Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Die Hochhäuser ragen in den Himmel wie die stumpfen Stacheln eines versteinerten Igels. In der Lockhart Road, wo alte, biertrinkende, weiße Männer in Bars mit jungen, cocktailtrinkenden, asiatischen Prostituierten und Escort-Damen tändeln, wabert der gewohnte süßsäuerliche Fäulnisgeruch. Geschäftsmänner steigen in ihre Teslas ein, Geschäftsmänner steigen aus ihren Teslas aus. Auf den Märkten zappelt Meeresgetier in flachen Becken seinem kulinarischen Ende entgegen, und in den Boutiquen boomt das Luxusshopping.

Dieser Artikel stammt aus der Februar-Ausgabe des "Merkur". © Klett-Cotta

Am Wochenende treffen sich in den Parks die immer noch in prekärer rechtlicher und finanzieller Lage darbenden "domestic helpers" von den Philippinen, aus Malaysia, Indonesien, während ihre Arbeitgeber im Happy Valley Pferderennen verfolgen. In den Häuserschluchten, zwischen den Leuchtreklamen und den Imbissbuden, begegnet man weiterhin jenen älteren Frauen, die mit Handkarren im Gewimmel umhermanövrieren; die Blicke starr, die Rücken krumm, der Gang eine unverwechselbare Mischung aus Tippeln und Schlurfen. Und doch ist etwas anders im Hongkong des Jahres 2018. Ein Narrativ kursiert in der Sonderverwaltungszone, wird unablässig wiederholt und weitergegeben. Bei Tischgesprächen in den Cafés. In den Medien. Unter Studierenden an Hochschulen. Auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken. Es lautet: It's over

"Mainlandization"

In einem Restaurant bei North Point entspinnt sich im Januar 2018 ein spontanes Gespräch mit einem Geschäftsmann aus der Finanzbranche. Er ist Anfang vierzig, wacher Blick, ausgezeichnetes Englisch, Familienvater, seit dreizehn Jahren im Business und dies augenscheinlich sehr erfolgreich. Hongkong sei jahrzehntelang ein Leuchtturm in der Region gewesen, erzählt er, während er sich seine Steamed Pork Dumplings munden lässt. Nicht nur als Labor der Finanzindustrie. Sondern auch als Hort einer eigenständigen, hybriden Gesellschaft, die weder chinesisch noch westlich im engeren Sinne sei. Seit ein paar Jahren sehe er jedoch schwarz für sie: "Hongkong ist im Niedergang." Der ehemaligen britischen Kronkolonie war 1997 bei der Rückgabe an die Volksrepublik China bis zum Jahr 2047 weitreichende Autonomie zugestanden worden. Das Motto lautete: "Ein Land, zwei Systeme". Dessen ungeachtet greift die Kommunistische Partei der Volksrepublik unter Staatspräsident Xi Jinping immer stärker, immer unverhohlener in Politik, Wirtschaft, Bildung und Justiz Hongkongs ein.

Die düstere Schilderung des Geschäftsmanns steht in merkwürdigem Kontrast zu seiner guten Laune. Hongkong, fährt er kauend und lächelnd fort, zehre von den Errungenschaften der Vergangenheit. Ihm selbst gehe es zwar gut, er verdiene prächtig, besitze ein paar Immobilien, die Kinder gingen auf Privatschulen. Doch die allgemeinen Aussichten seien düster. Die nach Hongkong strömenden Chinesen vom Festland seien aggressiver, die kommunistischen Kader trickreicher, strategischer, skrupelloser, härter, besser geschult für brutalen Wettbewerb. Hongkongs Bevölkerung sei zu soft. Nicht zuletzt gebreche es ihr am militärischen Training – für Bürger Hongkongs besteht keine Wehrpflicht. Und während in der Volksrepublik laufend existentielle Konflikte bewältigt werden müssten, habe Hongkong als prosperierende Sonderverwaltungszone das Privileg gehabt, sich einigermaßen ungestört aufs Ökonomische konzentrieren zu können. "Bei uns ging es viel zu lange nur ums Geldmachen; sich politisch oder kulturell zu engagieren liegt den meisten Bewohnern fern."

Diese Konzentration wiege doppelt schwer, weil Hongkong innerhalb des ökonomischen Sektors einseitig auf Finanzen und Immobilien fokussiere. Man müsse sich wirtschaftlich diversifizieren – etwa im Hightechbereich. "Doch mit was zahlen wir hier? Mit der alten Octopus Card. In China zahlt man bereits überall mit dem Smartphone." Im selben Atemzug beklagt er die lückenlose Überwachung in China, ob im Internet oder mit Gesichtsscannern im öffentlichen Raum: "Die Partei sitzt fest im Sattel, und die neuen Technologien verstärken ihre Macht. Früher hätte jemand heimlich eine Untergrundarmee aufbauen können. Aber heute? Unmöglich. Die sehen alles."

Signifikante Teile der Hongkonger Industrie sind längst in die Volksrepublik abgewandert. Das kommunistische Regime setzt vor allem auf das angrenzende Shenzhen, um Hongkong zu schwächen. In der komplett videoüberwachten Megastadt entsteht ein riesiger Hafen, der Hongkong um seine Führungsrolle als globaler Warenumschlagplatz bringen soll. Hinzu kommt ein Finanzdistrikt als Konkurrenz zu Hongkongs Kerngeschäft. 2018 wurde eine Schnellbahntrasse zwischen Shenzhen und Kowloon eröffnet – damit sind erstmals Behörden der Volksrepublik auf dem Territorium Hongkongs tätig. In der West Kowloon Station dürfen chinesische Polizisten sogar Festnahmen durchführen.

Da wirkt es fast wie eine verzweifelte Reaktion auf den eigenen Kontrollverlust, dass 2019 im West Kowloon Cultural District mit dem M+ eines der größten Museen der Welt eröffnen soll – als müsse die Kunst kompensieren, was Politik und Wirtschaft verlieren. Manche unken, das M+ werde wie ein Ufo in der Kunst- und Kulturwüste Hongkongs landen. Deren Bewohner seien allenfalls mit Business Art vertraut.

Dass die Sonderverwaltungszone seit jeher eine kulturfreie Zone gewesen sei, will die junge Kunsthistorikerin Michelle Wong so nicht stehen lassen. Ich treffe sie im Valiant Industrial Center draußen in den New Territories, dem nördlichsten, historisch jüngsten Teil Hongkongs. Hier ist die Stadt rauer und derber, der Flair des Postindustriellen weniger stark als auf Hongkong Island. In einem der schlecht gealterten, stets etwas schäbig wirkenden Betonkübel mit ihren typischen Fassadenkrakelees aus Klimaanlagen, Fallrohren und Feuerleitern hat Wongs Arbeitgeber, die Hongkonger Nonprofit-Organisation Asian Art Archive, Räume angemietet. Beim Betreten des Centers bemerke ich ein kleines, ausgeblichenes Bild an der Wand – irgendwer hat eine Reproduktion von Pierre-Auguste Renoirs impressionistischem Gemälde Bal du moulin de la Galette (1876) mit einer Heftzwecke in den unwirtlichen kalten Gang gepinnt.

"Man sieht nur, was man weiß"

Michelle Wong, die in den Vereinigten Staaten studiert hat und seit geraumer Zeit wieder in Hongkong lebt, zieht ein Notizbuch aus einem Schrank. Es stammt aus dem Nachlass des autodidaktischen Hongkonger Künstlers Ha Bik Chuen, dessen Nachlass Wong unter archivtheoretischen Gesichtspunkten erforscht. Der 1925 geborene und 2009 gestorbene Künstler betrieb in Hongkong eine Fabrik für Plastikblumen und betätigte sich parallel als experimenteller Grafiker, Bildhauer und Fotograf. Seine Sammelobsession – unter anderem trug er zahllose Zeitschriften und Bücher zusammen, die er humorvoll sezierte und collagierte – passt ins derzeit modische Raster der Outsider Art, wohingegen seine Museums- und Galerieausstellungen im ostasiatischen Raum für eine konventionelle Kunstkarriere sprechen. Wong nennt den in der Forschung lange marginalisierten Künstler als Beispiel für das Prinzip "man sieht nur, was man weiß".

Solange man Hongkong nur als Finanzplatz und Schaltzentrale des globalisierten Kapitalismus wahrnahm, gerieten die hiesigen Kulturschaffenden aus dem Blick. Nun, da Hongkong, folgt man dem It's-Over-Narrativ, auf dem absteigenden Ast ist, rücken sie stärker ins Bewusstsein. So profitieren Kunst und Kultur ungewollt, zumindest kurzfristig, von der mutmaßlichen Verwandlung der "city in the world" in eine "city within China". Weitere Kunst- und Kulturwissenschaftler in Hongkong, mit denen ich in den letzten Jahren sprach, berichteten mir Ähnliches. Nicht nur die Aussicht, dass die Stadt in der Volksrepublik China aufgehen dürfte, sondern auch die sich verschlechternde Lebensqualität für weite Teile der Bevölkerung tragen aus ihrer Sicht zur wachsenden Bedeutung von Kunst und Kultur bei. Wie in vielen Teilen der Welt werden in Hongkong die Einkommensunterschiede immer größer. Vor allem junge Menschen finden keine bezahlbaren Wohnungen. War es in der Vergangenheit noch möglich, durch harte Arbeit den sozialen Aufstieg zu schaffen und sich ein Eigenheim in der Stadt zu kaufen, ist das mittlerweile vorbei – die Parallelen zur Situation in den USA sind offensichtlich. Wenn aber sowieso keine realistische Aussicht auf Aufstieg besteht, denken sich die Menschen: Na gut, dann kann ich mich auch etwas widmen, das mir Spaß macht – zum Beispiel Kunst!

Das Krokodil schnappt zu

Die Geschwindigkeit, mit der die Volksrepublik China in Hongkong Fakten schafft, zeugt nicht nur von der Entschlossenheit der Kommunistischen Partei, sondern auch, vielleicht mehr noch, von der Selbstverzwergung des Westens. Auf mehr als symbolischen Beistand aus den zunehmend um sich selbst kreisenden Vereinigten Staaten von Amerika, der bröseligen Europäischen Union oder dem im ungeordneten Rückzug befindlichen Vereinigten Königreich kann das liberal-demokratische, prowestliche Lager in Hongkong nicht zählen. Zu viele Länder, westliche wie nicht westliche, sind mittlerweile von der Volksrepublik China ökonomisch abhängig. Der Deal ist: Wirtschaftsinvestitionen im Tausch gegen Billigung oder Unterstützung der geopolitischen Strategie Chinas.

Während der Westen zu tagespolitischer Kurzatmigkeit, symbolpolitischen Maßnahmen und notorischer Nabelschau neigt, agiert China mit strategischer Weitsicht und nüchternem, hartem Kalkül. Am 12. Mai 2018 stellte die in China zensierte Internetzeitung Hong Kong Free Press verbittert fest: "Die beklagenswerte Lage Hongkongs vor Augen, kamen Großbritannien und die EU unlängst beide zu dem Schluss, dass es mit der Politik "Ein Land, zwei Systeme" alles in allem doch recht gut laufe [...]. Angesicht ihres Wissens um die Einmischung ist das einfach nur jämmerlich. Die Einverleibung Hongkongs vollzieht sich heute ja nicht etwa im Geheimen, sondern ganz offen, vor den Augen einer Welt, die sich absichtlich blind stellt."

2015 feierte der dystopische, in der Volksrepublik zensierte Low-Budget-Film Ten Years einen Überraschungserfolg in Hongkong. Der auf postpolitische und postheroische Zeitgenossen vielleicht dramatisch überzeichnet wirkende, zumal von gefühliger Musik begleitete Streifen versetzt die Zuschauer in das Hongkong des Jahres 2025. Vermittels autoritärer Sprachpolitik werden da Konflikte zwischen Mandarin sprechenden Festland-Chinesen und Kantonesisch sprechenden Hongkongern geschürt, erfahren Hongkonger Geschäftsleute Diskriminierung, stirbt ein inhaftierter Hongkonger Unabhängigkeitsaktivist im Hungerstreik, setzt die Volksrepublik ihre Armee gegen die Stadtbevölkerung ein. In einer Szene fällt der Satz: "Auyeung [der Unabhängigkeitsaktivist] said the reason why Hong Kong does not have democracy is because no one has died yet." Als eine alte Frau, die bereits die Kulturrevolution und das Tian'anmen-Massaker miterlebt hat, sich vor der britischen Botschaft Hongkongs selbst verbrennt, schwenkt die Kamera auf ihre Gehhilfe: einen Regenschirm, der von den Flammen zerstört wird.

Im Restaurant bei North Point bestellt der immer noch gut gelaunte Geschäftsmann derweil eine Dose Coca-Cola. Seine Prognose lautet: In naher Zukunft werde Hongkong in der angrenzenden chinesischen Provinz Guangdong aufgehen. China mache es geschickt, nickt er anerkennend. Das Regime habe sich langsam vorgeschoben, nun schnappe es zu wie ein Krokodil. Chinesische Investoren hätten zuerst Medien aufgekauft und Politiker durch Gefälligkeiten gefügig gemacht, Parteikader hätten ihre Kinder gezielt zum Studium nach Hongkong geschickt. Nach einigen Jahren Aufenthalt erhielten diese das Bleiberecht, dann werde die Familie nachgeholt. Deshalb, und nicht weil Hongkong als Wirtschaftsstandort noch so attraktiv sei, wüchse die Bevölkerungszahl: "Die Chinesen vom Festland treiben die Zahlen nach oben." Die anfänglich schleichende und gerade deshalb so wirksame "Mainlandisierung" Hongkongs, die der Geschäftsmann beschreibt, entspricht strukturell der unterstellten Islamisierung Frankreichs, wie sie sich Michel Houellebecq in seinem kontrovers diskutierten Roman Unterwerfung (2015) ausmalte. Nicht als einen plötzlichen Einbruch des "Anderen" oder gar als heroische Entscheidungsschlacht, sondern als vielgliedrige Kette kleiner Veränderungen, die sich immer enger um das gefühlte oder faktische "Eigene" windet, bis dieses kaum noch zur Gegenwehr fähig ist.

"Keep Calm and Carry On"

Während der Geschäftsmann den Umbruch kritisch analysiert, aber letztlich tatenlos hinnimmt, formiert sich anderswo aktiver Widerstand. 2011 gründeten Hongkonger Schüler die Vereinigung Scholarism, um gegen die Einführung des der Gehirnwäsche verdächtigten Schulfachs "Moralische und nationale Erziehung" zu protestieren. Drei Jahre später legten die Demonstranten der sogenannten Regenschirm-Bewegung – auf sie spielt die Szene mit der alten Frau in Ten Years an –, das Zentrum Hongkongs mehrere Monate lang lahm. "Occupy Central" lautete die Devise der meist jungen, aber auch von älteren Hongkongern ideell und materiell unterstützten Aktivisten. Inspiriert wurden sie durch das 2011 entstandene Occupy-Movement Nordamerikas und die taiwanesische Sonnenblumen-Bewegung, die 2014 das Parlament in Taipeh besetzte, die liberaldemokratischen Kräfte stärkte und die politische Landschaft Taiwans nachhaltig veränderte.

Comicfiguren zu Regenschirmträgern umfunktioniert

Die Hongkonger Regenschirm-Aktivisten wehrten sich unter anderem gegen ein Gesetz, demzufolge die Bewohner Hongkongs ihre Regierung nicht frei, sondern nur aus einem von Peking kontrollierten Pool von Kandidaten wählen können. Wer 2014 in Hongkong weilte, erlebte eine utopisch, nachgerade traumartig anmutende Szenerie. Eine mehrspurige Straße mitten in der Millionenstadt hatte sich in einen Flickenteppich von Zelten, Bühnen und Ständen verwandelt. Eine flirrende Protestästhetik zwischen Pop Art, Comickultur, Achtundsechziger- und Flowerpower-Reminiszenzen war entstanden. Zitate von John Lennon und Yoko Ono, Václav Havel oder Edmund Burke waren allgegenwärtig. Jemand hatte der Marianne in Eugène Delacroix' Die Freiheit führt das Volk einen Regenschirm in die Hand gedrückt, andere hatten Comicfiguren zu Regenschirmträgern umfunktioniert. An der John-Lennon-Wall direkt am Central Government Complex klebten Tausende Zettel: "It's an ordinary miracle", "China Out", "Let Love Win", "Nothing More Important Than Freedom", "Never Give Up". Sogar ein "Wir sind das Volk" hatte sich daruntergemischt. Die Protestierenden lebten teils wochenlang in ihren Zelten, auf die sie Sätze wie "if we lose this battle, we lose our dignity" oder "please note that 'I was just following my superior's orders' is not a valid excuse, according to the Nuremberg Principles" geschrieben hatten. Von kleineren Zwischenfällen abgesehen demonstrierten sie gewaltfrei. Abends sah man Schüler und Studierende an improvisierten Tischen sitzen, wo sie Rechenaufgaben lösten und Aufsätze verfassten. Wenn sie zu Bett gingen, pflegten sie ihre Schuhe ordentlich nebeneinander vor den Zelteingang zu stellen. Wie ein Rhizom wucherte das Occupy-Camp über den Asphalt.

Der Philosoph Michael Marder schrieb 2012 in einem Beitrag für das Peace Studies Journal: "Im Großen und Ganzen beruht die Politik der Occupy-Bewegung auf einer Politik des Raums, nicht der Zeit. Sie wächst, indem sie sich an unterschiedlichen Orten auf der Welt reproduziert, aber sie bildet dabei kein Programm aus, das ihr eine feste Identität verliehe [...]. Die Politik des Raums, die darauf beruht, dass Körper, die der Witterung ausgesetzt sind (Zelte sind ein recht armseliger Schutz gegen Regen und Kälte), einen Ort vereinnahmen, und die durch dieses Ausgesetztsein zunehmende Sichtbarkeit gewinnt, haben wir, so würde ich behaupten, dem Leben der Pflanzen abgeschaut. Im westlichen Denken stehen Pflanzen für Gewaltlosigkeit, sie sind lebende Sinnbilder des Friedens, Wesen, die keinen Widerstand leisten, vollständig eingefügt in den Ort, an dem sie wachsen, und das bis zu dem Punkt, wo sie eins werden mit ihrer Umgebung." Wenn man so will, konkretisierte sich Marders Forderung "Resist like a Plant!" nicht nur im Stadtraum Hongkongs, sondern auch in der Losung der Regenschirm-Bewegung: "Keep Calm and Carry On".

Die Realität der Macht

Allein, die "Plant Resistance" führte nicht zum gewünschten Erfolg. Der Protest politisierte zwar insbesondere die junge Bevölkerung und zeigte der Welt ein anderes Hongkong als das des Finanzkapitalismus. Er blieb aber ohne direkte politische Folgen im Sinne des prodemokratischen Lagers oder derjenigen, die gar die Unabhängigkeit Hongkongs von China fordern. Für die Kommunistische Partei waren die Unruhen ein willkommener Vorwand, um die Schlinge weiter zuzuziehen. Die Regenschirm-Bewegung verursache Chaos, sei widerrechtlich, spalte China, sei vom Westen gesteuert, sei letztlich antichinesisch, so die Vorwürfe. Einige der Aktivisten landeten sogar im Gefängnis, derzeit laufen neue Prozesse gegen sie. Auch Joshua Wong, der in Hongkong wie auch im Ausland wohl bekannteste Vertreter der Aktivisten, ist unter den Angeklagten. Im Jahr 2014 hob ihn das Time Magazine aufs Cover und erklärte ihn zum "Face of Protest".

Als wolle er den Vorwurf bestätigen, er sei ein Adept des Westens, wählt Wong als Treffpunkt im Januar 2018 das Hongkonger Hipster-Café The Coffee Academics im Stadtteil Wan Chai. Hier verkehren pro-demokratische Studenten, liberale Geschäftsleute, urbane Kosmopoliten, Expats und WLAN suchende Touristen aus allen Weltgegenden. Wong ist eben erst auf Bewährung aus dem Gefängnis freigekommen. 

Der Einundzwanzigjährige wirkt gefasst und souverän, doch er berichtet von Misshandlungen durch die Behörden: "Man zwang mich, mich auszuziehen und in die Hocke zu gehen. Dann musste ich Fragen beantworten – nackt, in der Hocke. Ich wurde behandelt wie ein Hund, nicht wie ein Mensch." Für den Gesprächspartner ist der Bericht nicht überprüfbar. Fest steht, dass Wong aus chinesischer Sicht ein Staatsfeind ist und dass die Hongkonger Regierung, anders als die derzeit regierende Demokratische Fortschrittspartei in Taiwan, die Annäherung an China sucht. Manche würden sagen: Sie erkennt die realen Machtverhältnisse an und fügt sich ihnen. Wong, der aus einer christlichen Familie stammt und liberaldemokratische Werte vertritt, hat seine kämpferische Haltung nicht aufgegeben: "Wir sind erschöpft, aber wir machen weiter."

Wirkt er auch gelassen und formuliert seine Sätze mit Bedacht wie ein Berufspolitiker, so lässt er doch keine Zweifel aufkommen: "Als Aktivisten müssen wir bereit sein, Opfer zu bringen, uns selbst zu opfern. Seitdem ich die Regenschirm-Proteste mitorganisiert habe, habe ich damit gerechnet, ins Gefängnis gesteckt zu werden. Das ist der Preis, den ich zahlen muss." Dabei gehe es ihm nur um eine Selbstverständlichkeit, betont er immer wieder – um nichts weiter als um freie Wahlen: "Die Sache ist eigentlich einfach: für die Demokratie oder gegen sie. In Hongkong sollte, wie für andere Länder auch, gelten: Herrschaft des Gesetzes, freie Wahlen, Dialog." Wie der Geschäftsmann von North Point betont Wong das raffinierte Vorgehen Chinas: "Die Zensur in Hongkong ist nicht offen. Vielmehr besteht die Taktik Chinas darin, demokratische und liberale Medien aufzukaufen und sie auf Loyalität gegenüber Peking einzuschwören. Das kann beispielsweise bedeuten, dass über bestimmte kontroverse Themen seltener oder gar nicht mehr berichtet wird. Oder nehmen wir die Richter in meinem Prozess. Ich würde sagen, dass sie eine klare politische Haltung vertreten – sie sind gegen die Occupy-Bewegung. Wie kann ich aber ein faires Urteil erwarten, wenn die Richter politisch voreingenommen sind?"

Zwar ist das realpolitische Scheitern Wongs und seiner Mitstreiter von der 2016 aus Scholarism hervorgegangenen Partei Demosisto mittlerweile wohl unausweichlich, nicht zuletzt, weil die Aktivisten sich in ein moderates und ein radikales Lager gespalten haben, was sie schwächt und gegeneinander ausspielbar macht. Doch Michelle Wong, die sich ebenfalls in der Regenschirm-Bewegung engagiert hatte, betont, dass die spektakulären Proteste auch subtilere Folgen hätten: "Die Regenschirm-Bewegung ist in die Prozesse des Alltags ein- und übergegangen. Sie hat die Weise verändert, wie Hongkonger die Welt sehen, und sie hat dazu geführt, dass mehr junge Leute in politische Ämter gewählt werden. Die Bewegung ist also immer noch da. Aber sie ist nicht mehr so offensichtlich." Um in Marders Bild der Pflanze zu bleiben: Der Protest hat sich von den weithin sichtbaren Blüten und Blättern auf die unter der Erde verborgenen Wurzeln verlagert. Michelle Wong erwähnt denn auch Regenschirm-Künstler, die sich aus der Stadt zurückgezogen hätten und nun im Hinterland eine Farm betrieben. Dort fühlen sie sich zumindest ein Stückchen weiter entfernt vom langen Arm Chinas.

Self-Fulfilling Prophecy

Eben aus der Volksrepublik zurückgekehrt ist Vivienne Chow. Der Kunst- und Kulturjournalistin steckt eine bis in die frühen Morgenstunden dauernde Vernissage noch sichtlich in den Knochen. Widerstrebend setzt sie die Sonnenbrille ab und blinzelt müde ins Januarlicht. Wie Joshua Wong hat sie ein Café in Wan Chai als Treffpunkt ausgewählt und lässt sich erst mal ein starkes Heißgetränk aufbrühen. Chow wurde in einer traditionalistischen Familie auf einer kleinen Fischerinsel in den New Territories geboren. Bei den Behörden ist sie als "original inhabitant" registriert, ihre Familie lebt schon seit Jahrhunderten auf den Inseln um Hongkong Island. Die britischen Kolonialherren hatten den Inselbewohnern erbliche Besitzansprüche auf ihr Land zugesichert, was im Fall einer Machtübernahme durch die Volksrepublik Konfliktpotential bergen würde: "Durch den Landbesitz haben diese Familien Macht. Und das ist das Letzte, was China will. Die Chinesen wollen dort keine starken Gemeinschaften, die sich der Kontrolle entziehen." Rechtlich und politisch sind die Frauen in Chows Familie bis heute benachteiligt, was Chows Karriere als international renommierte Journalistin mit großer Social-Media-Gefolgschaft umso beeindruckender macht.

Chows Blick auf das Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und Hongkong ist kritisch und differenziert. Einerseits möchte sie den Sonderstatus Hongkongs beibehalten. Sie ist liberal, demokratisch, progressiv, tritt für Kunst- und Meinungsfreiheit ein. Im Gespräch drückt sie ihr Bedauern ob der zerplatzten Hoffnungen der Regenschirm-Bewegung aus, auf Twitter äußert sie sich häufig ablehnend zur Politik der Kommunistischen Partei. Andererseits gesteht sie zu, dass die Volksrepublik eine große Faszination auf sie ausübe: "Das Land ist ein Raum ohne Freiheit, aber voller Möglichkeiten. Ein paradoxer Raum, in dem man derzeit unglaublich viel erreichen kann. Wenn ich chinesische Künstler treffe, stelle ich immer wieder fest, dass sie hochintelligent sind. Mich fasziniert, dass sie im chinesischen System überleben können. Sie wissen genau, wo die Grenzen verlaufen. Einerseits verstehen sie es, die Grenzen zu erweitern – und andererseits, wann sie damit aufhören müssen. Je nachdem, ob sie es mit einem westlichen Sammler oder mit einem chinesischen Journalisten zu tun haben, ändern sie ihre Kommunikationsstrategie." Es ist ein Dilemma: Ein Leben unter diktatorischen Bedingungen bringt offenbar psychologische Wettbewerbsvorteile mit sich, über die Bürger liberal-demokratischer Länder nicht mehr zwingend verfügen.

Taktische und strategische Chuzpe

Chow sieht nicht nur in der wachsenden politischen, ökonomischen und militärischen Macht der Volksrepublik eine Gefahr für Hongkong, sondern auch in der Mentalität der Festlandchinesen. Wie der Geschäftsmann im Restaurant bei North Point betont sie, dass die "mainlanders" eine taktische und strategische Chuzpe entwickelt hätten, die den an klare Regeln, formalisierte Prozesse und einen verlässlichen Rechtsstaat gewöhnten Hongkongern fehle: "Mit Paradoxien kommen die Bewohner Hongkongs nicht klar. Für sie muss alles schwarz auf weiß geschrieben stehen: Ihr müsst uns Freiheit garantieren! Die chinesische Mentalität hingegen ist eine andere, sie ist es gewohnt, mit Grauzonen und Unfreiheit umzugehen."

Das kursierende Narrativ "It's Over" kann Chow insofern gut nachvollziehen, als es klare Verhältnisse suggeriert und auf den ersten Blick wenig Interpretationsspielraum zulässt: "Ich verstehe, warum Menschen das glauben. Wenn ich in China bin, sehe ich ja selbst, wie stark der technologische Fortschritt ist. Eine Zeit lang hatte auch ich das Gefühl, dass Hongkong zurückfällt. Aber das liegt vor allem daran, dass Hongkong seine eigenen Stärken nicht mehr erkennt. Das Narrativ wird gezielt lanciert, damit sich die Hongkonger schlecht und schwach fühlen. Wer sich ein wenig mit Tarot beschäftigt hat, der weiß: Man kann eine bedrohliche Voraussage auch so formulieren, dass sie als eine Herausforderung wahrgenommen wird, an der man wachsen kann." So wird das Narrativ zur selbsterfüllenden Prophezeiung – selbst wenn die harten Fakten im Widerspruch zu ihm stünden, würde es wohl seine destruktive Kraft entfalten.

Man arrangiert sich

Chow beobachtet zwar, dass sich Kunst- und Kulturschaffende aus dem direkten Aktivismus und den spektakulären Formen des Protests zurückgezogen haben. Doch ähnlich wie Michelle Wong weist sie darauf hin, dass die Regenschirm-Bewegung in nuancierter, unterschwelliger Form weiterlebe. Als Beispiel nennt Chow eine Installation des Künstlers Kingsley Ng, der an der Hong Kong Baptist University unterrichtet: "2017, also drei Jahre nach den Regenschirmprotesten, fertigte Kingsley im Auftrag der Art Basel Hongkong eine Installation in der alten Hongkonger Straßenbahn an. Er verwandelte die Wände zweier doppelstöckiger Fahrzeuge in eine Camera obscura, sodass man während der Fahrt die Außenwelt auf dem Kopf stehend sah. Die Bilder schienen sich dabei rückwärts zu bewegen, während Zitate aus dem Roman Duìdào (Têtebêche, 1972) des modernistischen Hongkonger Schriftstellers Liu Yichang in die Kabine projiziert wurden. Bei mir stellte sich der Eindruck einer verkehrten Welt ein. Ich fragte mich: Lebe ich in einem Hongkong, das sich zurückentwickelt? Vielleicht war diese Arbeit eine Metapher für die Veränderungen in Hongkong, ohne dass Kingsley es explizit gemacht hätte." Sollte dies zutreffen, so könnte das bedeuten, dass sich Kunstschaffende wie Kingsley Ng bereits auf die kommende Zensur vorbereiten.

Auch in Hongkong lebende Ausländer stellen sich auf den Wandel ein. Im 118. Stock des Ritz Carlton bestellt ein schweizerischer Ingenieur spätnachts einen Dragon's Back: Wodka, Limette, Himbeere, Holunderblüte, Yuzu, Basilikum. Seinen Namen möchte er nicht in der Presse lesen. Der Blick des grauhaarigen, untersetzten Mannes gleitet zum Fenster. Die Welt da draußen bietet sich dar wie ein abstraktes Kunstwerk. Sie scheint aus nichts als elektrischen Strömen und rechten Winkeln, buntem Licht und Dunkelheit zu bestehen. Abstraktion, das bedeutet nicht nur in der Kunst neue Spiel- und Möglichkeitsräume. Die Augen des Ingenieurs leuchten, wenn er von den gewaltigen Investitionspotentialen in der Volksrepublik erzählt. China werde Hongkong zwar bald schon übernommen haben, da ist er sich sicher: "Aber die Diktatur ist hybrid geworden." Das Schwarzweißdenken des Westens verfange nicht mehr: "Wussten Sie, dass China seine Minderheiten, einmal abgesehen von den Uiguren und den Tibetern, viel besser managt als die Nachbarländer? Dass es autonome Gebiete gibt? Dass die Kulturen der Minderheiten sogar gefördert werden?" Dissidentenverfolgungen, Hinrichtungen, Straflager erwähnt er nicht. Man muss Prioritäten setzen.

Tatsächlich ist es wohl der Westen selbst, der der Volksrepublik die besten Argumente für die autoritäre Marschrichtung unter Xi Yinping liefert. Trumps Invektiven und ethische Irrlichterei. Die sich vergrößernde Kluft zwischen arm und reich. Der grassierende Populismus. Die Wirren der Europäischen Union. Die Doppelmoral von vermeintlichen Klimaschützern wie Deutschland, das seinen Klimazielen hinterherhinkt, aber andere Länder über den Umweltschutz belehrt. All das trägt dazu bei, dass China im Glauben daran bestärkt wird, sein Staatsmodell stelle eine attraktive Alternative dar.

"Neu ist, dass China dieses Modell auch exportieren möchte", bemerkt der Ingenieur. Er sagt das ganz ruhig, als spräche er von einem leichten Wetterumschwung. Elektronische Musik pluckert, und am Tisch nebenan, für den die Reservierungsgebühr 600 Euro beträgt, steigt die Stimmung. "Das klingt jetzt, als ob ich die Diktatur verteidige, oder?" Er lächelt milde. Ganz so sei es natürlich nicht. Aber zu einer Kritik, wie man sie aus westlichem Munde gewohnt ist, besser: gewohnt war, lässt er sich auch nicht hinreißen. Vielleicht werde man sich den vielgescholtenen amerikanischen Demokratieexport ja bald schon zurückwünschen, sagt der Ingenieur und nippt an seinem Drink. Es ist ein Vielleicht, das ebenso "vielleicht auch nicht" bedeuten könnte.