Neulich traf ich mich zum Abendessen mit zwei Freundinnen, die ich nicht aus dem Internet kenne, sondern schon seit vielen Jahren aus dem analogen Leben. Das Gespräch kam auf Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue Parteivorsitzende der CDU, und zu meiner Verwunderung klangen die beiden fast wie Fangirls. Ja klar, so manches an ihr sei nicht ideal, das gaben sie zu. Aber für eine CDU-Politikerin sei sie doch im Großen und Ganzen schwer in Ordnung. "Habt ihr denn gar keine Probleme mit ihrer Homophobie?", fragte ich dazwischen. "Sie ist doch gegen die Ehe für alle, ist euch das etwa egal?"

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Ideengeschichte von Frauen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Die beiden schauten mich verständnislos an. Ja klar, das hätten sie natürlich schon mitbekommen, zumal sie als lesbisches verheiratetes Paar unmittelbar betroffen seien. Aber so schlimm fänden sie nicht, was Kramp-Karrenbauer zu dem Thema gesagt habe. Erstens sei sie ja auch für die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften, sie wolle diese nur nicht "Ehe" nennen – so what! Außerdem habe Kramp-Karrenbauer klargestellt, dass das ihre persönliche Meinung als Katholikin sei und nicht bedeute, dass die Ehe für alle wieder abgeschafft werden soll. Wo also sei das Problem?

Dieses Gespräch hat mich nachdenklich gemacht. Denn ich musste mir eingestehen, dass ich insgeheim die gelassene Haltung meiner Freundinnen teile. Wenn ich ehrlich bin, halte ich Kramp-Karrenbauers etwas altmodische Gefühle in Bezug auf Homosexualität auch nicht wirklich für ein besonders großes Problem. Aber ich habe mich mitreißen lassen von der Meinungswelle, die meine Internetblase erzeugt hat.

Dort war es nämlich zum unhinterfragbaren Konsens geworden, Kramp-Karrenbauers Ansichten über Homosexualität für den Untergang des Abendlandes zu halten. Insgeheim hatte ich bei den täglich oder gar stündlich eintrudelnden Posts dazu immer mal wieder gedacht: Ach Leute, es gibt Schlimmeres. (Andersherum denke ich bei vielen Themen: Hey ihr, das ist jetzt wirklich schlimm, warum interessiert euch das nicht?)

Die Frage, wie das Medium Internet politische Debatten verändert und prägt, wird häufig nur im Hinblick auf seine extremen Ausprägungen geführt, auf die großen Shitstürme, die bezahlten Falschmeldungen, die automatisierten Bots, die extremen Hass-Poster. Aber es hat auch eine Auswirkung auf uns, die gutwillig Engagierten, die tatsächlich an Austausch Interessierten, die ganz normale politische Öffentlichkeit also. Die Dynamik der Vereinheitlichung, die den sozialen Medien innewohnt, erfasst auch aufgeklärte, tolerante Menschen.

Im Internet eine Meinung zu vertreten, die quer zum aktuellen Konsens steht, ist ungeheuer anstrengend. Sehr viel anstrengender als in analogen Beziehungen. Wenn ich anderen Menschen im Büro, auf der Straße, in der Kneipe oder im Frauenzentrum begegne, sende ich unendlich viele kommunikative Signale: Wie ich aussehe, wie ich mich bewege, wie ich mich kleide, wie ich spreche – all das sagt etwas darüber aus, wer ich bin und wo ich stehe. Außerdem kann ich meine Worte dem direkten Gegenüber anpassen. Schaut sie verständnislos, kann ich etwas genauer erklären, nickt sie zustimmend, kann ich das Argument abkürzen, fällt sie mir verärgert ins Wort, weiß ich, dass ich einen wunden Punkt getroffen habe. Diese ganze Begleitmusik interpretiert und kontextualisiert die gesprochenen Worte. Im Internet hingegen gibt es nichts, außer ein paar dürren Emoticons. Man wird allein nach dem beurteilt, was man schreibt, und basta.