Der nachhaltigste Protest, den Ostfrauen hervorgebracht haben, war der kollektive Gebärstreik einer ganzen Frauengeneration Anfang der 1990er-Jahre. Man kann ihn heute noch sehr gut sehen in den Alterspyramiden, die schon lange keine Pyramiden, sondern Tannenbäume sind. In der Altersklasse zwischen 25 und 30 ist da im Osten eine gut sichtbare Kerbe im Stamm, in manchen Landkreisen aber wurden auch danach keine Kinder mehr geboren, weil die jungen, gut ausgebildeten Frauen aus den deindustrialisierten und so gar nicht blühen wollenden Landschaften weggingen. Dort sieht die Alterspyramide inzwischen aus wie ein Laubbaum.

Die Mehrheit der Ostfrauen war pragmatisch. Sich von einem Mann aushalten zu lassen, gar abhängig zu sein, das konnten sie sich nicht vorstellen. Also haben sie alles gemacht, was ihnen möglich war: vom BMSR-Techniker zur Blumenbinderin umgeschult, fürs halbe Geld. Jede ABM-Stelle angenommen, Minijobs, Leiharbeit, Pendelei. Für junge Frauen mag es heute nicht mehr wichtig sein, ob sie aus dem Osten oder aus dem Westen kommen. In einem Punkt aber gibt es immer noch große Unterschiede: Im Osten war es nämlich seit Generationen üblich, als Frau Vollzeit arbeiten zu gehen und trotzdem eine Familie zu haben. Und es gibt weibliche role models, die ihre Töchter nicht mit überkommenen Rollenmustern verunsichern. Heute ist der Kreißsaal, was die Rollenverteilung angeht, wieder das Tor zum 19. Jahrhundert und das Ehegattensplitting eine Subvention des Konservatismus.

Fernstudium bei vollem Schichtbetrieb

Ostfrauen spielen in feministischen Bilanzen selten eine Rolle. Wie käme es sonst, dass die meisten nicht merken, dass der viel zitierte Satz, in Deutschland habe bis 1977 eine Frau keinen Beruf ausüben dürfen, wenn der Ehemann nicht einverstanden war, nicht korrekt ist. In der Bundesrepublik war das zweifelsohne so. In der DDR dagegen war es zur selben Zeit ein anerkannter Scheidungsgrund, wenn der Mann seine Ehefrau nicht in ihrer Qualifizierung, meist Fernstudium bei vollem Schichtbetrieb, unterstützte. Unter jüngeren Feminist*innen ist es immer noch nahezu unbekannt, dass eine gar nicht so kleine Gruppe von Frauen, die anfangs geschätzte 800.000 Ostfrauen vertrat, sich bis in die frauenpolitischen Gremien der UN vorgekämpft hat, um gegen ein Unrecht aufzubegehren, das ihnen der Einigungsvertrag bescherte: Wegen des fehlenden Versorgungsausgleichs, den es in der DDR nicht gab, und einer anderen Rentenberechnung bekommen in der DDR geschiedene Frauen bis heute trotz vieler Jahre Vollzeitarbeit in Facharbeiter- und akademischen Berufen nur eine sehr geringe Rente. Die Bundesregierung hat jede Regelung zugunsten der Frauen bisher ausgesessen, die Zeit lief gegen die Geschiedenen. Mehr als die Hälfte ist inzwischen gestorben. Im Februar 2017 bestätigte der Frauenrechtsausschuss der Vereinten Nationen den noch Lebenden, dass es sich um ein Unrecht handelt, für das ihnen eine Entschädigung zusteht. Die Angelegenheit liegt jetzt bei der Bundesregierung. Die Frist, die das UN-Gremium der Bundesrepublik für eine Lösung eingeräumt hat, läuft in diesem Monat ab.

Dass die in der DDR geschiedenen Frauen im Einigungsvertrag nur "vergessen" wurden, ist eine Legende. Es ist auch unwahrscheinlich, dass es passierte, um die Frauen im Nachhinein für ihre Unabhängigkeit zu bestrafen. Es zeigt aber, dass der Einigungsvertrag, in dem Frauenrechte so gut wie gar nicht vorkamen, von konservativen Männern gemacht wurde. Es hätte der gemeinsamen Bundesrepublik gut zu Gesicht gestanden, die Frauenrechte in Ost und West zu vereinheitlichen, anstatt die im Osten abzuschaffen.

1994 hatte es am 8. März, koordiniert vom in der Wendezeit gegründeten Unabhängigen Frauenverband, einen gemeinsamen Frauenstreiktag gegeben, und es ist bezeichnend, dass sich nur wenige daran erinnern können. Danach war die Luft erst einmal raus aus der politischen Frauenbewegung. Zu viele Niederlagen hatten müde gemacht. Der Unabhängige Frauenverband löste sich 1998 auf.

Sicherlich ist in den vergangenen 30 Jahren einiges an gesetzlicher Gleichstellung erreicht worden. Aber in vielen anderen Punkten treten wir nach wie vor auf der Stelle oder müssen Frauenrechte gegen einen neuen alten Konservatismus verteidigen.

So gibt es nach wie vor eine Unterrepräsentanz von Frauen, Ostdeutschen, Migrant*innen. Dabei hat eine Erhebung im Rahmen des Projekts "Ostfrauen" des Rundfunks Berlin Brandenburg und des Mitteldeutschen Rundfunks interessante Ergebnisse gebracht: Unter den Ostdeutschen, die es in Führungspositionen geschafft haben, befinden sich überproportional viele Frauen. Je höher die Leitungsposition ist, desto häufiger handelt es sich um eine Frau. Aber es sind eben viel zu wenige.