Die Menschen haben Angst, ihr Eigentum und ihre Grundversorgung an Außenseiter zu verlieren, an hilfsbedürftige Randgruppen, vor allem weil sie selbst völlig ohne Mitspracherecht sind: Straßenszenen in China. © Artwork ZEIT ONLINE, Fotos [M] Getty Images

Im Einklang mit der Regierungspropaganda erklären viele chinesische Gemeinden im Ausland, Gene, Kultur, Tradition und Geschäftssinn der Chinesen seien von solcher Überlegenheit, dass sie ihren Gastländern viel nützlicher seien als die "faulen Schwarzen" oder die "lästigen Muslime".

Auf Zhihu, eine Art Onlineauskunftsdienst, der Quora ähnelt, findet sich die Frage: "Würden Sie als Chinese, der schon über zwei Jahre in den USA lebt, Hillary oder Trump wählen?" Der Thread darunter zählt 305 detaillierte Antworten und wurde etwa 2,9 Millionen Mal aufgerufen. ALLE Antwortenden sprechen sich für Trump aus. Als Grund wird etwa die "heuchlerische politische Korrektheit" der Demokratischen Partei in den USA angeführt und eine aus der Politik der Demokraten resultierende "Unterdrückung" der "herausragenden, hart arbeitenden Asiaten" durch die "gewalttätigen und faulen Schwarzen und Latinos" und die "bösartigen Muslime".

Aber der jüngste Ausbruch von Hass auf Geflüchtete hat eine direktere Ursache: Die chinesische Regierung hat den von westlichen Liberalen propagierten universellen Werten der Aufklärung den ideologischen Krieg erklärt. Als soziale Medien in China 2016 plötzlich mit diesem Hass überschwemmt wurden, war das ein völlig neues Phänomen. Sein Ursprung liegt in den Anstrengungen der chinesischen Regierung, den Arabischen Frühling und die tunesische Jasminrevolution zu diffamieren.

Erschüttert vom gewaltsamen Tod Gaddafis und dem Zusammenbruch nordafrikanischer Diktaturen und Militärregime begann die chinesische Regierung, die Flüchtlingsfrage als Waffe im Kampf gegen den Westen einzusetzen. Plötzlich dienten die nach dem Arabischen Frühling einsetzenden Flüchtlingsbewegungen und das Versagen des Westens im Umgang mit den arabischen Demokratiebewegungen als lebender Beweis für die jahrzehntelang propagierte These, die Demokratie bringe nichts als Unheil; die Staaten des Westens seien verlogen und förderten Demokratiebewegungen im Ausland nur, um diese Länder zu schwächen oder zu zerstören. Der Informations- beziehungsweise Desinformationskrieg der chinesischen Regierung bereitete den flüchtlingsfeindlichen Ausbrüchen der Bevölkerung emotional den Boden und lieferte ihnen die Argumente.

Interessanterweise zeigt die chinesische Regierung einerseits Sympathie für Geflüchtete, um den "heuchlerischen Westen" kritisieren zu können, der sie nicht alle versorgen kann. Andererseits baut sie der eigenen Bevölkerung eine Sicherheitszone, innerhalb derer sie ihrem Hass auf die Flüchtlinge und alle, die mit ihnen sympathisieren, freien Lauf lassen kann – bis hin zu den wütenden Angriffen auf Yao Chen im Juni 2017.

Der Druck wird nach unten weitergegeben

Neben dem ideologischen Krieg der Gegenwart und vormodernen Traditionen aus der Geschichte spielt für den Hass auf Geflüchtete auch eine weitverbreitete, durch undurchsichtige, undemokratische Machtverhältnisse erzeugte Unsicherheit eine Rolle. Die Menschen haben Angst, ihr Eigentum und ihre Grundversorgung an Außenseiter zu verlieren, an hilfsbedürftige Randgruppen, vor allem weil sie selbst völlig ohne Mitspracherecht sind. Unter dem Druck des raschen gesellschaftlichen Wandels in China und des autoritären Regimes verschärfen sich die sozialen Konflikte. Der Druck wird nach unten an die Marginalisierten und Fremden weitergegeben. Gleichzeitig bereisen immer mehr Chinesen die Welt, und diese verunsicherten Reiseneulinge sorgen sich um angebliche Gefahren in der Fremde.

Wir erleben aber auch, dass sich immer mehr chinesische Auslandsstudenten in der Flüchtlingshilfe und im Kampf gegen Fake-News engagieren. Das Gleiche gilt für viele chinesische Einwanderer der zweiten Generation, die im Westen aufgewachsen sind und den in der Elterngeneration weitverbreiteten Rassismus ablehnen. Leider ist diese Gruppe noch relativ klein.

In den verstörenden Debatten rund um die Flüchtlingsfrage in China stehen Essenzialismus gegen Non-Essenzialismus und der Glaube an das Recht des Stärkeren gegen jenen an gemeinsame Weiterentwicklung und Koexistenz; es stehen Utilitarismus gegen Humanitarismus und die Pseudowissenschaft von genetischer Reinheit und Überlegenheit gegen die Wissenschaft, der Glaube an Hierarchien gegen jenen an die Gleichheit; es steht ein invertierter Orientalismus gegen den Orientalismus ... Die chinesische Regierung, die chinesische Gesellschaft und die Auslandschinesen verweigern die Modernisierung ihres Politikverständnisses. Dieses Versagen, diese Verweigerung befindet sich im Gleichklang mit dem weltweiten Wiedererstarken des Tribalismus und einer Mentalität des sich Abschottens von Gesellschaften, hat dabei aber ihre ganz eigenen chinesischen Wurzeln.

Die Debatten verraten uns viel über die Träume und Hoffnungen der Chinesinnen und Chinesen von heute. Das Bild, das wir dort entstehen sehen, weist nicht in die Richtung einer offenen Gesellschaft mit lebendigem Austausch unter den ethnischen Gruppen, mit Gleichberechtigung ungeachtet der sozialen Herkunft, in der universelle Werte der westlichen Welt Geltung hätten. Es ist ein trauriges Bild, und es lastet schwer auf all jenen Chinesinnen und Chinesen, die sich die Welt anders wünschen.

Aus dem Englischen von Jakob Klagen