Kaum jemand hat es länger mit Barack Obama ausgehalten als Ben Rhodes: Der heute 41-Jährige begann im Jahr 2007 als Redenschreiber für Obama zu arbeiten, als der seine Kandidatur um das Amt des US-Präsidenten vorbereitete. Rhodes verfasste dann unter anderem die Berliner Rede, die Obama wenige Monate vor seiner Wahl 2008 vor der Siegessäule hielt, und später auch die berühmt gewordene Kairoer Rede, in welcher der Präsident im Jahr 2009 eine Annäherung der USA an die muslimische Welt formulierte. Rhodes diente später in der Funktion des "Deputy National Security Advisor for Strategic Communications" als Berater vor allem in außenpolitischen Fragen im Weißen Haus, bis zum letzten Tag von Obamas Präsidentschaft im Januar 2017.

Über diese Zeit hat Rhodes ein Buch geschrieben, das unter dem Titel "Im Weißen Haus. Die Jahre mit Obama" (C.H. Beck, 576 S., 26 Euro) nun auf Deutsch erschienen ist. Das Treffen mit Rhodes fand in Berlin statt, nur wenige Stunden, bevor Donald Trump verkünden ließ, er werde einen nationalen Notstand wegen der Situation an der Südgrenze der USA zu Mexiko ausrufen.

ZEIT ONLINE: Herr Rhodes, man könnte das, was Donald Trump in den vergangenen Tagen um die Abwendung eines zweiten Shutdown veranstaltet hat, als Schauspiel betrachten. Kann es sein, dass Trump die Präsidentschaft wirklich nur wie eine Fernsehshow betreibt, mit Cliffhangern am Ende jeder Folge?

Ben Rhodes: Trumps Vorgehen lässt sich am ehesten unter den Vorzeichen seiner Vorstellung von Politik verstehen. Und die erschöpft sich darin, seine Wählerbasis zu behalten. Es scheint ihn überhaupt nicht zu interessieren, wenn alle anderen gegen ihn sind. Dabei hat er sich jedoch in eine ausweglose Lage gebracht: Weil er seine Unterstützer auf den Bau einer Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko eingeschworen hat, darf er sie nicht enttäuschen – doch diese Mauer wird niemals gebaut werden.

ZEIT ONLINE: Trump, das selbsternannte Verhandlungsgenie, hat sich schlicht verzockt?

Rhodes: Zunächst belegt dieser Vorgang nur erneut Trumps totale Leere. Jenseits seiner Parolen ist da einfach nichts. Und nun fürchtet er sich vor negativen Reaktionen von Vertretern der äußersten Rechten, die seinen Aufstieg wesentlich ermöglicht haben. Seine Strategie hat sich mittlerweile verbraucht. Das gilt umso mehr, da er es seit den midterms im November nun mit einem Repräsentantenhaus zu tun hat, in dem seine Republikaner die Mehrheit verloren haben. Es wirkt aber so, als habe er die Konsequenzen der Wahlniederlage noch gar nicht begriffen. 

Wenn eine ganze Partei für sich befindet, dass das für die Erde bedeutsamste Faktum gar keines ist, dann ist alles möglich.
Ben Rhodes

ZEIT ONLINE: Vor einigen Tagen erklärte er in einer Rede in der texanischen Grenzstadt El Paso Statistiken als falsch, die zeigen, dass die Kriminalität dort vor und nach dem Bau einer Grenzbefestigung unverändert niedrig ist. Wie lässt sich angesichts der totalen Leugnung von Fakten überhaupt politisch diskutieren?

Rhodes: Das ist die größte Bedrohung der amerikanischen Demokratie – ein von Fakten befreiter Diskurs. Das betrifft allerdings nicht nur Trump, sondern die republikanische Partei an sich. Obama hat mal zu mir gesagt, und das war vor Trumps Wahl: Der Moment, als die Republikaner kollektiv beschlossen haben, die Existenz des Klimawandels zu leugnen, war der Beginn des Prozesses, der zu Donald Trump führte. Wenn eine ganze Partei für sich befindet, dass das für die Erde bedeutsamste Faktum gar keines ist, dann ist alles möglich.

ZEIT ONLINE: Wie geht man damit als politischer Gegner um?

Rhodes: Man darf sich schon mal nicht auf ein Hin und Her mit Trump zu dessen Bedingungen einlassen. Er will einen dazu zwingen, über das zu sprechen, worüber er sprechen will. Die demokratische Partei ist damit vor den Zwischenwahlen richtig umgegangen. Trump sprach über diese vermeintlichen "caravans" von Geflüchteten, die sich von Süden den USA näherten und in die sich angeblich lauter Kriminelle und Terroristen gemischt hatten. Die Demokraten ignorierten ihn und sprachen stattdessen über das Gesundheitssystem in den USA. So haben sie die Wahlen gewonnen.