direkt von dem der Ökonomie ab. Meinte Ökonomie deshalb anfangs den Haushalt der Familie oder des Staates, verwies Ökologie analog auf den Haushalt der Natur. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch jene wirtschaftliche Metaphorik, die wir bis heute in der Rede von der Natur gebrauchen, wenn wir beispielsweise von ihren "Schätzen" und deren "Ausbeutung" sprechen.