Welcher Mann läge nicht gern in den starken muskulösen Armen einer Frau, die ihn um einige Zentimeter überragt und ihn mit aller Kraft an ihre trainierten Brustmuskeln drückt? Oder ihm zwischen ihren starken Schenkeln die Luft raubt? Was dem einen ein feuchter Traum, mag dem anderen ein Albtraum sein. Idealerweise soll die Frau kleiner und zierlicher als der Mann sein. Wenn sie es von Natur aus nicht ist, macht sie sich meist kleiner (Lady Di war in etwa so groß wie Prinz Charles, auf Briefmarken aber wurde sie einen ganzen Kopf kürzer gemacht). Die physische Unterlegenheit der Frau war jahrhundertlang gleichbedeutend mit metaphysischer Minderleistung. Das schwache Geschlecht eben. Heute soll Frau sportlich sein, aber bitte nicht zu muskulös, denn das ist ja nicht "weiblich". Besonders Profisportlerinnen, die für ihren Sport viel Muskelmasse aufbauen, führen uns die enge Vorstellung von weiblicher Körpernorm vor Augen.

Marlen Hobrack studiert im Masterstudiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © Marcus Engler

Neulich beispielsweise trat die deutsche Wrestlerin Jazzy Gabert in der RTL-Dating-Show Take me out auf. Sie sucht einen Mann, der nicht vor ihrer Größe und ihren Muskeln zurückschreckt. Gabert ist 1,80 Meter groß, wiegt 90 Kilogramm, ist austrainiert und stark. Sie sticht unter den anderen Kandidatinnen hervor: Da stehen sie, mit ihren langen, glatten Haaren und werfen kulleräugige Blicke hinauf zur Kamera. Ein süßes Hascherl neben dem anderen, die schmalen Schultern zusammengezogen, um ja nicht zu viel Raum einzunehmen. Ganz anders Jazzy Gabert, der Selbstbehauptung quasi auf den Leib geschrieben ist.

Seit beinahe 17 Jahren ist Gabert in Wrestling-Ringen in Deutschland, Europa und Japan unterwegs. Ich treffe sie backstage bei der Show von Next Step Wrestling in Dresden.

Im Gespräch ist Gabert, die mit einer tiefen, aber sehr sanften Stimme spricht, freundlich und aufgeschlossen. Die schwarz geschminkten Augen funkeln, ihre kurzen blonden Haare sind aufgestylt. Der Look erinnert an Brigitte Nielsen im Film Rocky, den Urtypus der phallischen, gefährlichen und gerade deswegen erotischen Frau.

Gaberts Ringgimmick, also die von ihr verkörperten Rolle, ist die der "Alpha Female". Was Größe und Kraft anbelangt, ist sie praktisch konkurrenzlos in Deutschland. Zurzeit höre sie von Promotern und Organisatoren oft, dass es einfach keine passenden Gegnerinnen für sie gäbe. "Ich bin quasi überqualifiziert. Ich hoffe natürlich, dass Mädels nachkommen in diesem Geschäft." Gabert bleibt deswegen oft nichts anderes übrig, als gegen Männer zu kämpfen, was nicht immer unproblematisch ist. Zunächst einmal für die männlichen Wrestler und deren Ehrempfinden.

Zwar liebt das Wrestling David-gegen-Goliath-Geschichten, aber natürlich stellt es eine Kränkung des männlichen Egos dar, wenn ein Kerl, noch dazu ein muskulöser, gegen eine Frau verliert. Allerdings ist Jazzy Gabert immerhin eine glaubhafte Gegnerin, was Körperkraft und Größe anbelangt. Oft genug gibt es auch Matches, in denen Frauen gegen doppelt so schwere Männer antreten. "Wenn ich Männer sehe, die gegen kleine, zierliche Frauen kämpfen und sie dann so achtlos rumschmeißen, denke ich: Das ist es nicht wert. Das ist zu viel Risiko. Ich finde, im Wrestling muss immer die Gesundheit vorgehen", meint Gabert.