Zweifellos macht Polunin sein jenseits der Bühne gepflegtes Image irgendwie interessant, und seiner Bekanntheit jenseits des engen Zirkels der Ballettliebhaber hat es bestimmt geholfen. Ebenso die vielen YouTube-Popsong-Videos, die er seit Take Me to Church gedreht hat, wenngleich keines annähernd an dessen Erfolg heranreichen konnte, sowie ein paar kleinere Filmrollen. Aber wenn er nicht Sex on a stick wäre, diese Kombination aus perfekter Grazie, Leichtigkeit und zugleich kraftvoller Maskulinität, die im klassischen Ballett extrem selten ist (mir fielen sonst noch Rudolf Nurejew, Mikhail Baryshnikov und Ivan Vasiliev ein), würde er niemanden interessieren.

Ich frage mich also bei all den jüngsten Aufregungen um ihn, seit wann wir uns eigentlich mit den Meinungen von Künstlern identifizieren müssen? Wann wir vergessen haben, dass wir ihre Kunst beurteilen – und genießen – sollten, und nicht ihr gesellschaftliches Engagement? Natürlich gibt es politisch engagierte Kunst, und sie ist wichtig, aber das klassische Ballett, diese artifiziellste und altmodischste aller Kunstformen, gehört nicht dazu. Warum auch hier dieser Angelina-Jolie-Komplex, diese Ausgeburt der Celebritykultur, die uns denken lässt, dass jeder Mensch, der es in einer nicht besonders intellektuellen Kunstgattung zu einigem Ruhm gebracht hat, dann als moralisch einwandfreie Vorbildgestalt am politischen Leben teilhaben muss? Menschen, die, wie es bei Tänzern oder auch klassischen Musikern der Fall ist, ihr ganzes Leben mit singulärer Entschlossenheit der Beherrschung einer Form gewidmet haben – warum sollte jemanden interessieren, was sie über Dinge denken, von denen sie nicht mehr verstehen als jeder beliebige Mensch an der nächsten Ecke? Mir jedenfalls ist es lieber, ich weiß nicht von jedem dieser Künstler seine genaue Meinung zu Frauen oder zu Homosexualität, ganz zu schweigen von diversen politischen Konflikten – und die meisten haben ja auch die Klugheit, sich nicht öffentlich zu heiklen Themen zu äußern.

Die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und politischer Weltanschauung ist im Übrigen in Deutschland – und weltweit – in epischer Breite am Fall Richard Wagner durchdekliniert worden, bei dem es ja, anders als bei Sergei Polunin (dessen zweifelhafte Tattoos zur Sache des Tanzes nichts hinzufügen oder wegnehmen), eine tatsächliche Verbindung von künstlerischem Output und Weltanschauung gab, der sein eigenes Tun selbst als Gesamtkunstwerk aus Dichtung, Musik und Arbeit am deutschen Geist verstand. Trotzdem gelingt es vielen seit jeher mühelos, seine Musik zu genießen und von seinem Antisemitismus und seinen deutschtümelnden Kitschlibretti abzusehen.

Nun ist andererseits die Wagner-Frage nicht abschließend geklärt, und es wird vermutlich immer diejenigen geben, die seine Musik nicht goutieren können oder wollen (oder denen sie, wie mir, einfach nicht gefällt). Aber das Argument, dass die Musik eine universelle Sprache ist, die für sich spricht und jenseits einer Weltanschauung Gültigkeit bewahrt, erfreut sich auch außerhalb des inneren Zirkels von Bayreuth allgemeiner Beliebtheit. Wagner wird umstritten bleiben, aber er wird auch weiterhin genauso leidenschaftlich geliebt wie unmöglich gefunden werden; sein Platz im Kanon der Musikgeschichte ist ihm nicht mehr zu nehmen.

Polunin hat es natürlich noch selbst in der Hand, seine weitere Karriere zu vergeigen. Aber die Tatsache, dass er einer der aufregendsten Tänzer seiner Generation ist, wird bleiben. Die für ihn als Tänzer entscheidende Sprache ist die Sprache des Tanzes, und sie ist genauso universell wie diejenige der Musik – sowie, zumindest meiner bescheidenen Auffassung nach, deutlich kurzweiliger. Ich habe noch kaum je ein Interview mit einem Tänzer gelesen oder gehört, in dem dieser nicht in der einen oder anderen Variante auf die Tatsache zu sprechen kam, dass Tanz für ihn ein Mittel ist, mit dem Körper Dinge auszudrücken, für die ihm andere Mittel des Ausdrucks fehlen. Den meisten Tänzern ist sogar schmerzhaft bewusst, dass Worte nicht ihre beste Disziplin sind.

Sind Sergei Polunins öffentliche Äußerungen etwas dümmlich, kaum überzeugend und massiv politisch unkorrekt? Ja, klar. Aber: why care? Er tritt in altmodischen Handlungsballetten aus dem 19. Jahrhundert auf – und in mild erotischen YouTube-Videos (und ich würde meinen, dass Neonazis Besseres zu tun haben, als sich diese anzuschauen und sich in ihren Ansichten bestätigt zu fühlen, aber da mag ich mich täuschen). Als Tänzer ist Polunin ein seltener Grad der Perfektion und der Expressivität eigen und solange er uns – Tattoos hin oder her – körperlich in seinen Bann ziehen kann: Darf uns da nicht alles andere einen magischen Abend (oder vier kurze YouTube-Minuten) lang auch mal egal sein?