An Silvester stehe ich auf der Straße, irgendwo zwischen Berlin und Brandenburg, vor einem Einfamilienhaus. Es ist null Uhr, um mich herum fallen sich große und kleine Menschen in die Arme, küssen sich und flüstern einander Liebesbekundungen ins Ohr. Ich stehe mittendrin, rauche eine Zigarette und schaue in den Himmel, der vom Feuerwerk hell erleuchtet wird. In meiner Tasche steckt ein Zettel, auf dem ich ein paar Stunden zuvor meine Gedanken zum Jahreswechsel notiert habe. Einer der Sätze, die zum alten Jahr gehören, lautet: "Ich glaube, ich bin glücklich." Bei den Wünschen fürs neue Jahr steht "schreiben", "neue Band gründen", "körperliche Arbeit" und "Zeit haben" – der Wunsch, ein Kind zu bekommen, findet sich darunter nicht. Und doch stelle ich mir hier, in dieser Situation, zwischen all den kleinen Inseln aus dicht aneinander gedrängten Paaren und ihren Kindern, unweigerlich die Frage, ob diese Leute irgendetwas richtig gemacht haben, was ich völlig falsch mache.

Die Wissenschaft unterscheidet bei kinderlosen Frauen zwischen Frühentscheiderinnen, Spätentscheiderinnen und Aufschieberinnen. Während die Frühentscheiderinnen bereits wissen, dass sie keine Kinder wollen, bevor sie 30 werden, fällt die Entscheidung gegen Kinder bei den Spätentscheiderinnen ab Mitte 30. Die Aufschieberinnen treffen keine explizite Entscheidung gegen Kinder, sondern bleiben aufgrund der äußeren Umstände kinderlos. Sowohl für die Spätentscheiderinnen als auch für die Aufschieberinnen war es zu einem früheren Zeitpunkt im Leben eine Option, Kinder zu kriegen.

Caroline Kraft war die vergangenen zehn Jahre in der Verlagsbranche tätig – in London, Frankfurt und Berlin, wo sie heute lebt und als PR- und Kommunikationsberaterin arbeitet. Sie ist ausgebildete Sterbebegleiterin, Mitgründerin des Podcasts "endlich. Wir reden über den Tod" und Gastautorin von "10 nach 8". © Michaela Philipzen

Für mich war Kinderkriegen nicht nur eine Option. Es war, bis ich 30 wurde, Teil des Plans. Mir erschien es selbstverständlich, ohne dass ich es jemals hinterfragt hätte; es gehörte für mich dazu, genauso wie heiraten, sich einen guten Job zu suchen, kontinuierlich auf der Karriereleiter nach oben zu klettern und sich die größtmögliche finanzielle Sicherheit aufzubauen. Ich richtete mein Leben nach diesen vermeintlichen Überzeugungen aus – nur dass sich alles völlig falsch anfühlte. So, als lebte ich das Leben einer anderen Person.

Dann begann ein kleiner Dominostein nach dem anderen zu fallen. Heiraten schien mir als Erstes kein gangbarer Weg mehr zu sein, zumal meine Vorstellungen davon, wie und mit wem ich eine Partnerschaft führen wollte, sich relativ weit von den Kategorien entfernten, mit denen ich aufgewachsen war. In den Jahren danach wurde mir immer klarer, dass mich mein Job unglücklich machte. Ich ging auf Teilzeit und füllte meine Freizeit mit Dingen, die mir sinnvoll erschienen und mich froh machten. Doch das reichte nicht. Vor vier Jahren habe ich meinen Job ganz an den Nagel gehängt. Heute arbeite ich frei, verdiene das absolut Nötigste, was ich zum Leben brauche, helfe einige Monate im Jahr auf Höfen irgendwo auf der Welt mit, schreibe, mache Musik und bin ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen tätig. Ich spüre zum ersten Mal, wie sich Freiheit, wirkliche Freiheit, anfühlt. Von finanzieller Sicherheit bin ich so weit entfernt, wie ich es mir niemals hätte vorstellen können, und fühle mich dabei glücklicher als jemals zuvor.

Der letzte wacklige Dominostein aus meinem alten Leben, der noch steht, ist die Kinderfrage. Und da wird es kompliziert. Wissenschaftlich gesehen pendele ich, sollte ich kinderlos bleiben, irgendwo zwischen Aufschieberin und Spätentscheiderin. Aufgeschoben habe ich die Frage definitiv, aber auch eine Entscheidung getroffen: Ich will Kinder nicht um jeden Preis. Das heißt für mich zum einen, dass ich ein Kind nicht allein großziehen will, und zum anderen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich dieses neu gefundene Leben, das sich endlich wie mein Leben anfühlt, zugunsten eines Kindes aufgeben möchte. Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto besser kann ich mir ein kinderloses Leben vorstellen – und merke, wie sehr in mir, seit ich denken kann, nur ein einziges Bild angelegt war, nämlich das von einem Leben mit Kindern. Dort, wo vorher eine Leerstelle war, entwickelt sich langsam ein zweites Bild und ein Gefühl dafür, dass es bei dieser Entscheidung keinen richtigen oder falschen Weg für mich gibt, sondern nur zwei unterschiedliche Versionen eines Lebens, die beide ihre ganz eigene Qualität haben.

Um an diesen Punkt zu kommen, musste ich an tief sitzenden Überzeugungen rütteln: Dass es bei der Kinderfrage eine richtige und eine falsche Abzweigung gibt, die über Glück und Unglück entscheidet. Dass das größte Unglück darin liegt, den Augenblick verstreichen zu lassen, in dem man diese Entscheidung aktiv treffen kann. Und vor allem: Dass man sich ganz sicher sein muss, keine Kinder zu wollen. "Kinderkriegen wird als so elementar wahrgenommen, dass an allen Ecken und Enden nach Gründen gesucht werden muss, wenn es nicht stattfindet", schreibt Sarah Diehl in ihrem Buch Die Uhr, die nicht tickt. Die Suche nach Gründen – guten Gründen – ist mir vertraut, genauso wie der Druck, eine souveräne Entscheidung treffen zu müssen, die möglichst wenig von den äußeren Umständen beeinflusst ist, sondern aus mir selbst heraus getroffen wird, damit ich sie später nicht bereue.

Viele dieser Überzeugungen sind, das glaube ich heute, nicht nur hinderlich, sondern auch ganz einfach lebensfremd. Glauben wir wirklich, dass das Leben so berechenbar ist? Dass wir immer alles unter Kontrolle haben? Doch wenn es ums Kinderkriegen geht, scheint kein Platz für Uneindeutigkeiten zu sein, und die Zuschreibungen sitzen tief. Derart tief, dass ich hart daran arbeiten muss, mir selbst zu vertrauen. Obwohl ich spüre, wie richtig es sich anfühlt, dieser anderen, potenziellen Version meines Lebens einen Platz einzuräumen, hinterfrage ich dieses Gefühl immer wieder. Kann es sein, dass ich mir meine Situation einfach nur schönrede? "Das Reden über die biologische Uhr ist so allgegenwärtig, dass Frauen sich selbst misstrauen, wenn sie die Uhr nicht ticken hören. Sie zweifeln ihre eigene Entscheidungsfähigkeit an, weil ihnen vermittelt wird, dass sie etwas anderes wollen müssen", schreibt Sarah Diehl.