Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Am 20. Juni 2017 geriet die Schauspielerin Yao Chen, ein chinesischer Film- und Fernsehstar, deren 80 Millionen Follower auf der Social-Media-Plattform Weibo ihr den Titel "Königin von Weibo" eingetragen hatten, in die bis dahin größte Krise ihrer Laufbahn.

Im Jahr 2013 ist Yao vom Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen zur ersten chinesischen UNHCR-Botschafterin ernannt worden. Zum Weltflüchtlingstag 2017 am 20. Juni schrieb sie dann in einem Weibo-Post, wie berührt sie von den jungen Teilnehmenden eines UNHCR-Festakts gewesen sei. Am nächsten Morgen war ihr Weibo-Profil voller unflätiger Beleidigungen und übelster Angriffe, die auf alle anderen sozialen Medien übergriffen.

In den Tagen darauf musste Yao öffentlich erklären, sie habe nie dazu aufgerufen, dass China Geflüchtete aufnehmen solle (etwa aus dem Nahen Osten), nur zu anderen Formen der Unterstützung. Aber die Angriffe dauerten an und wurden so wild, dass sie heimlich einige Medien bitten musste, bestimmte Berichte oder Posts zu löschen. Nach ein paar Wochen ließ der Hass langsam nach, aber bis heute hängen Yao die online verliehenen Schimpfworte Sheng Mu Biao (verlogene Schlampengöttin) und Bai Zuo (weißer Gutmensch) an. Mit beiden sollen "heuchlerische" oder "naive" Menschen verächtlich gemacht werden, die Sympathien für Flüchtlinge zeigen. Seither wagt es in China kaum noch jemand, öffentlich auch nur die Möglichkeit zu erwägen, China könnte Geflüchtete aufnehmen.

Dieser Hass auf Flüchtlinge (Nan Min) in der chinesischen Öffentlichkeit ist ein relativ neues Phänomen und die Ursachen dessen finden sich ebenso in der Vergangenheit wie in der Gegenwart von Kultur, Politik und Ideologie in China. Diese Ursachen liegen vor uns wie Teile eines zersplitterten Spiegels, wüst verstreut, einander manchmal überlagernd, manchmal weit voneinander entfernt – aber alle Scherben spiegeln die Träume der chinesischen Regierung von heute, der chinesischen Bevölkerung und der Auslandschinesen. Und sie machen wenig Hoffnung auf eine bessere Welt.

Die erste Spiegelscherbe zeigt uns eine unbequeme Wahrheit: den offenen, aber selten offen benannten Rassismus in China.

Zwei Arten von Rassismus

Zum Thema Rassismus in der chinesischen Geschichte und Gesellschaft gibt es nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen. Der Ahnenkult, der sich in der chinesischen Kultur bis heute erhalten hat, macht eine kritische Analyse vormoderner Vorstellungen im chinesischen Kulturerbe schwer. An den streng kontrollierten Universitäten bekommen chinesische Wissenschaftler für Forschungen in diese Richtung keine Erlaubnis.

Und die wenigen internationalen Wissenschaftler, die sich auf dieses Gebiet vorgewagt haben, sind Kritik aus China und sogar vonseiten westlicher Kolleginnen und Kollegen ausgesetzt. Schließlich sei Rassismus ein aus der westlichen Kolonialgeschichte entwickelter Begriff. Im Verbund mit einigen Sinologen hat die chinesische Regierung eine Art "chinesischen Exzeptionalismus" entwickelt. Es gilt die Behauptung, dass alles, was in China nach Rassismus aussieht, etwas völlig anderes sei als der "wahre Rassismus" des Westens, nämlich eine in Geschichte und Kultur begründete Tradition.

Wissenschaftler wie Frank Dikötter und Yinghong Cheng, die zu den wenigen gehören, die zu diesem Thema forschen, konnten jedoch belegen, dass Rassismus nicht nur in China, sondern auch in den Gemeinschaften ethnisch-chinesischen Ursprungs in Übersee weit verbreitet ist. In der chinesischen Geschichtsschreibung hat sich ein ethnozentristisches Bild der Überlegenheit gehalten, das heute eine neue Blüte erlebt.