Der diesjährige 8. März ist in Berlin erstmalig gesetzlicher Feiertag. Zwischen Parlamentsbeschluss und Umsetzung lagen nur sechs Wochen. Ein unglaubliches Tempo in einer Stadt, wo der Säugling schon zahnt, ehe die Geburtsurkunde ausgestellt ist und vom neuen Flughafengebäude die Buchstaben des Namensgebers schon abgefallen sein werden, ehe der BER eingeweiht ist.

Dass es ausgerechnet der Frauentag ist, kam selbst für organisierte Feminist*innen überraschend. Er ist quasi ein Geschenk, das auf keinem Wunschzettel stand. Der 8. März war ein Kompromiss der im Abgeordnetenhaus regierenden Parteien SPD, Die Linke und Bündnis 90/Grüne. Es gab andere Vorschläge für einen Feiertag, den Berlin nötig hatte, gab es doch hier bisher nur neun freie Tage im Jahr. Zum Vergleich: Bayern hat 13 Feiertage. Es hätte auch der 18. März, der 8. Mai oder der 9. November werden können, aber keiner dieser Vorschläge bekam eine Mehrheit. Nun also der Frauentag. Die Berliner*innen sind nicht allein, in 26 Ländern, darunter Georgien, Angola, Nordkorea, der Ukraine und auf Kuba, ist der "Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden" ein arbeitsfreier Tag. Die Frauenrechtlerin und spätere Kommunistin Clara Zetkin hatte ihn 1911 initiiert. Doch kaum fiel das Wort Frauentag, schon gab es Leute, die Angst hatten, mit Piccolo und Peitschen bewaffnete Frauenhorden auf Bierbikes könnten das an diesem Tag weiter hart arbeitende Brandenburg unsicher machen. Dabei ist es das Ganze keine schlechte Idee. 

Showtag für die Rechte der Frauen

Das sage ich, obwohl ich als im Osten Deutschlands Aufgewachsene ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Showtag für die Rechte der Frauen habe. In einem der besten Dokumentarfilme über Frauen, Winter adé von Helke Misselwitz aus dem Jahr 1988, trifft die Filmemacherin auf ihrer Reise durch die DDR Frauen verschiedenen Alters, Familienstands, politischer Haltung. Als sie in Berlin ankommt, wird am Alexanderplatz in den Fernsehern der Schaufenster vom Centrum-Warenhaus flackernd der Festakt zum Internationalen Frauentag übertragen. Der Nachrichtensprecher stellt die "45-jährige Anita Hoffmann, Elektromonteur im Gaskombinat Schwarze Pumpe" vor. "Erich Honecker dankt der Mutter von vier Kindern besonders für die Arbeit bei 20 Grad Minus. Die Gasversorgung erfolgte zu dieser Zeit pünktlich und ohne Schwankungen." Dann Schnitt auf die anderen sorgsam frisierten Ausgezeichneten mit den müden Augen. Chor und Orchester der Staatsoper und das Ballett des Friedrichstadtpalastes interpretieren: "Untern Linden, Untern Linden, da spaziern die Mägdelein …"

Annett Gröschner lebt als Schriftstellerin und Publizistin in Berlin. Sie schreibt Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke, Radiofeatures und Reportagen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © privat

Mein Vater stellte sich am 7. März stundenlang mit anderen Kollektivleitern vorm Blumenladen an, ein lustiges Bild, sonst bildeten überwiegend Frauen die Schlangen. Oder er bestach seine Parteifreunde von der Bauernpartei, die Gewächshäuser hatten, für ein paar Nelken, die ohne Draht nicht in der Vase stehen konnten. Seine Kolleginnen, allesamt Kälteingenieurinnen, revanchierten sich mit selbst gebastelten Pornodarstellerinnencollagen aus in den Osten geschmuggelten Sexzeitschriften, die sie ihren Männern geklaut hatten. Meinem Vater war das peinlich. Meine Mutter zeigte sie ihren Freundinnen auf den Partys mit selbst gemachtem Eierlikör, für den die Chemiefacharbeiterinnen den Primasprit aus dem Labor entwendeten, bis sie so blau waren, dass sie die Pornoposen nachstellten und danach vor Lachen unter den Tisch fielen. Kein Wunder, dass die Wirtschaft implodierte. Als ich im Herbst 1989 mit ein paar Frauen eine unabhängige feministische Gruppe gründete, war mein Namensvorschlag "Nie mehr 8. März".

Dreißig Jahre später bin ich etwas milder, was den Frauentag angeht. Ihn nicht zu begehen, ist ja auch keine Lösung. Die Geschlechterverhältnisse werden dadurch keinen Deut besser. Als die Ostfrauen per Beschluss der Bundesrepublik beitraten, trafen sie im Westen zwar auf viele Feministinnen, waren jetzt aber Bürgerinnen eines Entwicklungslandes, was die Rechte der Frauen anging. Sie mussten erst mal dafür kämpfen, dass ihnen die Rechte, die sie in der DDR hatten, nicht wieder weggenommen wurden. Vom Haushaltstag über die Fristenlösung bis zu den Vollzeit-Kindertagesstätten gelang ihnen das nicht. Sie konnten und wollten nicht das gut gemeinte Angebot ihres zuständigen Arbeitsamts annehmen, die Männer arbeiten zu lassen, zu Hause zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern.

1990 traf Internationaler Frauentag auf Weltfrauentag, oft gab es in den folgenden Jahren in Berlin mehrere Demonstrationen zum 8. März. Er wurde mehr Kampf- als Feiertag. Feministinnen in Ost und West sprachen die gleiche Sprache, meinten aber oft etwas anderes. Westfrauen hielten Ostfrauen für unemanzipiert, weil die ihre Berufsbezeichungen im generischen Maskulinum formulierten und nicht gegen die Männer kämpften, sondern sie einbeziehen wollten in den Kampf gegen patriarchale Verhältnisse. Die Ostfeministinnen fanden die Westfeministinnen humorlos, aus undurchsichtigen Gründen zerstritten und in einem Müttermythos gefangen, egal, ob sie sich vehement dagegen auflehnten oder sich ihm hingaben. Diese Kämpfe sind Geschichte. Als mir neulich mein Uni-Diplom in die Hände fiel, war ich drauf und dran, das Dokument ungültig zu machen, indem ich an das "Diplom-Germanist" ein "in" anhängen wollte. Die männliche Bezeichnung hatte nichts mehr mit mir zu tun.