Achtung, schwäbische Hausfrau, fleißiger Dachdecker, Alleinerziehende, Krankenschwestern und Pflegekräfte im Schichtsystem, kurz: dear all aus der hart arbeitenden, dual ausgebildeten Mitte, höchste Aufmerksamkeit! SPD-Finanzminister Olaf Scholz, oder, wie er neuerdings in nahezu jedem Interview erinnert, Deutschlands Vizekanzler, verkündet: "Die fetten Jahre sind vorbei."

Kruzisozen, was für ein Spruch. Was für eine Dringlichkeit. Man rennt sofort in den Bombenkeller, der mittlerweile natürlich zum Prepper-Paradies umgebaut wurde, wiegt das Milchpulver nach, füllt die Trinkwasserreserven auf und kramt das Emailleblechservice Modell Schlesische Rose raus. Wenn jetzt die Jahre mit der Halbfettstufe und 30 Prozent weniger Zucker anbrechen, kann das nur heißen, dass nächstes Weihnachten der Stollen aus altem Fahrradschlauch gebacken wird und das Lametta um den Wischmopp drapiert als Christbaum genügen muss. Wir sind zwar auf der Liste der reichsten Länder auf Platz vier und haben einen gigantischen Exportüberschuss, aber Olaf Scholz wird doch sicher einen Grund haben, das ausgerechnet jetzt zu verkünden?

Es handelt sich bei dieser Art von Sprechen wahrlich nicht um rhetorische Raritäten. Muss es auch nicht. Aber dieses Wort gewordene Blaulicht mit Martinshorn, dieses Sprechen, bei dem man immer den Vorfeldlotsen auf dem Rollfeld vor Augen hat, wie er mit Warnweste beidhändig mit gelben Kellen winkt, nervt gewaltig. Auch, weil man nicht weiß, an wen sich so ein Hinweis richtet.      

Hat Olaf Scholz seinen Spruch nach innen gesprochen, in die Partei? Liegt ihm nach Hubertus Heils "Respekt-Rente" und Franziska Giffeys "Starke-Familien-Gesetz" der Fokus zu sehr auf den Leistungsempfängern? Will er damit nach innen rufen: Ist jetzt auch mal gut mit der Verteilerei?

Keine Sorge, Bürger!

Oder geht die Botschaft nach außen, an die Wähler, weil er weiß, dass sein Landsmann und Parteigenosse Helmut Schmidt die Kanzlerwahl auch deshalb verlor, weil es damals wie heute oft hieß, dass die Sozialdemokraten immer nur Geschenke machen wollten? Die Berater kramen ja besonders gerne in der Vergangenheit und analysieren, was in der Vergangenheit schiefging. Will Scholz damit sagen: Keine Sorge, Bürger! Die Genossen verplanen die Kohle, aber Daddy Dollar rechnet im Hintergrund nach und hat alles im Griff.

Steuer- und Ausgabenpolitik wird übrigens traditionell in Deutschland in Bildern und nicht in Erklärungen verkündet.

"Gürtel enger schnallen" (damit gewann Helmut Kohl die Wahl 1982/83),
"Wir müssen den Gürtel enger schnallen, damit wir ihn irgendwann wieder aufmachen können" (SPD-Familienministerin Renate Schmidt, 2003),
"Ärmel hoch statt Gürtel enger" (Kanzler Gerhard Schröder, 2004),
"Es muss Masse in den Topf" (brandenburgischer SPD-Finanzminister Klaus-Dieter Kühbacher), gemeint ist natürlich der Finanztopf.

Wie dem auch sei. Dem Vizekanzler stehen angesichts des zu erwartenden Einnahmeeinbruchs bereits jetzt weniger Worte zur Verfügung als sonst. Andernfalls würde man die Bürger doch ausführlich und seriös über die Sachlage aufklären. Darüber, ob kluge Alternativen zur Verfügung stehen, damit nicht die Sozialleistungen gekürzt werden oder Staatseigentum verscherbelt wird. Ob die Bildungsausgaben, die im europäischen Vergleich lächerlich gering und unterdurchschnittlich sind, trotzdem steigen könnten. Und ob er nicht doch noch eine Nacht über den Satz schlafen möchte, dass er zur geplanten Besteuerung ausländischer Großkonzerne in Deutschland auf Donald Trump setzt. Erwachsene Sätze gesprochen von erwachsenen Menschen über erwachsene Themen. Das wäre so schön. Wie könnte man es beschreiben? Es wäre wie "Gürtel öffnen", weil aufs "Geldsäckel" der "schnöde Mammon" in "die dicke Hose" "sprudelt".