Auch die Absichtserklärungen des Westens in diesem Handelskrieg sind inkohärent. © Yu Fangping/​SIPA Asia via ZUMA Wire/​dpa, Si Wei/​XinHua/​dpa

Die zweite Grundüberzeugung geht aus dem oben erwähnten "Deal" zwischen Regierung und Bevölkerung hervor und lautet: Die gegenwärtige zentralisierte Machtordnung in China ist für das chinesische Volk das Beste – und alles, was sie schwächt, geht auf Destabilisierungsversuche des Westens zurück. Das Wirtschaftswunder der vergangenen Jahrzehnte und die Regierungspropaganda haben unter den Chinesinnen und Chinesen zu großem Vertrauen in das herrschende System geführt, bei Mitgliedern der Wirtschaftselite genauso wie bei denen der Arbeiterklasse. Sogar in der Privatwirtschaft, wo man sich oft über die ungerechte Bevorzugung der Staatsbetriebe beklagt, werden staatliche Subventionen positiv bewertet.

Beim Thema der chinesischen Industriesubventionen wird es am schwierigsten sein, eine Übereinkunft zwischen China und den USA zu erzielen. Es ist klar, dass die chinesische Regierung ihre dominante Rolle in der eigenen Wirtschaft nicht aufgeben wird, das wäre Selbstmord für das Regime. Viele Chinesen sind überzeugt, dass auch die US-Regierung viele Branchen stark subventioniert; sie halten die Forderung an die chinesische Regierung, ihre Subventionen zu streichen, für reine Heuchelei. Aber der Kern des Konflikts bleibt die Konkurrenz zweier Wirtschaftsmodelle. Auf der einen Seite steht "demokratische Regierung + freie Marktwirtschaft + Rechtsstaatlichkeit", auf der anderen "autoritäre Regierung + eingeschränkte Marktwirtschaft + bedingte Rechtsstaatlichkeit".

Die dritte Grundüberzeugung ist weiter hergeholt, zum besseren Verständnis des chinesischen Denkens dabei aber genauso wichtig. Sie lautet: Der Westen hat China seiner Vormachtstellung in der Welt beraubt, deshalb müssen China jetzt ein paar Abkürzungen und drastische Maßnahmen erlaubt sein, um doch noch Sieger zu sein. Hier führt das Gefühl der Demütigung eines uralten Weltreichs, das vor mehr als einem Jahrhundert vom Westen kolonisiert wurde, zu dem Schluss, dass die Verletzung von Abkommen mit der Welthandelsorganisation und sogar der Diebstahl geistigen Eigentums für China schlichtweg notwendig sind, um in einem Spiel mit gezinkten Karten gewinnen zu können. Auch unter den Chinesinnen und Chinesen ist dieses Argument sehr umstritten; man wird es eher in privaten Gesprächen untereinander hören. Und es ist bei den weniger Gebildeten und den Angehörigen von Randgruppen weiter verbreitet, die stärker unter den Gesetzen des Urwalds leiden und weniger Zugang zu den globalisierten Märkten und deren Regularien haben.

Was die Welt längst überwunden glaubte

Ein Westler, der sich mit Chinesen zum Abendessen an einen Tisch setzt und sich all diesen Fragen und Provokationen ausgesetzt sieht, wird keinen leichten Stand haben. Es wird nicht einfach sein, die laufenden Attacken gegen Huawei kohärent zu begründen, besonders für Europäer, die der Vormacht der USA kritisch gegenüberstehen. In den Angriffen auf einen der größten globalen Telekommunikationsausrüster kommen Elemente eines Kalten Krieges zum Vorschein, den die Welt lange überwunden geglaubt hat.

Wer gegenüber seinen chinesischen Gesprächspartnern besonders ehrlich sein möchte, wird vermutlich sagen: Huawei wird nicht nur wegen Wirtschaftsspionage und der Verletzung von durch die USA unilateral verhängten Sanktionen als Problem betrachtet, sondern weil hinter diesem einflussreichen Technologiekonzern eine autoritäre Regierung mit einem Hang zum Totalitarismus steht. Diese Regierung kann viel von Huawei fordern, und anders als in den USA, wo Facebook die Herausgabe persönlicher Nutzerdaten an die dortige Regierung verweigern kann, würde es Huawei nie einfallen, sich der chinesischen Regierung zu widersetzen.

Die Smartphones von Huawei erlauben es ihren chinesischen Nutzern selbst auf Auslandsreisen nicht, Apps aus dem Google Play Store zu installieren. Chinesinnen und Chinesen entkommen der heimischen Nachrichtenzensur nirgendwo. Wer könnte da garantieren, dass Huawei als Netzausrüster im Westen kein Sicherheitsrisiko wird und den freien Informationsfluss gefährdet? Niemand. Nachdem Bill Clinton die Möglichkeiten Chinas, das Internet zu kontrollieren, so überheblich unterschätzt hat, kann der Westen sich kein übertriebenes Selbstvertrauen mehr leisten.

Ein Weg der Reife

"Da haben wir nun einen Punkt erreicht, an dem eine nationalistische US-Regierung, deutsche Verfechter des Freihandels und ein bedeutender Vertreter liberalen Gedankenguts sich alle einig sind: China ist kein Freund. Im besten Fall ist China ein mit Vorsicht zu genießender Partner, im schlimmsten eine feindliche Macht", so Martin Wolf am 29. Januar in der Financial Times. Gleichzeitig warnt Wolf eindringlich davor, die Konfrontation weiter zu verschärfen. "Letztlich könnte pauschale Feindseligkeit China gegenüber viel zerstörerischer sein, als der Kalte Krieg es war. Vor allem deshalb: Wenn das chinesische Volk zu dem Schluss käme, dass der Westen das Ziel verfolgt, ihnen die Freuden eines schöneren Lebens zu nehmen, würde seine Feindseligkeit kein Ende kennen."

Das trifft es genau. Aber die Lösung könnte auch darin liegen, China nicht ausschließlich als Freund oder Feind zu sehen, sondern, wie Martin Wolf zu Recht vorgeschlagen hat, "Komplexität zu akzeptieren" und einen "Weg der Reife" einzuschlagen. Wer seinen chinesischen Freundinnen und Freunden die Besorgnis des Westens begreiflich machen will, muss über die Inkohärenz der westlichen Absichtserklärungen in diesem Handelskrieg sprechen. Und wirklich ehrlich sagen, was für eine Art Gesellschaft sie oder er sich für die kommenden Generationen auf diesem Planeten wünscht.

Aus dem Englischen von Jakob Klagen