29. März 2015, im Siri Fort Stadion in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Gleich beginnt das Finale der Badminton India Open. Die Thailänderin Ratchanok Intanon tritt gegen Saina Nehwal an, Indiens "Golden Girl". Die Fans warten seit Stunden auf dieses Match. Saina, wie sie von allen genannt wird, ist eine der erfolgreichsten Sportlerinnen, die das Land je hervorgebracht hat. Und was bereits feststeht: Ihr Sieg gegen die Japanerin Yui Hashimoto am Vortag hat ihr den Weltranglistenplatz eins der Badmintonfrauen beschert. Die Tatsache, dass dieser historische Moment auf indischem Boden stattfand, hat ihr über Nacht viele neue Anhänger eingebracht. Gerade nach dem Ausscheiden der indischen Kricket-Mannschaft im Halbfinale des World Cup sind nun alle bereit, sie als neue Muse des indischen Sports zu feiern.

Saskya Jain ist Autorin und Übersetzerin. Sie lebt in Neu-Delhi und Berlin. Ihr Debütroman "Fire Under Ash" erschien 2014 bei Random House. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Valerie Schmidt

Da ist sie. Alle springen von den Sitzen, applaudieren und rufen: Sai-na! Sai-na! Sai-na!

Ihre schulterlangen schwarzen Haare sind wie immer zum Pferdeschwanz gebunden. Mindestens zehn bunte Haarspangen – ihr Markenzeichen – zieren ihren Kopf. Ernst, fast konsterniert, blickt sie auf ihre Füße. Sie wirkt wie ein Schulmädchen, das gerade zur Direktorin bestellt wurde. Fast so, als würde sie den Jubel gar nicht hören, als wüsste sie nichts von ihrem neuen Ranglistenplatz. Als würde sie dem Erfolg schlicht nicht trauen.

Dass Sportlerinnen im besten Fall unterschätzt werden und im schlimmsten Fall systemischer Diskriminierung ausgesetzt sind, ist keine spezifisch indische Geschichte. Diskriminierung und Patriarchat sind zwar auch hier Schlagwörter, die noch lange Gültigkeit behalten werden. Doch die Behauptung, die indische Frau an sich sei unterdrückt, wie man es in Europa oft hört, stellt die Lage deutlich simpler dar, als sie es tatsächlich ist. Das zeigen bereits die Biografien von Aktivistinnen wie Kiran Bedi oder diversen Bollywood-Schauspielerinnen. Und auch Sainas Karriere als "Spielerin des Volkes" erzählt da eine aufschlussreiche Geschichte.

Sportlicher Erfolg passiert in Indien, insbesondere unter Frauen, nicht dank, sondern trotz des staatlichen Systems. Zu wenig finanzielle Förderung, kaum Ressourcen, schlechtes Management, Korruption und fehlende Transparenz sind nur einige der Hürden, die eine aufstrebende Sportlerin in Indien überwinden muss. Viele geben auf, bevor sie es in die Top-Liga geschafft haben. Das größte Problem ist nach wie vor die öffentliche Meinung. Sport als Berufsweg ist noch immer nicht sonderlich anerkannt. Und wie man sich vorstellen kann, haben junge Mädchen mit sportlichen Ambitionen besonders schlechte Karten.

Wenn man sich die Biografien der erfolgreichsten indischen Sportlerinnen ansieht, stellt man tatsächlich schnell fest: Es sind fast immer die Eltern, die das Talent des Kindes erkannt und mit eigenen Mitteln gefördert haben. Ohne individuelle, private Unterstützung ist Erfolg praktisch unmöglich.