Wobei es nicht allzu lange dauerte, bis auch hier das aristokratische Distinktionsbedürfnis durchschlug. Während Adlige sich immer aufwendiger verzierte Porzellanpfeifen zulegten und exklusive Tabakmischungen gönnten, mussten Bauern sich mit den einfachen Tonvarianten begnügen und ihren Verschnitt bisweilen mit heimischen Kräutern strecken. Noch weiter wuchs die Differenzierungswut im Laufe des 18. Jahrhunderts. Um sich vom "Gestank der Armen" abzugrenzen, wurden die Pfeifen an europäischen Höfen vermehrt durch mindestens ebenso aufwendig gestaltete Schnupftabakdosen ersetzt.

Doch führte dies im Zuge des 19. Jahrhunderts wiederum zu einer spezifischen Form der Rauchersolidarität. Während der deutschen Märzrevolution im Jahr 1848 bestand eine wichtige Forderung der demonstrierenden Massen nämlich in der Aufhebung des Rauchverbots auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Das Gesetz, das bereits 1764 von Friedrich dem Großen erlassen und seinerzeit mit dem Brandschutz begründet wurde, war nicht nur architektonisch anachronistisch geworden, da die leicht entzündbaren Holzbauten mittlerweile aus den Innenstädten verschwunden waren, sondern es hatte sich auch politisch aufgeladen. Das öffentliche Paffen der nunmehr aufgekommenen Zigarren, die Mitte des 19. Jahrhunderts noch kein stereotypes Signum zylindertragender Fabrikbesitzer bildeten, firmierte jetzt als Ausdruck bürgerlicher Freiheitskämpfe und revolutionärer Umtriebe. Zu den passionierten Zigarrenrauchern gehörte deshalb auch kein Geringerer als Karl Marx. Dementsprechend erkannte die Neue Preußische Kreuzzeitung damals in der Zigarre ein "demokratisches Symbol der Volksverhetzer" und stellte fest: "Mit der Cigarre im Mund sagt und wagt ein junges Individuum ganz andere Dinge, als es ohne Cigarre sagen und wagen würde."

Marlene Dietrich 1932 auf einem Werbefoto © Hulton Archive/​Getty Images

Wenngleich der deutsche demokratische Frühling damals nur kurz währte, hatte er doch immerhin einen entscheidenden Erfolg. Die Behörden gaben dem Druck der Straße nach und hoben das Rauchverbot 1848 auf. Und das Zigarrenrauchen sollte im 19. Jahrhundert noch in einer anderen Emanzipationsbewegung zum Widerstandssymbol avancieren – nämlich jener der Frauen, die in George Sand eine schmauchende Ikone des Frühfeminismus fand. Auf diese Weise wurde das Rauchen spätestens mit der massenhaften Verbreitung der Zigarette zum klassen- und geschlechterübergreifenden Gleichmacher. Das schlanke Papierstäbchen, das englische und französische Soldaten im Zuge des Krimkriegs (1853–1856) dank ihrer türkischen Verbündeten kennenlernten und es daraufhin in Europa verbreiteten, wurde sowohl von Männern als auch von Frauen, von Soldaten und Hippies, Fabrikarbeitern und Büroangestellten inhaliert.

Globale Gabenökonomie

Seither offenbart sich der Solidaritätseffekt des Rauchens nicht mehr nur in jener niedrigschwelligen Form des Socializings, durch die mittels der einfachen Frage nach Feuer tiefe Freund- und Liebschaften entbrennen konnten, sondern die Kippe bildet vielmehr bis heute den Kern einer global wirksamen Gabenökonomie. Wer als Raucher einen anderen Raucher um eine Fluppe bittet, bekommt diese in der Regel auch. Zwar mag diese Freigebigkeit sicher auch dem verhältnismäßig geringen Gegenwert geschuldet sein. Noch wesentlicher beruht sie aber auf dem solidarischen Grundprinzip: Sollte man auch selbst mal in Nikotinnotstand geraten, erhofft man sich ja ebenfalls Hilfe zu bekommen. Der Ethnologe David Graeber sieht im Spendieren von Zigaretten deshalb auch den Ausdruck eines "elementaren Kommunismus", also einer Form der alltäglichen Solidarität, die die Basis des menschlichen Zusammenlebens ausmacht. "Es ist leichter", schreibt Graeber in seinem 2012 erschienenen Bestseller Schulden (Klett-Cotta), "einen Fremden um eine Zigarette zu bitten als um die entsprechende Summe Geld oder Nahrung. Tatsächlich ist es sehr schwierig, die Bitte um eine Zigarette abzulehnen, wenn man selbst erst einmal als Raucher erkannt wurde."

Doch das Rauchen ist in guten Momenten nicht nur eine Art Kippenkommunismus, sondern bildet – und damit wären wir bei der zweiten philosophischen Übung – auch eine alternative Zeitordnung, die im sprichwörtlich gewordenen Begriff der "Zigarettenlänge" sogar über ihre eigene Einheit verfügte. Dank ihr kann man den morgendlichen Gang zur Arbeit noch um ein paar Züge herauszögern, sich kurz dem schwirrenden Bürolärm entziehen oder den Tag rituell mit jener "letzten Zigarette" beschließen, die Reinhard Mey im Refrain seines Songs Gute Nacht, Freunde verewigte: "Es wird Zeit für mich zu geh’n / Was ich noch zu sagen hätte, / Dauert eine Zigarette / Und ein letztes Glas im Steh’n." Noch eine zu rauchen, das bedeutet, ein lieb gewonnenes Ritual zu pflegen oder einen fünfminütigen Instanturlaub zu nehmen, der den Rhythmus der Stechuhr für einige Zeit zu unterbrechen vermag.

Gelten nicht wenigen Arbeitgebern Zigarettenpausen deshalb als Kostenfalle und Produktivitätsgift, legen jüngere Studien indes das Gegenteil nahe: Raucher seien meist sogar produktiver. Nicht aufgrund der verabreichten Nikotindosis, sondern weil sie öfter als die Kollegen kleine, erholsame Pausen machen. Dementsprechend zerbrechen sich Ökonomen heute eher den Kopf darüber, wie sie Angestellte dazu bringen, nikotinfreie Äquivalente zur Raucherpause zu nehmen, um die entsprechende Portion Erholung zu erhalten. Nur ist das eben nicht so einfach. Einstweilen dürften sich nur die wenigsten mit ihren Kollegen auf die Terrasse stellen, um gemeinsam Kaugummi zu kauen oder ein Bund Möhren zu naschen.