Muslimisches Leben in China: eine Moschee in der zentralchinesischen Provinz Gansu (links); Angehörige der muslimischen Hui-Nationalität, die rund zehn Millionen Menschen umfasst (rechts) © Artwork ZEIT ONLINE, Fotos [M] Getty Images

Rassistische Vorstellungen haben sich in China im Lauf von Jahrhunderten verfestigt. In seinem Buch Strangers at the Gate beschreibt Frederic Wakeman Jr., wie die Ming-Dynastie vom 14. Jahrhundert an den Kontakt mit anderen Zivilisationen fast völlig abbrach und erklärte, alle fremden Kulturen seien barbarisch. Man müsse sich weder um sie kümmern noch sie fürchten. Mit den Opiumkriegen, die China fast einer Kolonisierung unterwarfen, geriet dieses Weltbild ins Wanken. Seither haben sich andere Vorstellungen einer rassisch begründeten Hierarchie ausgebildet: Ganz oben stehen die Weißen und die Chinesen, die miteinander konkurrieren. Weiter unten gibt es ein Gemisch aus anderen "Rassen", und der den Schwarzen zugewiesene Ort ist ganz unten.

Verschiedene "Rassen" werden auf unterschiedliche Weise diskriminierend betrachtet und jede dieser Betrachtungsweisen hat ihren eigenen Ursprung. Die Feindseligkeit gegenüber den Weißen, den Westlern, entstammt den Demütigungen der Kolonialzeit und der kommunistischen Volkserziehung während des Kalten Krieges. Die Feindseligkeit den Schwarzen gegenüber fußt auf einer traditionellen Verachtung für die dunkle Hautfarbe verstärkt durch die Vorurteile der Kolonialherren aus dem Westen, die die wirtschaftliche Rückständigkeit Afrikas oder gesellschaftlichen Probleme von Afroamerikanern einfach mit der angeblichen "Dummheit" oder "Faulheit" der Schwarzen erklärten.

Das 21. Jahrhundert hat dieser Hierarchie eine neue "Rasse" hinzugefügt: die Muslime. Nach dem 11. September, der weltweiten Zunahme islamistischer Terrorangriffe, den uigurischen Unruhen von 2008, den Aufständen von Ürümqi 2009 und dem Massaker von Kunming 2014 wurden die Muslime langsam ganz unten bei den Schwarzen einsortiert. Diese zusammenfantasierte Hierarchie kann die Mitleidlosigkeit der chinesischen Gesellschaft im Umgang mit tibetischen Buddhisten und den im uigurischen autonomen Gebiet Xinjiang von der Regierung verfolgten Muslimen zum Teil erklären, ebenso wie den in der jüngsten Krise zu Tage getretenen Hass auf Flüchtlinge, unter denen nun mal zahlreiche Muslime sind.

Die Story von Chaos und Gewalt

Für den Hass auf Muslime hat die chinesische Regierung viel Verständnis aufgebracht, sie hat sogar die Verbreitung von Falschmeldungen über "zahlreiche von Muslimen begangene schreckliche Verbrechen" gefördert, die in sozialen Medien grassieren. Diese Art von Fake-News hat in der chinesischen Bevölkerung den Eindruck verfestigt, in Europa und den USA herrschten Chaos und Gewalt, und so die harte Hand des chinesischen Polizeistaats legitimiert. Falschmeldungen werden auch helfen, die brutale Unterdrückung der Muslime von Xinjiang zu legitimieren, falls sie in China bekannt werden sollte – wegen der strengen Kontrolle der Nachrichten aus Xinjiang wissen die meisten Chinesen nichts über die Lage dort.

Fake-News aus von Russland gesteuerten Medien oder von rechten Gruppierungen aus dem Westen sind schnell ins Chinesische übersetzt und von ähnlich gesinnten chinesischen Medien oder Social-Media-Usern verbreitet worden. Viele Auslandschinesen und chinesische Auslandsstudenten waren aktiv daran beteiligt. Die Hauptrolle in diesen lebhaft ausgemalten Storys spielen Flüchtlinge, die in ihren Gastländern Frauen vergewaltigen, Menschen verprügeln oder andere Gesetze brechen. "Die Zahl der Muslime wächst und wächst und irgendwann werden sie die westliche Kultur auslöschen", während die Polizei "wegschaut" oder die Verbrechen vertuscht wegen der "dummen politischen Korrektheit", heißt es dann. Von Kanada bis nach Australien wächst der Protest aus chinesischen Einwanderergruppen gegen ihre Gastländer, weil diese Flüchtlinge aufnehmen.

Im Jahr 2017 machten in China zwei Onlineumfragen Furore. Die Teilnehmenden waren gefragt worden, ob sie selbst Flüchtlinge aufnehmen würden und ob China dies tun solle. An der einen Umfrage, initiiert von einem Weibo-Nutzer namens DoualdS, beteiligten sich 210.000 Menschen. Die andere wurde von der Global Times gestartet, einer nationalistischen staatlichen Webseite. In der ersten Umfrage erklärten 97,3 Prozent der Teilnehmenden, sie seien gegen Flüchtlinge eingestellt; in der zweiten stimmten 79,6 Prozent der Teilnehmenden dagegen, in ihren Städten Flüchtlinge aufzunehmen oder sie als Nachbarn zu haben.

Musterbürger in der Fremde

Nun gehören aber die Chinesen selbst zu einer der größten Migrantengruppen der Welt. Wie gehen die flüchtlings- und migrantenfeindlichen Chinesen mit dieser Tatsache um? Indem sie chinesische Migranten zu den wertvollsten Musterbürgern ihrer jeweiligen Gastländer erklären.

Der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg, der Bürgerkrieg und die Kulturrevolution haben Millionen Chinesen zur Flucht gezwungen. Und nachdem sich das kommunistische China in den Achtzigerjahren der Außenwelt geöffnet hat, verließen chinesische Emigranten ihr Heimatland auf legale wie illegale Weise. 2017 wurden in den USA, Kanada, Australien und Singapur zirka 4.160.000 chinesische Einwanderer gezählt, was sie in diesen Ländern jeweils zu einer der größten drei Einwanderergruppen machte. Auch in einigen asiatischen Staaten wie Indonesien, Japan und Südkorea stellen Chinesen die jeweils größte Einwanderergruppe.

"Chinesen sind schön, mildtätig, klug und haben Klasse. Entspannt sehen wir der Reaktion der Welt auf uns entgegen ... Wir sind Menschen bester chinesischer Abstammung mit erstklassigen Genen, freudig schreiten wir gemeinsam mit der Welt der Zukunft entgegen": Das sagte Zhu Youguang, der Regisseur eines nationalen Imagefilms, im Jahr 2011 zu Journalisten, nachdem sein Film am New Yorker Times Square auf Großleinwänden gezeigt worden war. Screenings in vielen anderen Weltstädten folgten. Zhus Worte spiegeln die in China verbreitete Heimatpropaganda wieder.