Es gibt diesen Moment, egal ob es sich um die Gelbwesten, Pegida oder den "Trauermarsch" in Chemnitz handelt, der einen wirklich abstößt. Es ist der zur Schau getragene Hass, der geradezu lustvoll inszeniert wird und seine Legitimation immer wieder daraus speist, dass er von Politik und Medien als Bürgerbegehren interpretiert wird, das unbedingt ernst genommen und politisch eingebettet gehöre.

Doch warum ist das so? Wieso werden Wut, Schreien, jegliche Form von vulgärer Protestform wie schlechtes Benehmen und hundertfach dokumentierte Grenzüberschreitungen (gegenüber der berichtenden Presse beispielsweise) nie als "unecht" in Zweifel gezogen? Wieso wird die entfesselte – nicht zu verwechseln mit der leidenschaftlichen – Masse prinzipiell als begehrte politische Gruppe behandelt?

Ohne die Antwort zu kennen, aber trotzdem nachgefragt: Können organisierte und bezahlte Protestbewegungen wirklich "echt" sein? Ist es nicht vielmehr so, dass Gruppen wie Pegida von Anfang an nichts anderes im Sinn hatten, als das, was sie "Eliten" nennen, zu diskreditieren? Sie wählen bewusst die Form der Contenancelosigkeit, die vorgibt, impulsiv und spontan zu handeln, tatsächlich aber Methode ist. Sie wissen nämlich ganz genau, dass in dem Moment, wo nackte Hintern in die Kamera gehalten werden, die Kanzlerin als "Fotze" beschimpft wird und politische Kundgebungen von Rechtsradikalen, "Absaufen, absaufen" (gemeint sind die Flüchtlinge), als politisches Programm nur deshalb verkauft werden können, weil sich irgendjemand trauen wird, das schlechte und hässliche Benehmen zu rezensieren.

Als Sigmar Gabriel seinen Versuch unternahm und diese Leute als "Pack" titulierte, wurde ihm der Vorwurf gemacht, er wollte sich über die "einfachen Bürger" und deren Ausweglosigkeit erheben. Das genau ist der Plan. Das nächste Mal brüllen oder schreiben wieder ein paar mehr Hundert Menschen Fotze und absaufen, und sicher findet sich jemand, der das als sozialen Protest von verwirrten Globalisierungsmüden umdeutet.

Dann gute Nacht, Matrosen

Es gibt in Deutschland das merkwürdige Phänomen, dass die in der Öffentlichkeit geäußerte negative oder aggressive Emotion als ungefilterte, wahre Äußerung des Volkes gilt. Nach dem Motto "Die da unten sind eben so", also sind sie als Gruppe per se wichtig und berechtigt. Es anders zu sehen, wäre Arroganz. Der distinguierte Auftritt hingegen wird als naive Gutmenschentrottelei der privilegierten Eliten verstanden. Das zeigte sich ganz deutlich daran, dass die bürgerlichen Proteste des vergangenen Jahres von #wirsindmehr bis #unteilbar, die zahlenmäßig größer und in ihrer gesellschaftlichen Zusammensetzung den "Volkswillen" viel eher repräsentierten als die rechtsextrem gelenkten Strömungen, ignoriert werden. Bis heute.

Es ist doch verrückt, dass ausgerechnet in Sachsen, wo die schlimmsten Bilder, Meldungen und Attentate von Rechtsextreme herkommen, eine sagenhafte parteipolitische Konkurrenz um deren Repräsentanz entsteht. Wie kann eine Partei wie die Sachsen-CDU sich derart angesprochen und angezogen fühlen von dieser Katastrophe? Das hatte nicht etwa zur Folge, dass sie zur demokratischen Disziplin aufrief, sondern sie überbot sich darin, dieses Schreien, dieses hemmungslose Schreien, als verzweifelten Protest der Abgehängten einzuordnen. Darin steckt natürlich eine irrsinnige Diskreditierung der Verlorenen. Wenn das die Armen, die Kummergeplagten, die Leidenden, also "das" Volk sein soll, dann gute Nacht, Matrosen. Und wenn das Pöbeln als angemessene Repräsentation eines authentischen Volkskörpers – um sich mal im Vokabelkasten der Gemeinten zu bewegen – begriffen wird, dann bitte dieses Deutschland sofort auflösen.

Permanente Nachahmung führt zur Ähnlichkeit

Die Kultivierung des Hässlichen findet zunehmend auch im deutschen Parlament statt. Anstatt sich rhetorisch sowieso, aber auch habituell so weit wie möglich von den Rechtsradikalen abzugrenzen, erkennt man immer öfter Nachahmungsversuche. Sogenannte gemäßigte Politiker der demokratischen Parteien – also alle außer der AfD – fangen an, in diesem seltsamen Duktus der Antidemokraten zu schreien, die Finger stechen in die Luft, die Wortwahl ist freiwillig begrenzt, ja, sprechen wir es ruhig aus, hier wird Empörung gespielt, so wie Empörung auf der Straße gespielt wird. Die Begründung für die Mimikry ist sehr niedlich: Man wolle die Begriffe und Anliegen, die Bedürfnisse der sogenannten Modernisierungsverlierer aus "der rechten Ecke" zu befreien. Klingt heldenhaft, ist aber albern. Wer sich auch nur ein Drittel Meter in die politischen Theorien eingelesen hat, weiß, genauso zu reden wie "die", nimmt denen gar nichts weg. Im Gegenteil, so zu tun wie sie, legitimiert und stärkt sie.

Der Trick der Rechtsradikalen ist, dass sie das rücksichtslose und schrankenlose Sprechen als Teil des Untenseins vermarkten. Also haben die anderen Angst, als abgehoben wahrgenommen zu werden, wenn allzu gezügelt, differenziert, gebildet und belesen auftritt. Zudem: Wenn man sich einmal auf die Dynamik des Überbietens eingelassen hat, muss man immer weiter gehen, denn auch sie gehen immer weiter. Der Religionstheoretiker René Girard nennt das "mimetische Rivalität". Die permanente Nachahmung führt zwangsläufig zur Ähnlichkeit.

Von der CDU bis zu den Linken sollte man aber nie vergessen, Bürger wählen nicht nur Parteien oder Politiker, sie wählen auch einen Stil. Es gibt Wähler in diesem Land, die sehr genau beobachten, wie viel Format eine Partei in ihrer Sprache beweist und wie viel Aufmerksamkeit sie dem Frivolen widmet. Im Moment sind große Zuwächse bei den Grünen zu beobachten, also jener Partei, die sich am konsequentesten und weitesten vom Prinzip der Nachahmung entfernt. Wenn sie es jetzt nicht weiter verderben und sich endgültig von ihrer Heimatfolklore mit Patriotismusgirlande entfernen, könnten sie es schaffen, nicht auf der Schleimspur der Rechtsextremen – egal ob im Parlament oder auf der Straße – auszurutschen und damit als glaubwürdige Vertreter eines anderen Teils des Volkes wahrgenommen zu werden.