Albert Camus auf dem Balkon seines Verlegers © Loomis Dean/​The LIFE Picture Collection/​Getty Images

Zumal die Zigarette die Zeit nicht nur alternativ taktet, sondern sie für einen Moment auch komplett still stellen kann. Wie Jean-Paul Sartre bemerkte, ist sie nämlich auch ein Mittel der Weltaneignung. "Jedes unerwartete Ereignis", schrieb der französische Denker in seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts, "das meine Augen träfe, war, so schien mir, grundlegend verarmt, sobald ich ihm nicht mehr rauchend entgegentreten konnte. Rauchend-von-mir-aufgenommen-werden-können: diese konkrete Qualität hatte sich universell auf den Dingen ausgebreitet." Und jeder, der selbst einmal geraucht hat, weiß tatsächlich allzu gut, dass Bilder, Musik oder Gefühle sich während des kontemplativen Rauchens, vielleicht die konzentrierteste Form der inneren Einkehr, stärker ins Gedächtnis einbrennen können als unter bloßer Frischluftzufuhr.

"Das bedeutet also", so schreibt Sartre weiter, "dass die Reaktion der zerstörerischen Aneignung des Tabaks symbolisch einer aneignenden Zerstörung der ganzen Welt entsprach. Über den Tabak, den ich rauchte, brannte, rauchte die Welt, löste sich in Dampf auf, um in mich einzugehen." Vor diesem Hintergrund wird schließlich auch deutlich, worin der Zauber der Zigarette "danach" liegt. Sie lässt die Ekstase nicht einfach verfliegen, sondern eignet sie sich in kleinen Rauchwölkchen noch einmal an, um sie damit körperlich abzuspeichern.

Schließlich, wir kommen zur dritten Übung, vermittelt das Rauchen auch jene Kompetenz, die der Islamwissenschaftler Thomas Bauer in seinem jüngst erschienenen Buch Die Vereindeutigung der Welt (Reclam, 2018) auf den Begriff der Ambiguitätstoleranz gebracht hat. Damit beschreibt er die Fähigkeit, kulturelle Formen der Vagheit und Uneindeutigkeit auszuhalten und somit der Tatsache gerecht zu werden, dass Symbolen und Umständen mehrere Interpretationen zugeordnet werden können. Im Zuge sozialer Polarisierung diagnostiziert Bauer einen eklatanten Verlust an eben jener Fähigkeit, mit Mehrdeutigkeit umzugehen, weil Schubladendenken, politischer Fanatismus und kulturelle Homogenisierung zunehmend einen Zwang zur Vereindeutigung schafften.

Wenngleich Bauer in seinem Buch eher die Debatten um das Kopftuch oder politische Bekenntniszwänge in den Blick nimmt, lässt sich die Kulturgeschichte des Tabaks unschwer ebenfalls als lange Übung in Ambiguitätstoleranz verstehen. Von seinen westlichen Anfängen im 16. Jahrhundert bis heute verkörpert das Rauchen These und Antithese zugleich, ist Kippbild zwischen Himmel und Hölle. So galt der Tabak, nachdem er Europa erreicht hatte, tatsächlich als etwas hochgradig Diabolisches. Und zwar nicht nur, weil das Kraut von den heidnischen Ureinwohnern Amerikas stammte, sondern auch, weil der aus Mund und Nase quellende Rauch an Höllenschlote erinnerte. Als Rodrigo de Jerez, der als Seefahrer mit Kolumbus 1492 in die Neue Welt gereist war und gemeinhin als erster europäischer Raucher gilt, nach seiner Rückkehr Pfeife paffend durch seine andalusische Heimatstadt spazierte, wurde ihm eine Besessenheit durch den Teufel attestiert, weshalb ihn die Inquisition zu sieben Jahren Kerker verurteilte. Diese teuflische Konnotation wurde das Rauchen nie mehr ganz los, gilt es doch bis heute als Luftverpestung, dreckig, schmutzig und muss zudem als filmisches Erkennungsaccessoire für Bösewichte herhalten.

Das "schmutzige Heilige" anerkennen

Entgegen dieser diabolischen Lesart firmierte das Rauchen aber gleichzeitig auch immer als etwas geradezu Göttliches, was keineswegs nur an der Verkörperung des Blauen Engels durch Marlene Dietrich, einer der größten Raucherikonen des 20. Jahrhunderts, lag. Denn die Zigarette, das müssen selbst militante Nichtraucher zugeben, diente kulturhistorisch oft als Verstärker der Schönheit. Ob bei Humphrey Bogart oder Lauren Bacall, James Dean oder Marlene Dietrich, Steve McQueen oder Claudia Cardinale: Hier galt die Zigarette nicht als stinkendes Suchtmittel, sondern diente als ästhetisches Add-on, das Erotik und Eleganz, Laszivität und Lässigkeit ausstrahlte.

Das Rauchen selbst ist es, das eine tiefe Ambiguität besitzt – und jenen, die es gekonnt praktizieren, Aura verleiht. Der Rauch einer Zigarette ist die Pest – und gleichzeitig schönste Metaphysik. Um einen Ausdruck des österreichischen Philosophen Robert Pfaller zu gebrauchen: Rauchen ist das "schmutzige Heilige". In guten Momenten mag man sich dank einer Zigarette wie ein junger Gott fühlen, in schlechten, etwa dem Morgen nach einer verrauchten Nacht, hingegen wie ein alter Greis. Die Zigarette kann für selbstbewussten Genuss, aber auch für nihilistische Selbstzerstörung stehen, eine gesellige Atmosphäre kreieren, aber auch als olfaktorischer Anschlag auf die Umwelt gelten. Zu rauchen, das hieß also immer auch anzuerkennen, dass das Schöne und das Hässliche, das Lustvolle und das Schmerzhafte dicht beieinanderliegen, ja genau genommen sogar ein und dieselbe Sache sind.

Doch es hilft alles nichts. Die Zeit der Zichte läuft ab. Behalten wir sie in ambiger Erinnerung. War das Rauchen doch nicht nur giftige Inhalation, sondern auch philosophische Tiefenatmung. Darauf eine letzte Zigarette.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im "Philosophie Magazin" Nr. 02/2019.