Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Die Hochhäuser ragen in den Himmel wie die stumpfen Stacheln eines versteinerten Igels. In der Lockhart Road, wo alte, biertrinkende, weiße Männer in Bars mit jungen, cocktailtrinkenden, asiatischen Prostituierten und Escort-Damen tändeln, wabert der gewohnte süßsäuerliche Fäulnisgeruch. Geschäftsmänner steigen in ihre Teslas ein, Geschäftsmänner steigen aus ihren Teslas aus. Auf den Märkten zappelt Meeresgetier in flachen Becken seinem kulinarischen Ende entgegen, und in den Boutiquen boomt das Luxusshopping.

Dieser Artikel stammt aus der Februar-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

Am Wochenende treffen sich in den Parks die immer noch in prekärer rechtlicher und finanzieller Lage darbenden "domestic helpers" von den Philippinen, aus Malaysia, Indonesien, während ihre Arbeitgeber im Happy Valley Pferderennen verfolgen. In den Häuserschluchten, zwischen den Leuchtreklamen und den Imbissbuden, begegnet man weiterhin jenen älteren Frauen, die mit Handkarren im Gewimmel umhermanövrieren; die Blicke starr, die Rücken krumm, der Gang eine unverwechselbare Mischung aus Tippeln und Schlurfen. Und doch ist etwas anders im Hongkong des Jahres 2018. Ein Narrativ kursiert in der Sonderverwaltungszone, wird unablässig wiederholt und weitergegeben. Bei Tischgesprächen in den Cafés. In den Medien. Unter Studierenden an Hochschulen. Auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken. Es lautet: It's over

"Mainlandization"

In einem Restaurant bei North Point entspinnt sich im Januar 2018 ein spontanes Gespräch mit einem Geschäftsmann aus der Finanzbranche. Er ist Anfang vierzig, wacher Blick, ausgezeichnetes Englisch, Familienvater, seit dreizehn Jahren im Business und dies augenscheinlich sehr erfolgreich. Hongkong sei jahrzehntelang ein Leuchtturm in der Region gewesen, erzählt er, während er sich seine Steamed Pork Dumplings munden lässt. Nicht nur als Labor der Finanzindustrie. Sondern auch als Hort einer eigenständigen, hybriden Gesellschaft, die weder chinesisch noch westlich im engeren Sinne sei. Seit ein paar Jahren sehe er jedoch schwarz für sie: "Hongkong ist im Niedergang." Der ehemaligen britischen Kronkolonie war 1997 bei der Rückgabe an die Volksrepublik China bis zum Jahr 2047 weitreichende Autonomie zugestanden worden. Das Motto lautete: "Ein Land, zwei Systeme". Dessen ungeachtet greift die Kommunistische Partei der Volksrepublik unter Staatspräsident Xi Jinping immer stärker, immer unverhohlener in Politik, Wirtschaft, Bildung und Justiz Hongkongs ein.

Die düstere Schilderung des Geschäftsmanns steht in merkwürdigem Kontrast zu seiner guten Laune. Hongkong, fährt er kauend und lächelnd fort, zehre von den Errungenschaften der Vergangenheit. Ihm selbst gehe es zwar gut, er verdiene prächtig, besitze ein paar Immobilien, die Kinder gingen auf Privatschulen. Doch die allgemeinen Aussichten seien düster. Die nach Hongkong strömenden Chinesen vom Festland seien aggressiver, die kommunistischen Kader trickreicher, strategischer, skrupelloser, härter, besser geschult für brutalen Wettbewerb. Hongkongs Bevölkerung sei zu soft. Nicht zuletzt gebreche es ihr am militärischen Training – für Bürger Hongkongs besteht keine Wehrpflicht. Und während in der Volksrepublik laufend existentielle Konflikte bewältigt werden müssten, habe Hongkong als prosperierende Sonderverwaltungszone das Privileg gehabt, sich einigermaßen ungestört aufs Ökonomische konzentrieren zu können. "Bei uns ging es viel zu lange nur ums Geldmachen; sich politisch oder kulturell zu engagieren liegt den meisten Bewohnern fern."

Diese Konzentration wiege doppelt schwer, weil Hongkong innerhalb des ökonomischen Sektors einseitig auf Finanzen und Immobilien fokussiere. Man müsse sich wirtschaftlich diversifizieren – etwa im Hightechbereich. "Doch mit was zahlen wir hier? Mit der alten Octopus Card. In China zahlt man bereits überall mit dem Smartphone." Im selben Atemzug beklagt er die lückenlose Überwachung in China, ob im Internet oder mit Gesichtsscannern im öffentlichen Raum: "Die Partei sitzt fest im Sattel, und die neuen Technologien verstärken ihre Macht. Früher hätte jemand heimlich eine Untergrundarmee aufbauen können. Aber heute? Unmöglich. Die sehen alles."

Signifikante Teile der Hongkonger Industrie sind längst in die Volksrepublik abgewandert. Das kommunistische Regime setzt vor allem auf das angrenzende Shenzhen, um Hongkong zu schwächen. In der komplett videoüberwachten Megastadt entsteht ein riesiger Hafen, der Hongkong um seine Führungsrolle als globaler Warenumschlagplatz bringen soll. Hinzu kommt ein Finanzdistrikt als Konkurrenz zu Hongkongs Kerngeschäft. 2018 wurde eine Schnellbahntrasse zwischen Shenzhen und Kowloon eröffnet – damit sind erstmals Behörden der Volksrepublik auf dem Territorium Hongkongs tätig. In der West Kowloon Station dürfen chinesische Polizisten sogar Festnahmen durchführen.

Da wirkt es fast wie eine verzweifelte Reaktion auf den eigenen Kontrollverlust, dass 2019 im West Kowloon Cultural District mit dem M+ eines der größten Museen der Welt eröffnen soll – als müsse die Kunst kompensieren, was Politik und Wirtschaft verlieren. Manche unken, das M+ werde wie ein Ufo in der Kunst- und Kulturwüste Hongkongs landen. Deren Bewohner seien allenfalls mit Business Art vertraut.

Dass die Sonderverwaltungszone seit jeher eine kulturfreie Zone gewesen sei, will die junge Kunsthistorikerin Michelle Wong so nicht stehen lassen. Ich treffe sie im Valiant Industrial Center draußen in den New Territories, dem nördlichsten, historisch jüngsten Teil Hongkongs. Hier ist die Stadt rauer und derber, der Flair des Postindustriellen weniger stark als auf Hongkong Island. In einem der schlecht gealterten, stets etwas schäbig wirkenden Betonkübel mit ihren typischen Fassadenkrakelees aus Klimaanlagen, Fallrohren und Feuerleitern hat Wongs Arbeitgeber, die Hongkonger Nonprofit-Organisation Asian Art Archive, Räume angemietet. Beim Betreten des Centers bemerke ich ein kleines, ausgeblichenes Bild an der Wand – irgendwer hat eine Reproduktion von Pierre-Auguste Renoirs impressionistischem Gemälde Bal du moulin de la Galette (1876) mit einer Heftzwecke in den unwirtlichen kalten Gang gepinnt.