Das Erscheinen von Emil Ferris’ Comic Am liebsten mag ich Monster muss man sich vorstellen wie ein lang gezogenes Wolfsheulen, das die Szene erschaudern und aufhorchen ließ. Der Debütband gewann seit seiner englischsprachigen Erstveröffentlichung 2017 einige der wichtigsten Preise der Comicwelt: in den USA zwei Ignatz Awards, drei Eisner Awards und schließlich Anfang dieses Jahres den Fauve d’Or des wichtigsten europäischen Comicfestivals in Angoulême. Man hörte viel Lob, und es kursierte ein Zitat von Art Spiegelman aus der New York Times, Ferris' Comic habe Rhythmus und Syntax des Mediums grundlegend verändert. Mein Interesse war also längst geweckt, als folgende Informationen zu mir durchsickerten: Emil Ferris ist eine Frau. Und sie ist 57 Jahre alt. Das stellte die Sache für mich in ein völlig neues Licht. Frauen über 50 sind ja ohnehin rar in jeder medialen Öffentlichkeit, in der Comicbranche sind sie so gut wie abwesend.

Ich hatte also keine geringen Erwartungen, als ich den Comic endlich in den Händen hielt. Und trotzdem wurden sie weit übertroffen. Schon das Cover besticht durch seine Eindringlichkeit. Darauf ist eine Frau zu sehen, rote Lippen, bläuliche Haut, mit einem Blick, als habe sie sich gerade erschrocken nach einem Geräusch umgedreht und fixierte jetzt das soeben Erblickte – nämlich denjenigen, der das Cover betrachtet. Eine Aufforderung, das Monster in sich selbst zu erkennen.   

Am liebsten mag ich Monster übersteigt sowohl inhaltlich als auch formal das Meiste, was ich sonst an Comics gelesen habe. Zu Recht hat die Graphic-Novelistin Alison Bechdel den Comic als "Monster von einem Buch" bezeichnet. Ferris feiert das Andersartige, Abweichende, außerhalb des Gesetzes Stehende, und sie tut das in einer ganz eigenen Ästhetik. Schraffierte, nahezu fotorealistische Kugelschreiberzeichnungen wechseln mit hingekritzelten Kladdenbildern, deren Lässigkeit durch die Tatsache verstärkt wird, dass der ganze Comic wie das Faksimile eines Collegeblocks erscheint – das Skizzenbuch der zehnjährigen Karen Reyes, die wie Ferris selbst im Chicago der Sechzigerjahre aufwächst. Und die sich wünscht, ein Monster zu werden, weil ein Mädchen zu sein zu viele Nachteile mit sich bringt.

Das eindringliche Cover des Comicbands © Panini

Auch das ist autobiografisch, wie ich später herausfinde, als ich alles lese, was ich zu Emil Ferris finden kann: "Ich wollte nie eine Frau sein", wird sie im Guardian zitiert. Es schien ihr einfach keine gute Sache zu sein, auch nicht, ein Mann zu sein: Beiden sei es nicht erlaubt, sich authentisch zu verhalten und ihre Persönlichkeit zu entfalten. Ein Monster zu sein hielt sie für die Lösung – als Ausweg aus der Enge der binären Geschlechterkonstruktion und als Schutz vor sexueller Gewalt. Auch im Comic wird Karens Wunsch, ein Monster zu sein, nicht zuletzt plausibel durch Situationen der Bedrohung, wie der, als sie nur knapp einer Gruppenvergewaltigung durch Mitschüler entgeht.

Jule Hoffmann, geboren 1988 in Lübeck, arbeitet als freie Redakteurin und Autorin für Deutschlandfunk Kultur. Sie ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Ferris skizziert das Monster als mächtige, potenziell bedrohliche und zugleich komplexe, verletzliche Gestalt, die sich besonders dadurch auszeichnet, anders zu sein als der Rest der Gesellschaft. In Interviews erzählt sie, wie sie als Fünfjährige The Wolf Man im Fernsehen sah und mit dem Monster mitlitt. Ihre Sympathie gilt den Gejagten, den Monstern und Werwölfen, während sie der Gesellschaft eine engstirnige und feindselige "Dorfbewohner-Mentalität" bescheinigt. Interessanterweise ging die bisherige Rezeption auf den feministischen Standpunkt der Handlung und der Autorin kaum näher ein. Es ist fast, als erweise sich Bechdels Bemerkung, das Buch sei ein "Monster", gleich in mehrfacher Hinsicht als wahr: Hinter der Monster-Metapher steckt feministischer Sprengstoff, der aber nur unbewusst rezipiert wird, so sehr er auch im Zentrum der Handlung steht. Möglicherweise hat die Monsterthematik den Comic auch davor bewahrt, in die feministische Schublade gesteckt zu werden.

Ein Meisterwerk also, noch dazu aus den Händen einer 57-jährigen Comiczeichnerin. Letzteres spielt für mich eine größere Rolle, als ich erwartet hätte. Zwar gibt es sie, die nicht mehr ganz jungen weiblichen Zeichnerinnen wie die schon erwähnte Alison Bechdel (weitere, die mir einfallen, sind Marjane Satrapi, Ulli Lust, Claire Bretécher). Aber selten wird eine von ihnen auf so großer Bühne so frenetisch gefeiert. In der Generation der Altmeister, der vielzitierten Größen wie Jacques Tardi oder Alan Moore, sind die wenigsten Frauen so präsent, dass auf sie Bezug genommen wird.